(R) Du liebst mich, aber…

…du weißt nicht, wer ich bin.

„Überlege wohl, bevor du dich der Einsamkeit gibst, ob du auch für dich selbst ein heilsamer Umgang bist.“ (Marie von Ebner-Eschenbach)

Maria (gespielt von Lavinia Wilson) ist Studentin und jobbt nebenbei in der Uni-Bibliothek. Maria feiert gern, trinkt gern und ist eine lebensfrohe, freundliche Erscheinung. Maria ist jung und hübsch, vergnügt sich trotzdem gern mit dem älteren Wolfgang (Richy Müller) und ist auch sonst diversen, ihr unbekannten Männern nicht abgeneigt. Was dann oft als One Night Stand endet. Und doch: Maria ist allein! Nur ihre beste Freundin Sarah (Victoria Mayer) kennt ihr Geheimnis. Maria ist krank. Diagnose: Borderline-Syndrom! Doch dann lernt Maria Jan (Maximilian Brückner) kennen, der so ganz anders ist als alle vorher. Und für ihn will sie den Kampf gegen die Krankheit aufnehmen, ohne ihm davon etwas zu sagen.

Kann sie ihm so weit vertrauen um ihr Geheimnis zu lüften? Reagiert Jan wie alle vor ihm? Lässt auch er Maria allein?

„Glücklich allein ist die Seele, die liebt.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

Stille – Ruhe – Gelassenheit. Attribute, die auf Alleinsein zutreffen könnten.

Stille, Ruhe und Gelassenheit strahlt auch der Film ALLEIN aus. Regisseur Thomas Durchschlag verzichtet bei der filmischen Umsetzung auf Geschwindigkeit, Action oder Hektik. Ruhige Bilder, mal in Totale oder Halbnah, die eine gewisse Distanz erzeugen, wechseln mit noch ruhigeren Bildern in Nah- und sogar Detailaufnahme. Letzteres zieht uns automatisch in die Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonistin Maria hinein. Man ertappt sich dabei, nachzudenken über solch Dinge wie: Wozu braucht sie eigentlich die Rasierklingen? Warum schluckt sie Massen von Tabletten, noch dazu in Kombination mit diversen Alkoholika?

Das diese Fragen auftauchen, ist auf den Umstand zurückzuführen, zu Beginn nichts über die Krankheit Marias zu erfahren. Und selbst im Verlauf des Films wird nie wirklich klar, welche Krankheit dahinter steckt. Nicht einmal fällt das Wort Borderline. Diese Unwissenheit lässt uns eine ambivalente Beziehung zur Figur der Maria aufbauen: Auf der einen Seite leiden wir mit, fühlen den Schmerz und die Trauer. Aber trotzdem kommt manchmal auch das Kopfschütteln über die spontanen aggressiven Ausbrüche der Protagonistin, die sich in vereinzelter Antipathie entlädt. Die Identifikation mit der Hauptfigur baut sich dann über Jan auf. Ebenso wie er versucht hinter das Geheimnis der einerseits emotional depressiven Gewaltausbrüche und den anschließenden Hilfe suchenden bedürftigen Szenen Marias zu kommen und sie dabei lieben lernt, geht es uns. Am Ende hoffen wir auf ein Happy End dieser qualvollen Geschichte, egal wie fragil es erscheinen möge.

Die Bilder von Kameramann Michael Wiesweg untermauern durch die häufig dunkel gehaltenen Szenen (bei den nächtlichen Trips), im Wechsel mit hellen und positiv wirkenden Szenen (exemplarisch der Rückzugs- und Ruhepunkt: ein überdimensionaler Eisenpfeiler im landschaftlichen Nichts) diese gespalten erscheinende Persönlichkeit. Die Atmosphäre ist ständig gespannt, wirkt erdrückend. Man erwartet jeden Moment einen tragischen (und auch tödlichen) Höhepunkt, der das Ende aller aufkommenden Hoffnungen bedeuten würde. Exzellente Kameraarbeit, überzeugend gefühlsecht und nah am Leben der Hauptfigur. Das die Bilder so perfekt wirken, ist auch viel mit der fast gar nicht vorhandenen Musik zu begründen. Abgesehen von der lauten Discoszene ist die Musikuntermalung nur bei den gedankenverlorenen Stellen zu vernehmen. Leise Klaviertöne, ruhige Melodien, die gekonnt gerade die depressivsten und melancholischsten Szenen Marias begleiten. Ansonsten auch hier: Stille – Ruhe – Gelassenheit. Umso lauter sind dann die verbalen und lärmenden Ausbrüche zu vernehmen, was natürlich gewolltes Stilmittel darstellt.

Am Ende steht und fällt die Qualität und die Intensität von ALLEIN mit der Hauptdarstellerin. Und dazu lässt sich kurz und knapp sagen: LAVINIA WILSON trägt diesen Film! Und zwar ganz allein (um im Bild zu bleiben).

Das Gefühlschaos und die emotionale Labilität der kranken Maria (durch)lebt Lavinia Wilson so intensiv, ehrlich, fordernd, natürlich, mitleidig und extrem lebensnah, das es zeitweise schmerzt, diesem Schauspiel zuzusehen. Außergewöhnlich gut gespielt. Da gibt es nichts dran auszusetzen. Die Figur der Maria ist echt, ist aus dem Leben gegriffen und jede Sekunde des Films glaubwürdig dargestellt. Das musste sie auch, da Maria den Mittelpunkt, die Hauptpräsenz über die 90 Filmminuten bildet. Lavinia Wilson meistert die Rolle der MARIA bravourös. Dagegen können die weiteren Rollen nur abfallen, mal ganz abgesehen davon, dass Jan, Wolfgang und Marias beste Freundin Sarah eh nur Nebenrollen spielen.

Den größten Part nimmt dabei noch MAXIMILIAN BRÜCKNER als neuer Freund JAN ein. Der wirkt als der Prototyp eines perfekten Freundes: zuerst etwas schüchtern, aber stets hilfsbereit, gefühlvoll, einsichtig, gut aussehend, mit beiden Beinen im Leben stehend, ehrlich und immer da, wenn Maria ihn braucht. Nur: sie sieht das nicht und macht es ihm dadurch ungemein schwer. Maximilian Brückner spielt den Jan überzeugend, nicht mehr und auch nicht weniger.

Die sich ständig um den Zustand Marias sorgende Freundin SARAH wird verkörpert von VICTORIA MAYER. Die wenigen Szenen mit ihr haben vordergründig den Sinn mehr über die Vergangenheit und die Probleme Marias zu erfahren. Sie ist die einzige Stütze im Leben Marias und auch die einzige, die über die Krankheit bescheid weiß. Über mehr als eine unterstützende Funktion, um die Protagonistin dem Zuschauer näher zu bringen, geht ihre Rolle dabei nicht hinaus. Zum Freispielen blieb Victoria Mayer somit keine Zeit und vor allem kein Raum.

Die letzte erwähnenswerte Figur ist WOLFGANG, gespielt von RICHY MÜLLER. Wolfgang ist der etwas ältere machohafte reiche Typ, der sich nicht am Gefühlszustand Marias interessiert, sondern nur an ihren körperlichen Vorzügen und ihrer so offenen Art. Man könnte auch sagen: Während Sarah die gute Seite Marias metaphorisiert, ist Wolfgang das Böse, die Krankheit. Richy Müller ist die richtige Besetzung für diesen schmierigen Typen und spielt, wie eigentlich immer, überzeugend.

„Wenn dich alles verlassen hat, kommt das allein sein. Wenn du alles verlassen hast, kommt die Einsamkeit.“ (Schiller. Nicht Friedrich. Die Band.)

„Bereits vor meiner Studienzeit an der Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM) hatte ich von dem Phänomen gelesen, das die Psychologen Borderline nennen. Ich wollte wissen, warum Menschen sich selbst wehtun, warum sie sich die Arme aufschneiden, in Exzessen leben und sich selbst nicht lieben können.“ So äußert sich Regisseur Thomas Durchschlag über die Herkunft der Grundidee seines Debütwerkes ALLEIN. 

Und er setzte seine Idee in beeindruckender Klarheit, mit direkten und realistischen Bildern, in einer ruhigen Bildersprache filmisch um. Größter Pluspunkt des Films ALLEIN ist dabei definitiv Lavinia Wilson in der Rolle des Borderline-Opfers. ALLEIN ist einer dieser Filme, der noch danach zum Nachdenken animiert, zum weiter recherchieren des Themas. Keine leichte Kost für einen entspannten Popcornabend, sondern das aufmerksame Rezipieren von ALLEIN sind Voraussetzung zum Verständnis. Nur wer sich auf die Intensität und das intensive Schauspiel einlässt, wird diesem Film ein unbedingtes positives Echo geben können. Alle anderen sollten sich erst gar nicht auf den Film einlassen oder es auf den richtigen Moment der Aufnahmefähigkeit verschieben.

© Stepnwolf
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