(R) This is you… you.

Dann sieht sie dort ihre Familie, durch den Raumteiler nur verschwommen und schemenhaft. Ihre beiden kleinen Kinder, Penny und Patsy. Ihren Ehemann Don. Die zum Abendessen eingeladene Nachbarin, erst vor kurzem im Haus nebenan eingezogen, mit dem gleichen Namen wie sie: Ann. Sie alle sind nur noch Silhouetten eines Lebens, das ihr Leben war, aber nun nicht mehr sein wird. Nie mehr sein wird. Denn sie stirbt…

Der Film Mein Leben ohne mich der spanischen Regisseurin Isabel Coixet erzählt die Geschichte von Ann (gespielt von Sarah Polley), 23 Jahre, verheiratet, Mutter von zwei Kindern, in einem Wohnwagen im Garten des elterlichen Hauses lebend, mit einem nächtlichen Putzjob an der örtlichen Universität zum Lebensunterhalt der Familie beitragend und mit einem diagnostizierten irreversiblen Tumor dem eigenen Lebensende entgegen sehend. Was von vornherein dem Zuschauer als Drama ohne Happy End präsentiert wird, zeichnet beim Zusehen trotz des Themas ein positives, optimistisches, lebensbejahendes Bild einer jungen Frau. Bisher im Leben nicht gerade die Sonnenseite erwischt, blüht die Protagonistin und (per Voice Over) Erzählerin im Angesicht ihrer dunkelsten Stunden regelrecht auf. Wo andere resignierend sich dem Schicksal hingeben, tut Ann das, was sie für notwendig erachtet: das Leben der Anderen vor ihrem Tod zu regeln. Mein Leben ohne mich ist über die ganzen knapp 100 Filmminuten anmutig berührend, ohne dabei jedoch pathetisch bedrückend zu wirken. Denn obwohl der Tod die ganze Zeit als Damoklesschwert über der Szenerie schwebt, ist der Film im Grunde ein Plädoyer an das Leben selbst. An all die Dinge, die ein Leben lebenswert machen, unabhängig von der Zeit, die einem dafür bleibt. Mein Leben ohne mich lässt uns teilhaben an einem spezifischen Augenblick menschlichen Daseins auf Erden mit all seinen wundervollen, bewundernswerten und auch verwunderlichen Momenten.

Wundervoll dargestellt wird die Liebe. Die Liebe in ihren vielen Facetten. Die Liebe zur Familie, insbesondere den eigenen Kindern. Aber auch die Liebe zum Partner, naiv und unschuldig wie am ersten Tag. Mit Hingabe gelebt, trotz jeglicher Widrigkeiten, die das alltägliche Leben mit sich bringt. Ebenso schön und intensiv kann nur noch das ’sich-Verlieben‘ sein. Ann spürt es ein letztes Mal in den Armen von Lee, wunderbar emotional interpretiert von Mark Ruffalo, der sich in das ausnahmslos und bis in die kleinste Nebenrolle exzellent besetzte Schauspielerensemble einreiht und doch ein wenig daraus hervorsticht.

Bewunderswert realistisch wird der alltägliche Kampf ums Dasein gezeigt. Die Suche nach dem nächsten Job, der das Essen auf den Tisch bringt. Die einfachen, aber notwendigen Dinge des Lebens. Die Protagonistin kennt kein behütetes Leben. Der Vater sitzt seit zehn Jahren im Gefängnis, die Mutter (von Ex-Blondie Frontfrau Deborah Harry gespielt) gibt sich depressiv und lethargisch dem ‚die-Welt-ist-so-schlecht-warum-sollte-ich-mich-daran-überhaupt-noch-erfreuen‘ Gefühl hin. Das Leben definiert sich als ein ständiges profanes Überleben.

Verwunderlich sind die beschriebenen Eigenarten und Marotten der Menschen. Die beste Freundin von Ann, Laurie, zirkuliert in einem Leben voller Diäten, hält sich selbst für zu dick und projiziert ihre Manie auf die Lebenssituation aller Umstehenden. Anns Arzt Dr. Thompson ist so herrlich skurril mit seinen spleenigen Macken, das eine im Grunde für die Protagonistin (und auch den Zuschauer) niederschmetternde Nachricht wie die des baldigen Todes zu einer der lockersten und, ja man muss es so sagen, amüsantesten Szenen des Films mutiert. Emotional, aber nie auch nur im Ansatz pathetisch.

Der Regisseurin Isabel Coixet gelingt der Spagat zwischen der thematischen Schwermütigkeit und einer optimistischen Leichtigkeit. Mein Leben ohne mich wird somit zu einem Filmgenuss, ohne ständigem Kloß im Hals, ob der unabwendbaren finalen Tragödie. Neben dem wundervollen Cast, allen voran der bravourös aufspielenden Sarah Polley, deren Entscheidungen man in jedem Augenblick ausnahmslos zustimmt, auch wenn man rational denkend das eben nicht tun würde (zumindest nicht gänzlich), fällt die dezente, nur sporadisch eingesetzte Musik im Film auf. Genauso wie der Film, im melodramatischen Kontext eingebettet, ständig eine positive Einstellung zum Leben suggeriert, präsentiert sich die musikalische Untermalung als Kombination aus Melancholie und Euphorie, ist (auch bildlich umgesetzt) tänzerisch leicht und nie abgrundtief traurig.

Mein Leben ohne mich ist ein Film über die Liebe zum Leben im Angesicht des Todes.

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

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