(R) Eternal life is now on my trail

„…got my red glitter coffin, man, just need one last nail.“

So heißen die ersten beiden Zeilen aus dem Lied ETERNAL LIFE. Das der letzte Nagel so schnell da sein würde, hätte wohl selbst der Sänger dieses Stückes damals nicht geahnt.

„Well it’s my time coming, I’m not afraid to die. My fading voice sings of love.“

ETERNAL LIFE ist Titel 9 auf GRACE dem Debütalbum von Jeff Buckley und ein perfektes Beispiel für den musikalischen Stil des kompletten Silberlings. Bestimmt von einer lauten, vorwärts treibenden Gitarre und einem schnellen, extrem pushendem Schlagzeug rockt das Teil von der ersten bis zur letzten Note. Nur ganz kurz erlaubt sich der Song eine kleine Verschnaufpause um zum noch lauteren furiosen Finale zu gelangen. Nur das allein macht natürlich noch keinen guten Rocksong. Das ist richtig. Doch wenn der Gesang von Jeff Buckley in Kombination mit der Musik erklingt, ist das einfach nur außergewöhnlich. Denn der lebt jedes einzelne Wort und packt so viel Gefühl rein, das es manchmal sogar wehtun kann.

Es gibt auf dem Album mehrere solcher arrangierten Lieder. Zum Beispiel auch das dem Album seinen Namen gebende zweite GRACE: eine melodische Gitarre durchzieht den gesamten Titel, ist während des Gesangs nur leise begleitend, dafür aber in den Zwischenparts Ton angebend. Jeff Buckleys Gesang ist wie ein Chamäleon, extrem wechselhaft. Schwankt von dumpfen, leise intonierten über hoch gepitchte bis zu schreiend, kreischenden Stellen im Lied und steht dadurch unzweifelhaft ständig im Vordergrund. Verstärkt wird das ganze durch die starke Schlagzeugunterstützung, die gerade gegen Ende eine extreme Präsenz signalisiert und den so schon intensiven rockenden Charakter noch steigert.

„This is our last goodbye. I hate to feel the love between us die. But it’s over.“

Auch LAST GOODBYE ist gekennzeichnet durch eine schöne flüssige Gitarrenmelodie und Takt angebendem Schlagzeug (hier, um dem Thema von Abschied noch die entsprechende dramatische Note zu verleihen, zusätzlich durch zwischenzeitlich einsetzende Streicher unterstützt). Auffallend sind in vielen Songs von Jeff Buckley nicht nur sein wechselhafter Gesang, der sich wirklich in verschiedenen Tonlagen aufhält, sondern auch die variierenden Instrumente. Nichts mit monotonem gleich bleibendem Melodieverlauf. Nichts mit schnarchender Untermalung. Nein. Die einzelnen Instrumente haben oft Platz für eigene Interpretationen, bestechen durch Tempi- und Lautstärkewechsel und auch Soloparts. Das macht die Titel immer ein wenig unberechenbar und hat außerdem den Vorteil, dass man, egal wie oft man auch einen Song auf diesem Werk hier hört, stets etwas Neues entdeckt. Abwechslung ist am Ende das, was oft den Unterschied zwischen einem durchschnittlichen und einem perfekten Album ausmacht.

Bei „Grace“ bietet sich eigentlich nur Letzteres an. Und da wir grad von perfekt reden und bisher noch immer bei den lauten rockenden Stücken sind, kommen wir zu DEM genialsten Werk überhaupt. Ein geschliffener Diamant unter lauter anderen Edelsteinen:

Denn das ist SO REAL definitiv! Eine nach Blues klingende Anfangsmelodie leistet der ruhig beginnenden, etwas schmalzig klingenden Stimme Gesellschaft…

„Love, let me sleep tonight on your couch and remember the smell of the fabric of your simple city dress.“

…und dann setzt das Schlagzeug ein und Jeff Buckley wechselt die Tonlage, klingt glasklar und präsent… „Oh, that was so real!“ …um sofort wieder zurück zu fallen in die vorherige Lethargie. Dieser bisher noch immer recht ruhige Verlauf des Liedes wird plötzlich durch ein Gitarrensolo unterbrochen. Krächzend. Kreischend. Total schief klingend. Verstörend.

Pause! Gefolgt von leise gehauchten Worten: „I love you, but I’m afraid to love you!“

Emotionalität in Perfektion. Hier auf zwei Ebenen vermittelt, auf der einfacheren lyrischen (und gesanglich interpretierten), sowie der instrumentalen. Denn so emotional gespalten, wie der Protagonist des Titels zeigt sich auch die klangliche Umsetzung der Instrumente. So viel Dramatik und Gefühl, die SO REAL in fast fünf Minuten ausdrückt, schaffen andere Künstler nicht mal mit einem ganzen Album! Hochachtung und Respekt. Unbedingte Hörpflicht!

Nach diesen aufwühlenden ersten vier Songs haben wir uns ein bisschen Ruhe verdient. Deshalb kümmern wir uns im Folgenden um die leisen Momente auf GRACE.

LILAC WINE ist dabei der erste langsame Song, der unser Ohr umschmeichelt. Gleichzeitig auch die erste Coverversion (wie übrigens alle Balladen auf diesem Album). Auffallend ist die nur dezente Begleitung der vorher doch so lauten Instrumente. Das hat jedoch den Effekt, dass der Gesang in den Vordergrund rückt (noch mehr als bisher). Und schon wieder einmal zeigt sich Jeff Buckleys Sinn für emotionale, mitreißende, hingebungsvolle Interpretierung von lyrischen Texten. Bei ihm werden selbst die einfachsten Worte zu verehrungswürdige beachtenswerte Sätze verknüpft, die nur so vor Poesie strotzen. Jeff Buckley singt nicht – er lebt einen Song!

Dieses Prinzip setzt sich auch beim Leonard Cohen Cover HALLELUJAH so fort. Die Instrumentierung wird hier auf ein Minimum (genauer: Gitarre) beschränkt. Und eben diese Gitarre, an den richtigen Stellen melodisch unterstützt eingesetzt, bildet den einzigen Kontrapunkt zum leisen, ruhigen Gesang der das Lied bestimmt. Und wer noch immer nicht von Jeff Buckleys gesanglichen Qualitäten überzeugt ist, wird spätestens jetzt zustimmend mit dem Kopf nicken.

Sporadischer ist der Einsatz der Gitarre nur noch bei CORPUS CHRISTI CAROL, wo sie nur als leiser Begleiter fungiert. Jeff Buckley erlaubt sich hier einen dermaßen hoch intonierten Gesang, dass man zeitweise erstaunt ist, wo er das herholt. Ob er den Stimmbruch irgendwie übergangen hat? Denn normal klingt das nicht. Aber was ist schon normal auf einem abwechslungsreichen Album wie diesem?

Ganz sicher nicht der eigentliche Opener des Silberlings MOJO PIN, mit dem wir auch gleichzeitig aus den tiefen, ruhigen und stillen Regionen in die lauteren, rockigeren zurückkehren! „It’s a song about a dream.“ lässt Jeff Buckley uns wissen. Nach einem langsamen, beruhigenden Auftakt, der durch gelegentliche verträumt klingende Melodieverläufe bestimmt ist, steigert sich der Song stetig. Um sich in den letzten anderthalb Minuten laut und explosiv zu entladen. Schon der Einstieg ins Album ist charakteristisch für den Rest: Tempiwechsel, laute und leise Passagen und die nun schon oft genug erwähnte tiefer gehende, hoch emotionale Interpretation der Texte. Eine verdammt eingängige Kombination.

LOVER, YOU SHOULD’VE COME OVER wartet mit einem seltsamen Einstieg auf: klingt doch tatsächlich wie ein Schifferklavier (landläufig auch unter Akkordeon bekannt), interpretiert wohl von einem Synthesizer. Kurz darauf folgt eine die Melodie vorgebende Akustikgitarre. Jeff Buckley erzählt die Geschichte eines sich nach Liebe verzehrenden lyrischen Ichs, der in seinem Gefühlschaos ertrinkt. Erstmalig und auch einmalig auf diesem Album wird er dabei teilweise von einem Backgroundchor unterstützt, der die melodramatische Situation nur noch mehr verstärkt. Spätestens zum Finale des Stückes während den verzweifelt gesungenen (und mehrmals wiederholenden) Worten „It’s never over!“ wird der Schmerz überdeutlich. Da bedarf es eigentlich nicht noch einer klagenden Hammondorgel (die trotzdem zum Einsatz kommt). Der Song lebt die Liebe – lebt den Schmerz… und die Kombination aus beidem.

Der letzte Titel des Werkes hat seinen Namen wahrlich verdient. DREAM BROTHER klingt in großen Teilen wie ein Traum. Schwebende Gitarrenmelodien, ein zu Anfang orientalischer Einstieg wie aus ‚Tausend und eine Nacht‘ sowie der leichte, losgelöste Gesang Jeff Buckleys. Dazu ständig wiederkehrende Percussioneinsätze, deren trommelnder Rhythmus den Zuhörer zusätzlich in einen tranceartigen Zustand versetzt. Unterbrochen wird dieser Traum nur kurzzeitig, wenn eine lautere Passage wie ein waches Intermezzo erscheint, sich aber nicht wirklich durchsetzen kann.

So endet das Debütalbum GRACE von JEFF BUCKLEY. Eines der popkulturellen Hinterlassenschaften, das jede gut sortierte Musiksammlung bereichern sollte. Wie es auch die meine bereichert hat.

© Stepnwolf
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