(R) Klingt nach Dreck!

Anlässlich des 20jährigen Todestages von Kurt Cobain habe ich eine alte Rezension des mittlerweile zu den besten Alben aller Zeiten zählenden „Nevermind“-Albums der Band Nirvana wieder aus der Versenkung geholt. Im Original, ohne großartige Anpassungen oder Veränderungen vorgenommen zu haben. Erstmalig erschienen ist diese Rezension hier.
Rest in Peace Mr. Cobain…
 

GRUNGE: 1 no pl esp Am (dirt) Dreck m … 2 Am (fam: dirty person) Drecksack m fam … 3 no pl Mus, Fashion Grunge m

So lautet gemäß extrem dickem Pons die Erklärung der verschiedenen Übersetzungen des Wortes Grunge. Ausschlaggebend und wichtig für diesen Bericht ist einzig und allein Punkt 3, wenngleich einige Kenner der Musik eventuell auch Punkt 1 als spontanen Ausruf favorisieren könnten.

Grunge = Nirvana = Kurt Cobain = Tod = Grunge

So argumentieren wohl alle Fans der Grungeband Nirvana seit dem Tod des Bandleaders und Sängers eben dieser! Ich würde das nicht unterstreichen (ja, es gibt noch immer Pearl Jam!), aber so ganz unrecht haben diese Fans auch nicht. Grunge ist ebenso tot, wie Punk. Sprich, neue, frische Bands entwickeln den Musikstil weiter, ohne auf grundsätzliche und wichtige Elemente aus Grunge oder Punk zu verzichten. Und im Zuge dessen hört man natürlich auch des Öfteren den Namen Nirvana, wenn die Frage nach musikalischen Vorbildern aufkommt. Und kommt die Frage nach dem größten und besten Album der kurzen, aber intensiven Grunge-Ära, fällt sicher in 9 von 10 Fällen der Name NEVERMIND. Und nun noch einmal für alle: Nein, Nirvana sind nicht die mit „Smells like teen spirit“. Nicht nur. Es gibt da durchaus noch ein wenig mehr.

CERTAINLY THE BEST KNOWN SONGS

Da wir aber nicht umhin kommen über eben jenes Lied zu sprechen und weil es auch passender Weise an Position 1 auf dem Album steht, beginnen wir mit SMELLS LIKE TEEN SPIRIT. Und die Gitarrenakkorde zu Anfang des Songs sind mittlerweile einwandfreies Erkennungsmerkmal, mal abgesehen davon, das sie dem Lied auch die allgemeine Struktur geben. Kurts Gesang ist in den Strophen, in denen er die Nullbock-Stimmung der Jugend verarbeitet, recht angenehm und ruhig. Diese erzählerische Grundstimmung wandelt sich allerdings im wild aufbrausenden Refrain: „With the lights out it’s less dangerous, here we are now, entertain us“. Dave Grohls Drumspiel ist intensiv, laut und aggressiv, Kurts Gesang artet gerade auch zum Ende hin in ein Schreien aus, als ob er sich den Frust direkt von der Seele singen muss. Ohne Zweifel hat der Song jenen Status, den er in Nirvanas Diskografie inne hat, auch verdient. Und ohne Zweifel ist das ein aufweckender Opener, der nach mehr verlangt.

Was mit dem zweiten Lied auch sogleich erfüllt wird. Was mich an IN BLOOM besonders fasziniert (und was sich im Verlauf des Albums noch mehrmals zeigt): Dave Grohl versteht es perfekt sein Schlagzeug in allen erdenklichen Tempi, Lautstärken und vor allem einer genialen Aggressivität zu bearbeiten. Kurts Gesang ist in (für seine Verhältnisse) sehr gut verstehbarer Qualität, nicht so kreischend, wie noch beim Opener. Der Text ist ein (im Rap würde man wohl sagen) Diss auf all jene, die zwar zur Musik abfeiern, aber nicht die geringste Ahnung haben, worum es im Lied überhaupt geht: „He’s the one who likes all the pretty songs and he likes to sing along and he likes to shoot his gun. But he don’t know what it means.“ Die Songstruktur orientiert sich dabei stark am Vorgänger, soll heißen leise Strophen und lauter Refrain.

Sieht man COME AS YOU ARE in Retrospektive wartet das Lied mit der wohl tragischsten Textstelle aller Nirvana-Songs auf: „And I swear that I don’t have a gun, no I don’t have a gun.“ signalisiert uns Kurt Cobain. Damals vielleicht nicht. Wenig später schon. Musikalisch ist der dritte Titel eher von der gemächlicheren Sorte. Endlich darf auch Krist Novoselic seinen Bass mehr in den Vordergrund stellen, die Gitarre ist melodischer Begleiter des vortragenden Gesangs. COME AS YOU ARE wirkt durch den dumpferen, dunkleren Klang des Bass irgendwie bedrückend, verstörend… vielleicht sogar bedrohlich finster und ist doch in jeder Sekunde spannungsgeladen. Als ob der Ausbruch (der aber nicht kommen wird) bereits kurz bevorsteht. Sehr schöner Kontrast zu den zwei vorherigen schnelleren Stücken und eine wohlverdiente Ruhe- und Erholungspause vor dem nächsten Ansturm.

Ich weiß, das wahrscheinlich so ziemlich jeder CD-Kaufjunkie (und noch einige mehr) alle Stücke auf NEVERMIND unter meiner obigen Rubrik einstufen würden. Aber aus gegebenen Anlass überspringe ich Titel 4 und komme direkt zu LITHIUM.

Bekannt sind definitiv zwei Stellen: das laut kreischend artikulierte „Yeah“ und die Textzeilen „I like it, I’m not gonna crack. I miss you, I’m not gonna crack. I love you, I’m not gonna crack. I kill you, I’m not gonna crack.“ Kurts Darstellung eines genervten Bündels (der durch vorherige Aussagen eine schizophrene Ader nicht verbergen kann), wohl durchaus unter Mithilfe einiger Bewusstseins erweiternden Substanzen, ist bedrückend und aufrüttelnd. Die musikalische Umsetzung kehrt dabei wieder zu der in Song 1 und 2 praktizierten Art zurück: forderndes Drumming, hintergründiges Bassbrummen und vorantreibendes Gitarrenspiel. Bewährte Formel und bei LITHIUM wieder extrem wirksam.

THE GOOD

Es gibt auf NEVERMIND auch die ruhigen Minuten, zwar sehr selten, aber dafür umso intensiver. Eine davon ist das Stück POLLY. Lyrisch scheint es eine Geschichte über die Entführung eines Mädchens zu sein, mit Gedanken aus der Sicht des Entführers. Die Vortragsweise ist dabei der Version auf der MTV Unplugged-Scheibe ähnlich. Soll heißen: Kurt singt in einem erzählenden Charakter unter Begleitung der Akustikgitarre. Das Drumspiel hält sich dezent und unaufdringlich im Hintergrund, was der Bass ihm gleich tut. Die Stimme erscheint durchweg recht lethargisch – irgendwie lustlos und gelangweilt. Was entweder der musikalische Ausdruck des psychischen Zustands des lyrischen Ichs symbolisiert oder allgemein Kurt Cobains Zustand. Als ein professioneller Entertainer, der er war, nehmen wir mal Ersteres an.

POLLY bildet den Mittelpunkt des Albums, danach folgen wieder die lauten Stücke, bis ganz am Ende, sozusagen als krönender Abschluß das wohl artfremdeste Lied folgt. Artfremd einzig durch den Einsatz eines auf diesem Album (und von dieser Band) nicht erwarteten Instrument… dem Cello! Schon allein dieser Umstand lässt vermuten, dass es sich bei SOMETHING IN THE WAY um ein melancholisches, bedrückendes, trauriges und verzweifeltes Stück Musik handelt. Und genau diese Adjektive treffen einwandfrei auf den Gesang zu. Der wird tief-tragend vom erwähnten Cello begleitet und nur wenig durch Gitarre und Schlagzeug gestört. Die erzählte Geschichte ist ein Rückblick auf die Zeiten ohne festem Wohnsitz („underneath the bridge“), mit tierischen Freunden an der Seite („and the animals I’ve trapped, have all become my pets“) und dem ständigen Hungergefühl im Magen („it’s ok to eat fish, cause they don’t have any feelings“). 3 Minuten 48 Sekunden gelebte Vergangenheit, musikalisch einmalig umgesetzt!

THE BAD AND THE UGLY

Doch kommen wir zurück zu den eigentlichen Wurzeln des Grunge. Und widmen wir unsere Aufmerksamkeit zwei der härtesten und aggressivsten Titel auf NEVERMIND.

Da wäre zum einen TERRITORIAL PISSINGS. Schon der Titel läßt nicht unbedingt einen ruhigen, gemächlichen Song vermuten. Eingeleitet durch ein von Kurt krächzend vorgetragenes Zitat aus dem Song „Lets get together“ (von The Youngbloods) wechselt die Geschwindigkeit sofort ins Extreme. Dave Grohls Drumming ist wild, die Gitarre kreischt, quietscht und zerrt und der Gesang ist ein vorwiegend schreiendes Etwas. Ein sehr intensives, schnelles und mit unablässiger Power zelebriertes Stück und als Song Nummer 7 der Aufwecker und Erschrecker des vorhergehenden.

Und zum anderen STAY AWAY. Sofortiger fordernder Drumeinsatz und eine voran preschende Gitarre beginnen den Song laut und ungehalten. Ruhe und Pause sucht man hier vergebens. Es ist eine einzige treibende Flut an Instrumenteneinsatz, begleitet von einem vor allem im Refrain schreienden Kurt Cobain.

Ähnlich aggressiv ist auch der weiter oben übersprungene vierte Titel. Was mich ja (neben den Texten) bei Nirvana am meisten fasziniert, ist immer wieder Dave Grohls Drumming, das er hier mal wieder eindrucksvoll unter Beweis stellt. Seine Präsenz und ein vordergründiges Aufbegehren gegen den gesamten Rest (also Gesang und Gitarre) ist bei BREED unverkennbar und trägt maßgeblich zur Power des Liedes bei. BREED ist unter den ganzen guten Songs einer meiner Lieblinge, obwohl ich nicht so recht weiß, warum eigentlich. Kurt singt über die Jugendlichen, die mit dem Erwachsen werden beginnen in die normale Alltagsschiene zu geraten. Man geht arbeiten, sucht sich eine Frau, gründet eine Familie und wird alt ohne wirklich gelebt zu haben. Wie heißt es so schön im Text: „We can plant a house, we can build a tree.“ (Man beachte dabei die verdrehte Verbstellung!) Auf gut deutsch: Du sollst ein Haus bauen, einen Baum pflanzen und ein Kind zeugen. So oder so ähnlich lautet doch der Spruch. BREED ist zweifellos ein Angriff auf diese Normalität des Otto-Normal-Bürgers!

Nun aber kommen wir zu einem wahrlich und wahrhaftigem Liebeslied. Nein, keine Angst, es wird nicht ruhig und gefühlvoll. Trotzdem ist DRAIN YOU ein Lovesong und kann mit einem der besten Liebeserklärungen ever aufwarten: „Chew your meat for you, pass it back and forth. In a passionate Kiss, from my mouth to yours, cause i like you.“ Frei übersetzt heißt es soviel, wie Kurt kaut das Fleisch für seine Geliebte vor und überreicht es ihr in Form eines leidenschaftlichen Kusses. Wenn das nicht wahre Liebe ist! Daneben bietet der Song musikalisch den üblichen Sound, auch wenn das Schlagzeug hier nicht ganz so vordergründig erscheint. Dafür wartet DRAIN YOU mit einem instrumentalen Mittelteil auf, das vom Einsatz der Gitarre her leicht transzendent wirkt, um nicht zu sagen berauschend… natürlich aber nur berauscht von Liebe, nehmen wir doch an.

Auf das Rauschen der Liebe folgt LOUNGE ACT. Das Lied ist verstörend. Scheint Kurts Gesang zu Anfang angenehm und ruhig zu sein, artet es im Verlauf wieder in ein anklagendes lautes Schreien aus. Und dieser Wechsel verstört gerade deshalb, weil er dabei die gleichen Textzeilen wiederholt, wie im leiseren Teil. Für mich wirkt es daher wie ein Versuch etwas zuerst auf die sanfte Tour beizubringen, um dann bei Mißerfolg die harte Schiene zu fahren. Beide Interpretationen werden ständig durch ein hier besser vernehmbares Bass und der sich dem Gesang anpassenden Gitarre verstärkt und unterstützt. LOUNGE ACT habe ich schon so oft gehört (wie logischerweise das komplette Album) und doch wirkt es auf mich immer wieder anders. Mitunter unverständlich und abwesend; eben verstörend und nur selten aufklärend oder erhellend und einleuchtend. Trotz allem aber sehr gut.

Ähnlich seltsam, was die Lyrics betrifft ist Song 11 ON A PLAIN. Im Gegensatz zum Wortsinn von „plain“ (nämlich: einfach, direkt) erscheint mir der Text ziemlich konfus und ungeordnet. Und als ob Kurt Cobain meine Ansicht untermauern will, singt er „It’s now time to make it unclear, to write off lines that don’t make sense.“ Scheint eine Aufforderung zu sein, sich nicht näher mit dem Text zu befassen und einfach der musikalischen Umsetzung zu lauschen. Die wiederum hält sich strikt ans Schema führende Gitarre, im Hintergrund brummender Bass und vereinzelt in den Vordergrund tretendes Schlagzeug plus die nicht ganz klar erscheinenden Textstellen. Aber egal, Hauptsache das lyrische Ich kommt zur Erkenntnis „I love myself better than you. I know it’s wrong, so what should I do?“.

AND THE HIDDEN REST OF IT

Da der letzte Titel SOMETHING IN THE WAY laut Zählwerk mehr als 20 Minuten gehen soll, muss auf NEVERMIND anscheinend noch was nachkommen. Nämlich: der Hidden Track ENDLESS NAMELESS, der konfuses und unmelodisches Durcheinander zu sein scheint. Das Gitarrenspiel wechselt facettenreich von ruhigen, fließenden Akkorden zu unidentifizierbarem Geschrammele ohne erkennbaren Sinn. Das Schlagzeug beginnt ganz normal, passt sich aber schnell an das bizarre Spiel der Gitarre an. Kurts eingestreute (und mehr gekrächzte als gesungene) Wortfetzen sind unwichtig und gehen im Verlauf des „Liedes“ unter. Dieser Verlauf zieht sich dahin bis auf knapp 7 Minuten. Angeblich entstand das Lied während der Aufnahmen zum Album und bildete dann wohl so etwas wie Frustabbau oder -bewältigung, zumindest kommt es einem so vor und hört es sich auch an.

Mit ENDLESS NAMELESS endet das Album dann aber wirklich. NEVERMIND von NIRVANA ist definitiv der Höhepunkt und der Meilenstein in der kurzen Bandgeschichte. Jeder, der auch nur im entferntesten schon mal was von Grunge gehört hat, verbindet damit diese Band und dieses Album. Unbestritten ist „Smells like teen spirit“ ihr bekanntester Song. Doch auf NEVERMIND ist jedes Lied für sich einzigartig. Wichtig ist nur, nicht einfach nur abzumoshen, sondern zuzuhören (wenn das auch bei Kurt Cobains Gesang manchmal sehr schwer ist). Denn seine Lyrics zeugen von hoher Kunst und mit seinem Tod gingen viele nur in seinem Kopf vorhandene Worte auf immer verloren. Aber Kurt Cobain wollte es ja so…

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