(R) Liebeskummer, Biolek und ganz viel Oasis

Es war am Ende des letzten Jahrtausends als ich das erste Mal den Namen Stuckrad-Barre vernahm. Während meiner Ausbildung, zu der Zeit als der so genannte Handyboom seinen Höhepunkt erreicht hatte. Wir hatten damals ein Promotionteam eines namhaften Mobilfunkanbieters im Hause. Nun ja, Team wäre übertrieben. Es war ’nur‘ eine hübsche blonde 22jährige…
Jedenfalls war sie großer Stuckrad-Barre Enthusiast  (und Rio Reiser noch dazu!) und erzählte mir ständig was von wegen Remix und Soloalbum. Klang irgendwie unwichtig und schien es auch tatsächlich zu sein. Sie ging und damit auch der Name Stuckrad-Barre…
Einige Zeit später sah ich eben jenen Typen wieder. Auf MTV (als es noch sehenswert war), wo er Lesungen hielt und über Musik palaverte. Und wieder ging der Name dahin… Bis ich dann im Jahre 2003 etwas über einen Kinofilm hörte, in dem Nora Tschirner (ebenfalls bei MTV zuerst bemerkt) mitspielen sollte. Der Film hieß „Soloalbum“ und war die Buchverfilmung des Romans von Benjamin von Stuckrad-Barre. Da war er wieder. Der Name. Und von da an blieb er auch. Und nicht nur er, sondern auch der Wunsch, jetzt endlich mal zu erfahren, was an diesem Popliteraten so besonders sein sollte.

Der Anfang vom Ende. Ich lese ihn bis heute…

„Der Scheiß ist ja, das man zu Oasis fast gar nicht tanzen kann. Bloß immer trinken!“

Zwei Sätze, die schon einiges vom Inhalt des Buches wiedergeben. Es geht um Musik, es geht um Alkohol und es geht um eine Frau, die der Grund dafür zu sein scheint.

Katharina hat den Protagonisten unseres Buches verlassen. Und das ist der Moment, sich in Selbstzweifel und Selbsthass zu ertränken, weil SIE ja die einzig wahre ist und es keine bessere geben wird als SIE. Was hilft da besser als sich zurückzuziehen und Musik zu hören… Oasis um genauer zu sein… die Band, die das singt, was ER fühlt? Was hilft da mehr als sich zu besaufen, zu zu dröhnen und durch Verdrängung vom depressiven Zustand abzulenken? Was hilft überhaupt, wenn nicht, sich in die Arbeit als Musikjournalist zu stürzen und zu vergessen? Es gebe vielleicht andere Mittel, aber die scheint unser Protagonist nicht zu sehen oder nicht sehen zu wollen. Genauso wenig, wie das Chaos in seinem Leben, das ’ständig-pleite-sein‘, die notorischen Versuche, SIE zurückzugewinnen, natürlich ohne Erfolg.

Wird ER es überstehen? Oder wird ER in einer Champagne Supernova an Alkoholvergiftung sterben? Und interessiert UNS das eigentlich?

Don’t go away

… ist einer der wenigen Titel aus dem Oasis Repertoire, das nicht als Überschrift eines Kapitels dient. Dafür war wahrscheinlich das Buch mit seinen insgesamt 244 Seiten einfach zu kurz.

SOLOALBUM ist aufgebaut wie ein Album (Vinyl wohlgemerkt) in eine A- und B-Seite. SOLOALBUM als Titel ist auch die Kernaussage des Inhalts. SOLOALBUM ist anders, aber doch nicht neu. SOLOALBUM fasziniert den Leser oder schreckt vollkommen ab. Und alles hängt mit IHM zusammen, dem Ich-Erzähler, dem Verlassenen, dem Depressiven, dem bemitleidenswerten Häufchen Elend.

Doch gerade an der letzten Aussage scheiden sich die Geister. Ist der Held (der durchaus autobiografische Ähnlichkeiten mit dem Verfasser hat) wirklich bemitleidenswert? Oder hat er es ganz einfach verdient, in diesem Zustand dahin zu vegetieren? Immerhin interessiert er sich einen Dreck für seine Umgebung (und wenn doch, sind es meist belanglose Dinge, über die er sich Gedanken macht); für seine Wohnung schon gleich gar nicht; für seine (eher wenigen) Freunde selten und für den ganzen Rest der Welt nur sporadisch!

Nur eines will er: SIE zurückbekommen, seine Katharina, über die man aber, trotz der endlos erscheinenden Liebe, so gut wie gar nichts erfährt… die aber das ganze Buch über stets präsent ist, in den Gedanken und Gefühlen von IHM.

Bring it on down

… gehört auch zu den wenigen Oasis-Titeln, die nicht als Überschrift herhielten. Für SOLOALBUM… ein Buch, das so einfach zu lesen ist. So einfach, wie auch der Schreibstil, den Stuckrad-Barre an den Tag legt. Einfach und schnörkellos, als würde er es geradewegs so aufschreiben, wie er es denkt. Was er wohl auch getan hat.

Und daran scheiden sich wiederum die Geister. Denn für viele wirkt der Schreibstil ungewohnt, oft vulgär, selten einfach nur böse, manchmal aber auch extrem unverständlich. Mit ‚viele“ meine ich vor allem diejenigen unter der potentiellen Leserschaft, die sich nicht um das tatsächliche Alter des Protagonisten von SOLOALBUM bewegen, das sich so bei Mitte bis Ende Zwanzig einpendelt. Für die älteren Semester wohl zu ‚modern‘ (obwohl auch hier Ausnahmen die Regel bestätigen, wie uns der Text auf dem Buchrücken beweist), für das jüngere Klientel aufgrund diverser Anspielungen zu unverständlich… für den ganzen Rest entweder ein Abziehbild oder ein Antibild seiner Selbst.

Hello

… sucht man auch vergeblich als Überschrift eines der 28 Kapitel von SOLOALBUM. Einem Buch, das uns in die Gedankenwelt eines Ich-Erzählers hineinzieht. Der so denkt, wie so viele andere auch in diesem Alter. Der so lebt, wie einige auch in diesem Alter. Der so fühlt und leidet, wie schon fast jeder in diesem Alter. Der so verloren scheint, wie einige wenige auch in diesem Alter. Und der trotz des im ganzen Buch ständig erzeugten Bildes eines Dreckskerls, der es nicht anders verdient hat, ab und an ein wenig Mitleid und Sympathie erzeugen kann, gerade weil er so ist.

Stuckrad-Barre (und das fällt auf) ist ein hervorragender Beobachter. Was die oft haarklein beschriebenen Charaktereigenschaften der auftretenden Personen im Buch betrifft, aber auch die Erläuterung so alltäglicher Dinge wie Essen und Shoppen im CD-Laden oder das simple Bahnfahren zeigen. Und hier stößt man zwangsläufig wieder auf autobiografische Verarbeitungen und fragt sich ernsthaft, ob der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre vielleicht auch einmal so ein A…loch war (oder es noch immer ist?), wie der Charakter seines Buches.

Up in the sky

… verliert sich im Nirvana der nicht erwähnten Oasis-Lieder.
Und so offen wie der Himmel, so offen ist das Ende des Buches. Der Held verlässt den Ort der Traurigkeit, den Ort der Depression, den Ort der Handlung, nämlich Hamburg. Und zieht um. In eine neue Wohnung. In eines neues Leben? Auf jeden Fall in eine neue Stadt, München. So endet SOLOALBUM, ohne richtigen Abschluss, ohne Happy End. Vielleicht auch ohne irgendeine Erkenntnis? … außer der einen: Oasis bleibt für die Ewigkeit (wenn auch nur auf Vinyl), doch die Liebe scheint vergänglich.

Ist es also eine klassische Tragödie? (Wie es der Buchrücken assoziiert.) Anscheinend schon. Eben das typische Schema: von der Liebe Verlassener ertränkt sich im Liebeskummer. Aber halt sehr modern und doch so unspektakulär erzählt. Was an sich langweilig klingt, wird durch Stuckrad-Barres Art der Beschreibung zum Lesevergnügen. Sofern man sich auf einen heruntergekommenen Dreckskerl wie unseren Ich-Erzähler einstellen kann oder überhaupt will. Und sofern man irgendwo ganz tief in ihm drin einen gewissen guten, liebenswerten Menschen entdeckt, der sich nur nicht so oft zu erkennen gibt.

Drum bleibt das Urteil: Selber lesen scheint die einzig wahre Methode zu sein. Denn mit Stuckrad Barres Werken ist es nicht anders wie mit Oasis: Die einen lieben sie, die anderen hassen sie. Es gibt nur ‚Black or white‘ (was definitiv KEIN Oasis Song ist).

© Stepnwolf
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