(R) Die Ästhetik des S(ch)eins

Was will mir dieser Film sagen? Oder will er mir eher etwas zeigen? Aber, wenn ja, was genau? Xavier Dolans zweiter Spielfilm HERZENSBRECHER („Les amours imaginaires“) hinterlässt eine Leere nach dem Schauen. Auf der einen Seite sind da die originell und stilistisch fein fotografierten Bilder, untermalt mit einem musikalischen Klangteppich, der faszinierend sein kann. Alle Farbspektren auslotend, von Rot über Grün und Blau bis hin zu sonnigen hellen Tönen schafft der Regisseur so ungemein ästhetische Bilder, surreal und träumerisch. Auf der anderen Seite ist da dieser gewollt dokumentarische Stil, der den in magischen Bildern imaginierten Filmfluss so abrupt unterbricht, ja sogar abbricht. Und damit auch die traumwandlerische Erzählweise beendet. Noch dazu durch Monologe von Personen, deren Äußerungen nicht immer zu den gezeigten Bildern passen. Schon gar nicht zur erzählten Geschichte. Was bei einer Komödie wie HARRY UND SALLY, wo diese Zwischensequenzen stimmig zur Handlung des Filmes gehören, plausibel erscheint, will bei HERZENSBRECHER so rein gar nicht funktionieren. Es produziert eher Langeweile, allerdings eine extrem hedonistische Langeweile, den Protagonisten gerecht werdend.

„Es ist witzig, dass du das Wort manichäisch benutzt.“

Denn die agieren und reagieren in einer bis in kleinste Detail durchgestylten eigenen Welt. Was beim perfekten, aknefreien, porentief reinen Äußeren der drei Protagonisten beginnt, macht auch nicht vor ihrer intellektuellen, überkandidelten Sprache halt. Style ist alles. Alles andere ist egal. Oder wie Marie (Monia Chokri), der weibliche Part der Menage-a-trois, so treffend bemerkt: Ist mir scheissegal! Marie ist es auch, die aufgrund ihres Auftretens (um im Filmzitat zu verweilen) anachronistisch erscheint. Sie gehört irgendwie nicht in diesen erzählten Zeitabschnitt, fällt aus ihm heraus. Mag sein, dass dies der Anpassung an die Vorliebe des einen männlichen Parts der Dreiecksbeziehung, Nicolas (Niels Schneider), geschuldet ist, der sich als glühender Verehrer von Audrey Hepburn outet. Vielleicht ist es aber auch eine Reminiszenz des Regisseurs (und gleichzeitig zweiten männlichen Parts dieser Dreierkonstellation) an die Zeit der Nouvelle Vague. Oder sogar beides. Ist die Ästhetik des Seins der Protagonisten, insbesondere auf Seiten von Marie und Francis (Xavier Dolan), äußerlich manifestiert, bröckelt diese Fassade, wenn es um die emotionalen Befindlichkeiten im Inneren geht. Hier herrscht nur mehr eine Ästhetik des Scheins vor: zu Beginn noch gut überspielt, jedoch nach und nach zerfallend, wie die Hoffnungen auf eine erwiderte Liebe von Nicolas.

„Das ist wie, wenn man sich den Kopf in Zeitlupe abschneidet.“

Womit wir bei der doch dünnen Erzählung von HERZENSBRECHER sind. Zwei enge Freunde, Marie und Francis, lernen auf einer Party den überaus hübschen, extrovertiert auftretenden Nicolas kennen, den Neuen in der Stadt Montreal (die leider nur sehr selten im Bild eingefangen wurde) und verlieben sich in ihn. Das führt zu Spannungen in der über Jahre gefestigten Freundschaft. Doch dieser Nicolas erwidert weder bei der Einen noch beim Anderen die Avancen. Verschmäht wenden sich Marie und Francis von Nicolas ab und finden wieder zueinander, um aufs Neue das Spiel um die emotionale Deutungshoheit zu gewinnen.

Daraus einen 100minütigen Film zu zaubern, verlangt einige erzählerische Kniffe oder den Einsatz von künstlerischen Elementen. Xavier Dolan entscheidet sich für letzteres und dehnt den Film dadurch wie ein Kaugummi, in vielen Passagen (abgesehen von den eingangs erwähnten surrealen Sequenzen) allerdings ohne Geschmack. Der überbordende Einsatz von Zeitlupen in so unwichtigen Szenen wie Spaziergängen auf der Straße, laufen durch Flure und Gänge widerspiegelt vielleicht den hedonistischen Charakter der Protagonisten, erzeugt beim Zuschauer aber eher Langeweile. Das derlei Szenen auch effizient sein können und einen ungemein hippiesken Style und Coolnessfaktor produzieren, hat unlängst Jim Jarmusch mit seinem neuen Werk ONLY LOVERS LEFT ALIVE bewiesen, in dem Tilda Swinton durch die Straßen von Tanger spaziert und dabei jede (Zeitlupen-)Sekunde zu einem cineastischen Erlebnis macht. Das bleibt hier bei HERZENSBRECHER jedoch weitestgehend aus.

 

Was bleibt ist ein im Ansatz vor allem auf bildlicher und musikalischer Ebene gelungener Versuch der stimmigen Erzählung einer Menage-a-trois, die jedoch im Wirrwarr der zu viel eingesetzten Slowmotion-Parts und den deplatziert wirkenden dokumentarisch angehauchten Szenen regelrecht untergeht und somit HERZENSBRECHER zum gescheiterten filmischen Experiment (der Liebe) deklariert.

(Sowie eine ständige Erinnerung an Quentin Tarantinos Werk KILL BILL etabliert.)

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