(R) All I need is time to love you

…sagte ich zu dieser kleinen runden silbernen Scheibe, nachdem ich sie das erste Mal gehört hatte. Trotzdem hatte ich schon beim ersten Hörgenuss auf Anhieb drei Songs für liebenswert erachtet und ohne zögern in mein Herz geschlossen. Der Rest sollte nur kurze Zeit später folgen. Und da wir grad bei ‚drei‘ waren, fang ich doch einfach mal mit einem der drei Spontan-Lieben an. Passender Weise Position 3 auf IF IT WAS YOU und noch dazu dreimal das gleiche Wort im Titel.

Außerdem schreit doch MONDAY MONDAY MONDAY geradezu danach den Auftakt zu bilden. Nicht nur der Woche, sondern auch meiner Rezension. Und das mit dem Lied der Wochenbeginn einen perfekten Anfang bietet, liegt vor allem an der locker-flockig vorantreibenden Gitarrenmelodie. Tegan und Sara im Gitarrenduett, unterstützt durch gelegentliche Hammondeinwürfe und dem leichten, unbeschwerten Gesang. Dabei ist vor allem der sich über das gesamte Album erstreckende, zeitweise gleichzeitige Gesang beider das interessanteste und harmonischste. Während die Strophen von Sara allein bestritten werden, hören wir im Refrain beide. Das klingt faszinierend und verzaubert mich immer wieder. Mit dem Lied kann die Woche nur noch gut werden.

WHEN MY LOUD GUITAR COMES IN AND WHEN MY THUMPING DRUMS COME THROUGH

Dieser Duettgesang ist auch beim eigentlichen ersten Song des Albums zu vernehmen. Und das TIME RUNNING definitiv das Prädikat Punkrock verdient hat, lässt sich nach dem Hören nicht verleugnen. Kaum startet der Silberling, knallt uns auch schon das laute Schlagzeug entgegen, gefolgt von einer kreischenden Gitarre. Und da wir grad bei Kreischen sind – selbst die Mädels lassen es sich nicht nehmen während des Songs ihrem Geschrei freien Lauf zu lassen. Wie sagt man so schön: straight forward, das kurze Stück Musik und verdammt laut noch dazu. Ein aufweckender Opener eben.

„There’s more to life then love and being together“ verkündet YOU WENT AWAY. Die Mittel dieser offenbarenden Worte sind dabei dem Eröffnungsstück nicht unähnlich. In knapp zwei Minuten (denn länger ist der Song nicht) steckt mehr lyrische Wahrheit als in so manchem kompletten Album von mehr als 60 Minuten. Kurz und prägnant ist eines der offensichtlichsten Mittel, die Tegan & Sara auf IF IT WAS YOU zelebrieren. Sowohl lyrisch als auch musikalisch auf den Punkt! Und das macht eigentlich das gesamte Werk so hörenswert. Song 2 wird dementsprechend wieder von lauten, crashenden Gitarren mit kurzzeitiger Hammonduntermalung beherrscht. Nur der Gesang, der wird diesmal allein von Tegan bestritten. In atemberaubender Geschwindigkeit saust der Titel in mein linkes Ohr hinein und durchs Rechte wieder hinaus und hinterlässt dabei bleibende Schäden, positive wohlgemerkt!

Titel 4 und 5 lasse ich jetzt mal kurz links liegen um sie etwas später wieder abzuholen. Und springe erst einmal zu UNDERWATER. Das hat den einfachen Grund der Erläuterung meiner Meinungsüberschrift: das Zitat stammt nämlich hieraus. Ok ok, der eigentlich Grund ist immer noch die Einordnung von UNDERWATER unter die Kategorie ‚Loud Guitars and Thumping Drums‘. Wenngleich dieser Titel einen Hang zum kommerzielleren Aufbau hat. Sara fängt recht ruhig an zu singen und die Instrumente bilden nur den harmonischen Background. Doch das Lied steigert sich in Intensität und Emotionalität, nicht zuletzt durch die gesangliche Unterstützung seitens Tegans, um im lauten, gitarrenverstärkten Refrain seinen Höhepunkt zu finden – und sogleich wieder abzuebben. Wie eine Welle die sich den Weg durch das Wasser bahnt. Da scheint es wohl wirklich angebracht zu sein, sich unter Wasser zu befinden. Obwohl dort die Akustik natürlich zu wünschen übrig lässt. Denn auf das Hören kommt es nunmal an, wie uns der nächste Titel sogleich unmissverständlich klar macht.

I HEAR NOISES war damals sogar in unseren Breitengraden als Single ausgekoppelt und fand den Weg zu MTViva – aber irgendwie muss der Song Richtung Charts falsch abgebogen sein. Jedenfalls konnte er nicht die musikalisch hochwertigen und intellektuell anspruchsvollen (Vorsicht Ironie!) Ränge der Deutschen Charts erklimmen. Vielleicht war der Titel aber auch zu traurig, zu schmerzvoll, zu dramatisch um ihn als Klingelton anzubieten (Vorsicht, schon wieder Ironie!). Kommen wir also zu den wahren und ernsten Dingen im Leben von uns Spezies Mensch: dem Schmerz nach dem x-ten Verlassen werden, landläufig auch Liebeskummer genannt. Tegan & Sara können einem solch einen bemitleidenswerten Menschen mit einfachen Worten und einfacher musikalischer Poprock-Instrumentierung als Beobachter, näher bringen: „My health is failing me, so I flip on the television and watch sad movies and look for sad sick people like me!“ Kommt wahrscheinlich so ziemlich jedem bekannt vor, nur niemand würde es so einfach in einen Song verpacken. Tegan & Sara schon.

Apropos Schmerz! Davon können Tegan & Sara mehrere Lieder singen. Zum Beispiel TERRIBLE STORM! Fängt eher wie ein laues Lüftchen an, nur die Akustikgitarre und Saras Stimme erzählen von einem lausigen kalten Wetter, das ein Paar aber nicht davon abhält romantische Stimmung zu fabrizieren: „You swore that nothing would ever change the way we were right then“. Auf Wolke Sieben wird geschwebt, aber nach sehr kurzer Zeit verdunkelt sich der Himmel zusehends. Der Sturm bahnt sich seinen Weg zum Liebespaar und bricht in einem tosenden instrumentalen Gewitter (das Schlagzeug fungiert als Donner) im Refrain herein: „I thought you would never find another love again. But you haven’t missed a thing.“ Dieser abrupte, lautstarke Wechsel des Rhythmus wird durch den anklagenden, vorwurfsvollen Gesang noch um ein Vielfaches verstärkt. Der schreckliche Sturm und die Erkenntnis der Vergänglichkeit der Liebe pfeift durch das Finale von TERRIBLE STORM und zwar in Form einer jaulenden Keyboard-/Synthmelodie, die nur so nach Verzweiflung schreit. Schaurig schön arrangiertes Musikstück! Eines der größten Highlights unter den ganzen Highlights von IF IT WAS YOU.

Nach diesem aufbrausenden Erlebnis kehren wir kurz um und holen die zwei links liegen gelassenen Titel wieder ab…

…denn hier auf der Landstraße geht es einem CITY GIRL natürlich nicht so gut. Tegan schrieb CITY GIRL kurz nachdem Sara nach Montreal umgezogen war, weil sie sich irgendwie allein und verlassen vorkam in der großen Stadt. Bestimmend sind hier die leiseren Klänge, Akustikgitarre mit einer langsamen, schaukelnden Melodie und dezent eingesetztes Schlagzeug. Tegan teilt uns ihre Gedanken mit, ihre Ängste und Gefühle. Der Song ist locker, smooth und zu keiner Zeit irgendwie verstörend oder laut. Einzig der Gesang lässt vereinzelt die wechselnde Gefühlslage erahnen und natürlich der Text: „I get so sad that sad gets to be, so scared that all my feelings they up and leave me“.

NOT TONIGHT in der Kurzrezension: Akustikgitarren, vereinzelt Banjoeinsatz, unaufdringliches Schlagzeug und Handclapping. NOT TONIGHT in der Lyrikrezension: „Love, pull your sore ribs in, I will pull your tangles out. In the back of your car I feel like I have traveled nowhere. What will bring me home, what will make me stay? I don’t know! Everything in my body says not tonight, everything in my body says no!“ 2 Minuten 34 Sekunden reichen um eine Geschichte zu erzählen. Und wieder ist sie so sehr aus dem Leben gegriffen, das jeder sofort nachvollziehen kann, worum es geht. Auch auf die Gefahr hin das ich mich wiederhole: Kurz und prägnant, das verstehen Tegan & Sara perfekt musikalisch umzusetzen! Ich bin immer wieder begeistert.

Jetzt aber mal zu was ganz anderem. LIVING ROOM ist der Querschläger und am weitesten vom allgemeinen Grundkonzept des Albums abweichende Song. Na ja, nicht wirklich. Aber auffällig sind das Banjo als Grundmelodiegeber und die auftauchende Slideguitar im Mittelteil schon. Das riecht ein wenig nach Gras, nach Bluegrass um genau zu sein und ebenso hört es sich auch an. Ein verdammt eingängiger Gute-Laune-Song zum Fuß-Mitwippen. Und auch der Refrain, der von den Mädels im Duett, im Wechsel oder auch nacheinander intoniert wird, vermittelt zusätzliche Motivation zum spontanen Mitsingen: „I’d spend all night loosing sleep, I’d spend the night and I loose my mind.“. Ja, da kann man durchaus kurzzeitig die Kontrolle verlieren.

AND DARLING (THIS THING THAT BREAKS MY HEART) ist ein Song der so genannten „Bedroom-Session“ und wurde auch eben dort aufgenommen: in Tegans Schlafzimmer. Zwei Gitarren, zwei Mädels die sich gegenseitig im Gesang unterstützen und fertig ist der gerade einmal 1 Minute 44 Sekunden lange Titel über eine große Liebe, die mit der Zeit immer mehr wächst und unendlich scheint. Tja, es gibt auch die Sonnenseiten im Leben und darüber lohnt es sich ebenfalls zu singen, wenn auch nur für so kurze Dauer.

Bei soviel ‚Love in the Air‘ fragt man sich doch, wo die großen Herzschmerzballaden sind? Die Ausnahmelieder zum Dahinschmelzen und Seufzen … zum Träumen und Schmachten. Dazu kann ich nur sagen: derlei ist auf IF IT WAS YOU eigentlich nicht wirklich vertreten. Mit säuselnden Streichern haben Tegan & Sara wenig am Hut. Und doch gibt es meines Erachtens zwei Titel, die diesem Ideal noch am nächsten kommen und passender Weise auch den Abschluss und Höhepunkt der CD bilden.

I’LL BE WRITING LOVE SONGS, SILLY BANGIN‘ KNEE SONGS

Den Auftakt zum Finale bildet WANT TO BE BAD, das über die gesamten 3 Minuten 50 zwei harmonisch zusammen spielende Akustikgitarren bietet, die in den lauteren Momenten im Refrain durch eine verzweifelt und traurig klingende elektrische Gitarre unterstützt werden. Dazu kommt der tragische und auf gewisse Weise verloren erscheinende Gesang, interpretiert auf eine melancholische Art, natürlich gerade beim zweistimmigen Zusammenspiel von Tegan und Sara. Wie zwei verlorene Seelen, die einen Ausweg suchen, hört sich das an: „I just want to be bad. You’re so tragedy and you were hard on me.“ Man möchte sofort zurufen: Wartet, ich rette euch – kommt aber nicht von der Stelle, weil einen dieser Song an den CD-Player fesselt. Ungemein fesselt.

DON’T CONFESS ist nicht nur der längste Song auf dem gesamten Album, sondern die wohl melancholischste Ballade, die Tegan and Sara in ihrer Karriere bisher fabriziert haben. Derartig ergreifend, traurig und verzweifelt klingen sie wohl wirklich nur sehr selten. Lyrische Bestätigung gefällig? Bitte schön: „Every second I spend waiting, drags me closer to this grave. I’m not alone, I’m just on my own.“ Allein auf IF IT WAS YOU definitiv nirgendwo anders… Tegan bestreitet den Gesang, nur sporadisch von Saras bestätigender Backgroundunterstützung begleitet. Die instrumentale Abteilung hält sich weitestgehend zurück und steigert nur in den dramatischsten Momenten die Lautstärke ein wenig. Aber eigentlich ist das wichtigste der intensive Gesang. Überzeugend. Unglaublich einfühlsam und extrem verwundbar.

Schon vorbei? War eindeutig zu kurz, dafür aber in jeder Sekunde mitreissend… bezaubernd… verträumt… abwechslungsreich… beklemmend schön. Das Album IF IT WAS YOU entfaltet in seinen gerade mal knapp 37 Minuten soviel Kraft, Power, Gefühl, Rhythmus und Lyrik, wie man es von den zwei so unscheinbar (auf die Größe bezogenen) und zerbrechlich wirkenden Kanadierinnen nicht erwarten würde. Aber TEGAN AND SARA machen unglaublich große – großartige Musik.

© Stepnwolf
1st published on ciao.de
Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Erde abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu (R) All I need is time to love you

  1. Pingback: Maximum Medium Overload Episode One | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

  2. Pingback: 30 Day Song Challenge – Day 28 | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s