(R) From her to Eternity

„Als das Kind Kind war, ging es mit hängenden Armen, wollte der Bach sei ein Fluß, der Fluß sei ein Strom, und diese Pfütze das Meer. Als das Kind Kind war, wußte es nicht, daß es Kind war, alles war ihm beseelt, und alle Seelen waren eins.“ 

Wim Wenders Film DER HIMMEL ÜBER BERLIN ist in seinen gesamten zwei Stunden Poesie in den verschiedensten Formen. Wer schon immer die Vorlage zu CITY OF ANGELS – STADT DER ENGEL gesucht hat, hier ist sie.

A SHORT CUT

Damiel und Cassiel sind Engel in Berlin. Ihr Schicksal ist die Unsterblichkeit, ihre Aufgabe über die Menschen zu wachen. Ihr Fluch: Sie sind dazu verdammt auf ewig nichts berühren zu können, nichts zu schmecken, nichts zu riechen und die Welt in Schwarzweiß zu erleben. Doch Damiel lernt zu Lieben – eine Trapezkünstlerin namens Marion. Für sie geht er den Weg zum Leben, auch wenn ab da an das Sterben dazu gehört. Er erkennt, das es mehr gibt als nur Gedanken und Unsterblichkeit – es gibt die Menschlichkeit in all seinen Facetten… und es gibt noch andere wie ihn, wie der Filmstar weiß.

„Als das Kind Kind war, hatte es von nichts eine Meinung, hatte keine Gewohnheit, saß oft im Schneidersitz, lief aus dem Stand, hatte einen Wirbel im Haar und machte kein Gesicht beim fotografieren.“

DER HIMMEL ÜBER BERLIN ist eine Hommage an uns – die Menschen und das was uns ausmacht. Aber gleichzeitig auch eine Ode an die Stadt Berlin als Ganzes (Ost- wie Westberlin).
Der Engel Damiel (gespielt von Bruno Ganz) durchstreift seit ungezählten Jahren und Jahrhunderten zusammen mit seinem Begleiter Cassiel (gespielt von Otto Sander) die Straßen von Berlin. Wenders zeigt uns dieses Berlin der 1980iger Jahre in langen Kamerafahrten über die Stadt, durch Stadtteile, Straßen und einzelne Häuser aus der subjektiven Sicht der beiden Engel. Und diese Sicht ist schwarzweiß. Dementsprechend fehlt auch dem Film jedweder Farbtupfer. Trostlos sieht es aus, schwermütig und verloren. So wie die Gefühlslage des Protagonisten Damiel. Diese Bilder sind bestimmt von ruhigen, endlos erscheinenden Minuten, in denen nichts zu passieren scheint. Doch wir hören ein ständiges Stimmengewirr, ein Chaos aus Gedanken der Menschen dieser Stadt. Und mit jeder Ranfahrt an einzelne Gesichter filtert sich dieses Denken heraus, wird vernehmbar als oft verwirrende Wortfetzen und manchmal auch poetische Sätze, als unzusammenhängende Phrasen und doch daraus erkennbare Sorgen, Nöte, Freuden … kurz: Gefühle der jeweiligen Personen. Das ist es, was Damiel hört. Das ist es, was er selbst auch erleben will!
Neben dem ungewohnten Schwarzweiß der Bilder ist das zu 90% aus dem Off gesprochene Wort (dessen poetische Auslegung dem Co-Autor Peter Handke zusteht) äußerst gewöhnungsbedürftig, macht aber die Situation des Protagonisten für den Zuschauer nachvollziehbarer, verständlicher. Die wenigen Dialoge des Films sind vorwiegend den Szenen mit dem Filmstar (gespielt von Peter Falk) vorbehalten. An diesen Stellen hat DER HIMMEL ÜBER BERLIN nicht nur graue Wolken zu bieten, sondern auch klare, wolkenfreie Sicht.

Oder anders ausgedrückt: Es ist amüsant dem Filmstar zu zuschauen. Exemplarisch und zum Schmunzeln die Szene der Wahl des passenden Hutes für den zu drehenden Film oder der an einer typischen Berliner Imbissbude stattfindende Monolog des Filmstars mit dem unsichtbaren Engel Damiel. Das lockert den Film auf, bevor er gänzlich in Schwermut versinkt.

DER HIMMEL ÜBER BERLIN ist nicht zuletzt auch eine Hommage an die Liebe – die Liebe zwischen Mann und Frau sowieso – aber auch die Liebe an die Stadt und die Liebe an vergangene Erinnerungen.

Die beiden letzten Aspekte zeigen sich einmal auf der filmischen Ebene: Wenders baut dokumentarische Szenen aus den Kriegsjahren in Berlin ein, die fließend in das Jetzt übergehen. Sowie auf der darstellerischen Ebene: Homer (gespielt von Curt Bois), ein alter greiser (weiser, nomen est omen!) Mann, auf der Suche nach dem Potsdamer Platz, auf dem er eigentlich zu dem Zeitpunkt steht. Im Niemandsland, kurz vor der damals noch mehr als realen Berliner Mauer. An dieser Stelle ist auch ganz kurz die Gesellschaftskritik des Films spürbar, erkennbar, greifbar. „Ich werde solange suchen bis ich den Potsdamer Platz finde.“ sagt Homer… bis er ihn so wieder findet, wie er in seiner Erinnerung besteht… damals als Berlin noch eins war.

Die Suche nach der Liebe ist mit dem Erscheinen von Marion (gespielt von Solveig Dommartin, Wenders damaliger Freundin) für Damiel beendet. Für ihn ist diese Frau, die in einem Gedanken- und Gefühlschaos lebt, der Grund seine Unsterblichkeit aufzugeben. Nicht der einzige… aber wohl letztlich der finale Antrieb!

„Als das Kind Kind war, war es die Zeit der folgenden Fragen: Warum bin ich ich und warum nicht du? Warum bin ich hier und warum nicht dort? Wann begann die Zeit und wo endet der Raum? Ist das Leben unter der Sonne nicht bloß ein Traum? 

Ist was ich sehe und höre und rieche nicht bloß der Schein einer Welt vor der Welt? Gibt es tatsächlich das Böse und Leute, die wirklich die Bösen sind? Wie kann es sein, daß ich, der ich bin, bevor ich wurde, nicht war, und daß einmal ich, der ich bin, nicht mehr der ich bin, sein werde?“

Damiel wagt den Schritt (der optisch an seinen nun sichtbaren Fußabdrücken im Sand erkennbar ist) in das sterbliche Ich. Wenders wechselt zum Farbfilm und bleibt dabei (mit kurzen Unterbrechungen, wenn aus Cassiels Sicht gefilmt wird) bis zum Ende. Einem Ende, das im Gegensatz zur Kopie CITY OF ANGELS – STADT DER ENGEL hollywoodreif daherkommt. Damiel findet im Gewirr der Großstadt Berlin Marion, weil es für sie trotz allem Chaos einen Bezugspunkt im Leben gibt. Sie liebt die Musik von Nick Cave und auf dem Konzert finden sie so zueinander. „From Her to Eternity“ erklingt im Hintergrund und die Liebenden stehen sich zum ersten Mal leibhaftig gegenüber… Happy End! Das Einzige, was DER HIMMEL ÜBER BERLIN mit Hollywood verbindet.

Oder fast. Denn es gibt natürlich noch inhaltliche Gemeinsamkeiten zwischen beiden Filmen. Neben dem Treffpunkt der Engel (wie bei DER HIMMEL ÜBER BERLIN ist dies auch bei CITY OF ANGELS – STADT DER ENGEL die Bibliothek) ist dies vor allem auch die allgemeine Umsetzung: lange (aus der Vogelperspektive) gefilmte Kamerafahrten über die Stadt, die Dialoge zwischen den beiden Engeln, das Gedanken lesen (was Wenders allerdings mehr in den Vordergrund stellt) und der Umstand, das die Engel für ihre Umwelt unsichtbar erscheinen (außer den Kindern). Daher scheint es gar nicht abwegig die einzelnen Darsteller mit ihren Pendants gleich zusetzen und das geht ganz einfach…

THE ACTORS – ORIGINAL vs. KOPIE

BRUNO GANZ (Damiel) vs. NICOLAS CAGE (Seth)

Es ist verblüffend, wie man schon allein mit Mimik und Gestik eine Figur zum Leben erwecken kann. Bruno Ganz ist in seiner Darstellung distanziert, zurückgenommen und lässt doch zu jeder Zeit das Mitgefühl über den seelischen Zustand erahnen. Seine wenigen Worte sind nicht tragend für den Film, dafür sorgen dann doch eher die gesprochenen Gedanken der Menschen, aber allein sein wortloses Schauspiel erreicht eine sprachlos machende Brillianz in einem Film der großen Worte.

SOLVEIG DOMMARTIN (Marion) vs. MEG RYAN (Maggie)

Süss, der französische Akzent, wenn sie redet. Solveig Dommartin strahlt im Film erhabene Eleganz aus. Und das nicht nur in den Szenen, wo sie ihre Trapezkunst vollführt, sondern vor allem auch in der Darstellung der Zerrissenheit und des Gefühlschaos ihres Charakters – mimisch, gestisch, sowie in den Worten. Und in der Szene, wo sie allein, verträumt vor ihrem Zirkuswagen sitzt und das künstliche Licht sie anscheint, gleicht sie mehr einem Engel als Damiel und Cassiel zusammen. So leuchtend.

OTTO SANDER (Cassiel) vs. ANDRE BRAUGHER (Cassiel !!)

Er tut das, was er als Charaktermime schon immer gut konnte. Mit wenig Worte, allein durch seine Präsenz, Wirkung zu erzielen. Otto Sander ist zwar nur in der Nebenrolle, hat aber am Ende eine der erhabensten Szenen des ganzen Films: Nick Cave spielt „From her to eternity“, Damiel findet Marion und Cassiels Gesicht verwandelt sich kurz von Freude zu Trauer. Er wendet sich ab und schlägt mit der Faust gegen die Wand. Dieser kleine Augenblick im Film gehört ihm und der Frage nach dem ‚Warum ich nicht auch? Wenn er es geschafft hat, kann ich den Weg ebenso gehen’… von der Ewigkeit zur Sterblichkeit.

PETER FALK (Der Filmstar) vs. DENNIS FRANZ (Nathaniel Messinger)

Eindeutiger auflockernder, amüsanter Part im Film ist die Rolle von Peter Falk als er selbst, der nach Berlin gekommen ist, um einen Film zu drehen. Und Peter Falk sieht nicht nur so aus wie in seiner Paraderolle als Columbo. Nein, er spielt hier auch genauso. Immer einen lockeren Spruch auf den Lippen und doch den einen oder anderen Moment nachdenklich und grüblerisch. Nicht zuletzt spielt sein Charakter eine nicht unwesentliche Rolle, ist er doch ebenso ein „gefallener“ Engel, eingetaucht im großen Spiel, das man Leben nennt.

„Als das Kind Kind war, erwachte es einmal in einem fremden Bett und jetzt immer wieder, erschienen ihm viele Menschen schön und jetzt nur noch im Glücksfall, stellte es sich klar ein Paradies vor und kann es jetzt höchstens ahnen, konnte es sich Nichts nicht denken und schaudert heute davor.

Als das Kind Kind war, spielte es mit Begeisterung und jetzt, so ganz bei der Sache wie damals, nur noch, wenn diese Sache seine Arbeit ist.“

Wim Wenders‘ DER HIMMEL ÜBER BERLIN ist die Poesie im Film. Seine Darstellung eines geteilten Berlins mit all seinen Ecken und dreckigen Fassaden – mit all seinen schönen Plätzen und Gebäuden, mit all seinen Menschen, die ideologisch und real getrennt voneinander leben und doch in ihren Gedanken und Gefühlen eins sind – wird ständig getragen von verträumten, visionären Bildern. Die Schwarz-Weiß-Welt der Engel erzeugt in seiner Gesamtheit ein dumpfes, verstörendes Bild dieser Stadt – aber ein ungeteiltes. Denn für die beiden Engel ist der Himmel über Berlin frei und ohne Grenzen. Die getragene, ruhige Stimmung, die Kameramann Henri Alekan in seinen Bildern erzeugt, wird gesteigert durch die poetischen, von Pathos begleiteten Gedanken der Menschen (in den Mund gelegt durch Co-Autor Peter Handke) und unaufdringlich durch überwiegend klassische Musik im Hintergrund untermalt. Nur selten bricht Wenders aus dieser Stille des Films aus, wird lauter (vor allem in den Konzertszenen) oder lustiger (wenn der Filmstar seinen Auftritt hat). Doch diese schnellere Erzählung wird genau so schnell wieder abgelöst von dem taumelnden Traum der Großstadt Berlin und seinen Bewohnern.

Wäre DER HIMMEL ÜBER BERLIN kein Film, wäre es ein Gedicht – ein Gedicht an das Leben und den Sinn des Lebens. Wäre DER HIMMEL ÜBER BERLIN aber nur ein Gedicht, wäre das nur halb so schön.

„Als das Kind Kind war, warf es einen Stock als Lanze gegen den Baum, und sie zittert da heute noch.“

© Stepnwolf
1st published on ciao.de
Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Erde abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu (R) From her to Eternity

  1. Pingback: (R) Engel fliegen einsam | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s