(R) Wir sprechen uns noch!

PROLOG

Josef von Sternbergs DER BLAUE ENGEL ist die Verfilmung des Romans „Professor Unrat“ von Heinrich Mann. Prof. Immanuel Rath lehrt am Gymnasium und geht den verwerflichen Machenschaften seiner Schüler nach, die sich abends im „Blauen Engel“ zusammen finden um die Künstlerin Lola Lola singen zu hören. Er lernt sie kennen und verfällt ihr, heiratet sie und leitet damit seinen eigenen Absturz vom angesehenen Professor zum billigen Zauberlehrling ein.

„DAS KÖNNTSTE NU ALLE TAGE HABEN.“

Der Film beginnt mit der Charakterisierung der Hauptperson des Professors Immanuel Rath (gespielt von Emil Jannings). Sein Tagesablauf besteht aus vorexerzierten Ritualen, die auf Disziplin, Strenge und Ordnung beruhen. Dies lässt er vor allem an seinen Schülern am Gymnasium aus, bei denen er mit seiner Vormachtstellung den griesgrämigen, tyrannischen Oberlehrer heraushängen lässt. Das dieses Gehabe bei den Schülern nicht ankommt, versteht sich von selbst und so sieht er in seinem Primus Angst (nomen est omen) den einzigen Verbündeten gegen die aufrührerische Klasse. Durch einen Streich der Schüler Lohmann, Erztum und Goldstaub wird auch Angst zum angeblichen Sympathisanten der restlichen Klasse. Prof. Rath findet bei ihm Postkarten mit einem Portrait der Künstlerin Lola Lola.

Mit dem Betrachten der Postkarte findet eine Überblendung auf die Bühne des „Blauen Engel“ statt und wir sehen und hören das erste Mal Lola Lola (gespielt von Marlene Dietrich) singen. Die in den vorherigen Szenen explizit auf die genaue Charakterisierung der Figur Prof. Raths und seiner Lebensweise fixierte Kamera nimmt nun die Position eines aus der Ferne Zuschauenden ein. Dadurch wird die Umgebung in der Lola Lola lebt näher gebracht. Und die stellt das komplette Gegenteil der heilen geordneten Welt des Professors dar. In dieser heruntergekommenen, schäbigen Gegend (sehr schön die Aussenszenen mit den dreckigen, dunklen und düsteren Häuserschluchten, die alles andere als einladend erscheinen) begegnen sich beide Hauptdarsteller das erste Mal. Prof. Rath kann seine anerzogene Contenance zwar beibehalten, ist aber ohne Zweifel auf der einen Seite von der Offenheit (was die Menschen und ihr Benehmen angeht) und die Offenherzigkeit (was vor allem das laszive Verhalten von Lola Lola betrifft) fasziniert und doch auf der anderen Seite abgeschreckt.

Er sieht in Lola Lola die Frau, die in seinem Leben fehlt und ist spätestens bei der Frühstücksszene (die eine heile Familienwelt, nach der sich Prof. Rath sehnt, suggeriert) der Liebe verfallen. Der rational denkende Verstand setzt aus und das emotional denkende Herz setzt ein. Neudeutsch: er schwebt auf Wolke 7! Doch diese Verbindung passt nicht mit den standesgesellschaftlichen Vorurteilen dieser Zeit zusammen und führt somit zum unvermeidlichen: der angesehene Prof. Rath verliert Arbeit und standesgemäße Freunde und findet in der Künstlergemeinschaft um den Zauberkünstler Kiepert (gespielt von Kurt Gerron) und seiner nunmehr Frau Lola Lola eine neue Familie.

Zu dieser Zeit läuft der Film bereits mehr als eine Stunde, die durch die schnelle Erzählweise und die ständig eingeworfenen Musikstücke (vorrangig interpretiert von Marlene Dietrich und arrangiert von Friedrich Hollaender) wie im Fluge vergehen. Die stets vorherrschende Hektik in der Garderobe von Lola Lola (als einer der Hauptschauplätze im ganzen Film) treibt die Handlung voran und lässt dem Zuschauer kaum Momente der Ruhe (akustisch wie auch in der filmischen Umsetzung). Der Regisseur Josef von Sternberg schafft eine Atmosphäre, die nach Leben riecht, nach Rastlosigkeit und unaufhörlicher Bewegung… und somit das genaue Gegenteil des langweiligen, geordneten und organisierten Lebens seines Protagonisten darstellt… und gerade das ist die Herausforderung und der gleichzeitige Absturz der Figur des Professors.

„ALLES WEGEN EINEM WEIB!“

An dieser Stelle könnte man natürlich einwerfen: Ja, aber die Moral ist doch, das man für die Liebe alles tut und jede erdenkliche Grenze überschreitet. Auch wenn man dadurch Karriere, Ansehen, Macht und Geld verliert. Doch der Protagonist verliert zusätzlich auch noch seinen Verstand.

Denn für Lola Lola war die Ehe mit Prof. Rath von Beginn an nicht auf unabdingbarer Liebe zu ihm programmiert (wenn sie denn überhaupt jemals wirklich in ihn verliebt gewesen sein sollte). Sie ist als Bühnenkünstlerin in den 20iger Jahren des letzten Jahrhunderts auf Freiheit, Ungezwungenheit und Ungebundenheit ausgelegt. Eben genauso, wie die „Goldenen Zwanziger“ als erster Höhepunkt der Emanzipation von Kunst, Kultur und Mensch im 20. Jahrhundert in die Geschichtsbücher eingingen. Das zeigt sich dann auch am deutlichsten im Finale von DER BLAUE ENGEL, als Lola Lola unter den Augen ihres Ehemannes Prof. Rath (zu dem Zeitpunkt schon als Zauberlehrling bei seinem Auftritt vor heimischem und vor allem hämischem Publikum in seiner Heimatstadt) mit dem Charmeur und Lebemann Mazeppa (gespielt von Hans Albers) flirtet. Der Professor dreht durch, wendet sich ab und begibt sich zurück in seine verloren gegangene, heile, geordnete Welt des Gymnasiums… um zu sterben!

Vor allem bei diesem dramatischen Finale ist die Kamera ständig nah bei den handelnden Akteuren. Nahaufnahmen des leidenden Professors (der durch seine „trauriger Clown“-Maske dieses Gefühl eh schon vermittelt) und der ängstlichen und erstaunt schauenden Lola Lola harmonieren mit der beobachtenden Kameraperspektive, die zwischen der Bühnenvorstellung und dem johlenden, grölenden und lautem Publikum im „Blauen Engel“ hin und her wechselt. Ebenso ist das Finale durch die laute akustische Untermalung (vor allem in der Tumultszene als Prof. Rath durchdreht) gekennzeichnet, die sanft in die in den letzten Filmminuten ausgelöste Stille übergeht, deren letzter akustischer Höhepunkt das Schallen der Glocke darstellt. Der Vorhang fällt, die Kamera blendet aus… Ende!

„TUE ICH NICHT. ICH BIN KÜNSTLERIN! – WAS BIST DU? – KÜNSTLERIN!“

Die zwei Hauptpersonen im Film DER BLAUE ENGEL sind zweifellos auf der einen Seite

EMIL JANNINGS alias PROF. IMMANUEL RATH:

Jannings war zu der Zeit ein gefragter Schauspieler. Seine Mimik und Gestik ist beeindruckend. Er schafft es perfekt zwischen dem unnahbaren Gestus eines angesehenen Professors und dem Gesichtsausdruck eines kleines Kindes, das mit Backformen im Sandkasten spielt, zu wechseln. Gerade auch der dumme, verliebt dreinblickende Gesichtsausdruck, wenn er sich in Lola Lolas Garderobe im wahrsten Sinne des Wortes zum Affen macht, läßt einen schmunzeln. Und das Durchdrehen im Filmfinale ist schauspielerisch sehr beeindruckend.

…und auf der anderen…

MARLENE DIETRICH alias LOLA LOLA:

Die Dietrich spielt das, was die Dietrich auch im wahren Leben kennzeichnete. Eine vorlaute, selbstbewußte Berliner Göre mit dem Wissen um ihre erotische Anziehungskraft bei der verehrten Männerwelt. Von der Theaterbühne für den Film gecastet, kann sie hier eben jene Theatervorkenntnisse perfekt einbringen und umsetzen. Friedrich Hollaender, seines Zeichens für die Musik im Film verantwortlich, schrieb ihr auch gleich noch die zu Klassikern avancierten Lieder, wie „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“. Marlene Dietrich wird auf ewig mit einem Bild in Erinnerung bleiben: Sitzend auf einer Tonne, in kurzem Röckchen und mit Hut, die Beine angewinkelt und das oben erwähnte Lied intonierend… DER BLAUE ENGEL war ihr schauspielerischer Durchbruch. Wie sagt man immer so schön: Die Rolle ihres Lebens!

Daneben agieren in weiteren Rollen …

KURT GERRON als ZAUBERKÜNSTLER KIEPERT (Spielt den strengen, disziplinierten Chef der Künstlertruppe, der aber insgeheim weder bei seiner Frau was zu melden hat, noch sich gegen Lola Lola durchsetzen kann. Somit ist er charakteristisch gesehen ähnlich der Figur des Professors vor dem Absturz angelegt, wie er selbst in einer Szene auch durch einen Satz erwähnt: „Da trifft sich Kunst und Wissenschaft.“)

HANS ALBERS als MAZEPPA (Spielt eigentlich sich selbst. Hamburger Jung mit Charme. Mehr braucht man dazu nicht erwähnen.)

REINHOLD BERNT als CLOWN (Hätte auch im Stummfilm mitspielen können, da er nichts sagt. Spielt eigentlich keine sehr große Rolle im Film. Stellt aber eine wichtige Metapher dar, da er beim ersten Aufeinandertreffen zwischen Lola Lola und Prof. Rath ständig durchs Bild läuft und eigentlich als Person an sich das spätere Schicksal eben jenes Professors vorwegnimmt.)

EPILOG

DER BLAUE ENGEL ist einer der ersten deutschen Tonfilme und zählt heute zu den Klassikern der Filmgeschichte und war außerdem das Sprungbrett für Marlene Dietrichs Filmkarriere. Abgesehen davon stellt DER BLAUE ENGEL eine gesellschaftskritische Geschichte und auch Analyse dar, mit durchaus tragischem Ende.
Die technische Umsetzung ist natürlich aus heutiger Sicht betrachtet veraltet, wer sich aber nicht an stellenweise rauschendem Mono-Ton (nicht monoton!) und einigen vergilbteren Bildern stört, kann zwei Hauptdarsteller bei ihrem hochwertigen Schauspiel beobachten und einer tragisch-dramatischen Story folgen. Denn das allein lohnt sich in jedem Fall.

© Stepnwolf
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