(R) Engel fliegen einsam

„Ihr. Ihr, die wir lieben, ihr seht uns nicht. Ihr hört uns nicht.
Ihr wähnt uns in weiter Ferne, doch sind wir so nah.
Wir sind Boten, die Nähe zu tragen zu denen in der Ferne.
Wir sind Boten, das Licht zu tragen zu denen im Dunkeln.
Wir sind Boten, das Wort zu tragen zu denen, die fragen.
Wir sind nicht Licht. Wir sind nicht Botschaft. Wir sind die Boten.
Wir sind nichts! Ihr seid uns alles!“

Damiel wählte die Sterblichkeit und ein Leben für die Liebe. Cassiel blieb zurück und fristete weiterhin das ewige, unendliche Leben der Engel von Berlin. So endete DER HIMMEL ÜBER BERLIN von Regisseur WIM WENDERS. Fortsetzung folgt war als Vermerk ans Ende des Films gesetzt. Was als ein Spaß gemeint war, nahm dann im Zuge des Mauerfalls konkrete Formen an. Wim Wenders schuf einen Nachfolger zu seinem Engelsgedicht in Filmform: IN WEITER FERNE, SO NAH!

DIE ZEIT HEILT ALLE WUNDEN

…ist ein menschliches Sprichwort. Was ist Zeit? Wie schnell vergeht sie? Wie kommen die Menschen damit zurecht? Was fangen sie mit ihrer Zeit an? Engel Cassiel (Otto Sander) will es wissen und bekommt durch Zufall (er rettet einer seiner Schutzbefohlenen das Leben und tritt dabei von der Welt der Engel in die Wirklichkeit der Menschen über) die Gelegenheit es herauszufinden. Mit Hilfe seines alten Freundes und Ex-Engel Damiel (Bruno Ganz) bestreitet er die ersten Schritte im Berlin Anfang der Neunziger. Doch er will es allein schaffen und vor allem eines ist ihm wichtig: Cassiel will Gutes tun! Und tappt dabei von einem Fettnäpfchen ins Nächste, lernt die harte Realität des Lebens kennen. Der Absturz ist vorprogrammiert. Erst mit Hilfe des dubiosen und nicht ganz legal operierenden Amerikaners Tony Baker (Horst Buchholz) scheint das Glück auf seiner Seite zu sein. Doch die Schatten der Vergangenheit holen beide ein, Baker ebenso wie Cassiel. Welche Rolle spielt der geheimnisvolle Emit Flesti (Willem Dafoe), die Zeit höchstpersönlich? Was verbindet den alten Mann Konrad (Heinz Rühmann) und seine Ziehtochter Hanna (Monika Hansen) mit eben jenen Tony Baker? Und wird Cassiel die den Menschen gegebene Zeit verstehen, durchschauen und sein Ziel „Gutes zu tun“ in die Tat umsetzen können?

WHY CAN’T I BE GOOD?

Diese Frage stellt sich unser Held aus IN WEITER FERNE, SO NAH an mehreren Stellen immer wieder aufs Neue.

OTTO SANDER spielt den Engel CASSIEL gewohnt routiniert. Der Ausbruch aus dem Engel-Dasein ins wirkliche, reale Leben stellt einen völligen Neuanfang dar. Unschuldig, teilweise hilflos erscheint hier Sanders Performance. Aber auch die schnelle Auffassungsgabe und Entwicklung stellt er ohne Probleme dar und kann dabei mit seinem natürlichen Charme und dem teilweise mimischen Witz glänzen. Und doch sind gerade die Szenen der größten Verzweiflung am gelungensten und bilden den Höhepunkt im Schauspiel Otto Sanders.

Ebenfalls bereits aus DER HIMMEL ÜBER BERLIN bekannt ist BRUNO GANZ als DAMIEL. Seine Rolle des Pizzabäckers in seinem eigenen Laden Casa dell‘ Angelo (Wie auch sonst?) ist hier allerdings nur beschränkt auf wenige Abschnitte, die er ohne besondere Abstriche souverän meistert. Natürlich ist er noch immer mit seiner großen Liebe MARION alias SOLVEIG DOMMARTIN zusammen.

Der zweite wichtige Protagonist ist TONY BAKER (gespielt von HORST BUCHHOLZ). Sein Charakter erscheint zu Beginn ein wenig geheimnisvoll, undurchschaubar und unnahbar. Doch hinter der harten, abgebrühten Geschäftsmann-Fassade verbirgt sich ein längst vergessen geglaubtes Alter Ego, was sich immer mehr seinen Weg bahnt. Mr. Baker macht während der erzählten Zeit aufgrund der Wiederentdeckung der Vergangenheit eine Wandlung durch, die der große Mime Buchholz zweifellos realistisch zu spielen weiß.

WILLEM DAFOEs Rolle als EMIT FLESTI wiederum ist ihm definitiv auf den Leib geschrieben. Es gibt wohl nur wenige Schauspieler deren Erscheinungsbild allein bereits eine gewisse Kälte, Boshaftigkeit und Gefühllosigkeit widerspiegelt und dabei dennoch mysteriös und zweideutig bleibt. Und genau das ist auch jener Flesti, die Zeit persönlich. (Was klar wird, wenn man den Namen rückwärts liest.) Seine vom Zuschauer vor definierte Rolle vom Bösewicht scheint sich immer mehr zu wandeln, obwohl seine Aktionen stets gegen Cassiel gerichtet sind (oder gerichtet zu sein scheinen?). Dafoe setzt diese eindeutige Zweideutigkeit des Charakters gekonnt um und verleiht somit der Zeit genau jene Aura und Autorität im Film, die Regisseur WIM WENDERS beabsichtigte: den allwissenden und überall präsenten, sowie ständig durch Lösungen glänzenden Vermittler zwischen den beiden Welten. Der Welt der Engel mit ihrer Zeitlosigkeit und der Welt der Menschen mit ihrer rastlosen, sich bewegenden und niemals zur Ruhe kommenden fortschreitenden Zeit.

Wen ich in der Aufzählung der Mitwirkenden definitiv noch nennen möchte (da er die beste Nebenrolle inne hat und schon per definitionem nicht ungenannt bleiben darf), ist der große, verehrte HEINZ RÜHMANN. Seine Rolle des KONRAD sorgt nicht nur (im Zusammenspiel mit Nastassja Kinski) für die emotionalste Szene des Films, sondern Rühmann spielt den Konrad wie den lieben Opa, der seine Enkel und Urenkel mit seinem menschlichen Charme automatisch verzaubert und gefangen nimmt. Es war faszinierend ihn in seiner letzten Rolle zu sehen, noch immer mit dem verspielten verschmitzten Lächeln um die Mundwinkel, mit seiner unverwechselbar charmanten Redeweise und seiner einfachen und doch extrem präsenten Anwesenheit.

Neben diesen Hauptakteuren im Film IN WEITER FERNE, SO NAH treten in Neben- und Gastrollen solch bekannte Gesichter wie die schon erwähnte NASTASSJA KINSKI (wie immer bezaubernd anmutig) als Cassiels Engelsfreundin RAPHAELA, PETER FALK als er selbst (wie in DER HIMMEL ÜBER BERLIN auch hier für die Schmunzler zuständig) oder auch MICHAEL GORBATSCHOW (der auf Anfrage Wenders doch tatsächlich für eine Szene des Films zusagte) auf.

„Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde. Geboren werden hat seine Zeit. Sterben hat seine Zeit. Töten hat seine Zeit. Heilen hat seine Zeit. Weinen hat seine Zeit. Lachen hat seine Zeit. Suchen hat seine Zeit. Schweigen hat seine Zeit. Reden hat seine Zeit. Lieben hat seine Zeit. Hassen hat seine Zeit.“

FAR AWAY, SO CLOSE! 

Der Film beginnt (wie auch der inoffizielle Vorgänger) in Schwarz-Weiß-Bildern aus der Sicht der Engel. Cassiel schaut von der Siegessäule auf das neue Berlin – das wiedervereinigte Berlin. Und aus seiner subjektiven Sicht wird uns die freie Stadt gezeigt, die nur wenige Jahre vorher noch auf unbestimmte Zeit geteilt zu sein schien. Kameramann Jürgen Jürges folgt dem Engel Cassiel dabei in die verschiedensten Winkel der Stadt, mit seinen Menschen und seinen Plätzen, stets nah dran und durch die zeitweise wackelnden Handkamerabilder wird diese Nähe noch verstärkt (Exemplarisch die Trapezkünstlerszene mit Damiel, in der man sich als Zuschauer fühlt als würde man selbst diese Aktionen vollführen. Perfekt gefilmt.). Und doch kann Engel Cassiel nur passiv zuschauen und nie aktiv helfend eingreifen.

Das ändert sich aber mit der Menschwerdung. Ebenso ändert Wim Wenders die visuelle Umsetzung: Er wechselt zum Farbfilm. Von nun an stellt er die Ebene der Menschen in Farbe, kontrastierend zum Schwarz-Weiß der Welt der Engel. Und eben jener Umstand stört mich! Denn dieser ständige Wechsel irritiert teilweise. Auch wenn dieses Stilmittel ästhetisch wirken und die Ferne bei gleichzeitiger Nähe symbolisieren soll – mir ist es zu verwirrend. Die Bilder an sich sind aber, wie auch bei DER HIMMEL ÜBER BERLIN, überzeugend, intensiv und mit Blick für das Wesentliche fotografiert. Kompliment an die Adresse des Kameramanns.

Neben der visuellen Ebene glänzte sechs Jahre zuvor DER HIMMEL ÜBER BERLIN vor allem durch das emotionale, lebensnahe wörtliche Darstellen der Gedanken und Gefühle der Menschen. Während Peter Handke damals als Urheber zu nennen war, musste WIM WENDERS bei IN WEITER FERNE, SO NAH auf diese dichterischen Mono- und Dialoge verzichten. So sind nur wenige lyrische Passagen zu entdecken, die vornehmlich den Gesprächen zwischen den Engeln (explizit Cassiel und Raphaela) vorbehalten sind. Dieser Umstand trägt dazu bei IN WEITER FERNE, SO NAH eher in die gewöhnliche filmische Umsetzungsebene zu schieben – dem gewollten ästhetischen Anspruch der Bilder können die ‚normalen‘ Dialoge des Films nicht standhalten.

Und auch die Story an sich ist an einigen Stellen ziemlich mau geraten. Um die fantastischen Elemente der Engel und der Figur Emit Flesti herum, baut WIM WENDERS eine Gangstergeschichte a la tollpatschiger Protagonist verfängt sich in illegale Machenschaften um am Ende zum Held zu mutieren. Gemixt mit einer Familiengeschichte, deren Wurzeln und Geheimnisse in der Vergangenheit liegen und in der Gegenwart aufgedeckt werden. Und mittendrin statt nur dabei: Cassiel als ,neuer Erdenbürger‘, der eigentlich ,nur Gutes tun will‘.
Klang das gerade negativ? Sollte es auch bis zum einem gewissen Maße. WIM WENDERS Absicht dahinter lässt sich aber durchaus erahnen: Die Story dient ihm als Background der Stadtgeschichte, mit all seinen dunklen, längst vergessenen Zeiten und den neuen, ebenfalls nicht immer nur positiven Zeiten und Seiten Berlins. In diesem Sinne ist es also wiederum eine Momentaufnahme des Berlins, das sich ihm im Jahre 1992/93 bietet, kurz nach der Wiedervereinigung. Der Wille war da, allein die Umsetzung ist in IN WEITER FERNE, SO NAH durch einige Täler gegangen.

Doch auf Täler folgen ja bekanntlich hohe Berge. Neben den bisher erwähnten Dingen gehört dazu (wie eigentlich immer bei Filmen des Regisseurs) die musikalische Untermalung: Nie störend, im Hintergrund agierend, außer es ist gewollt. Gewollt war es wohl durch eine eingebaute Konzertszene den Bezug zu DER HIMMEL ÜBER BERLIN herzustellen. Denn nicht nur als Begleitmusik hören wir Lou Reed, sondern es ist auch ein Konzertausschnitt Reeds in Berlin im Film integriert (übrigens extra für den Film). Wer denkt, das ist ein toller Gimmick, der nicht wesentlich zur Handlung beiträgt, irrt! Lou Reed hat eine kurze Sprechrolle, doch die ist für unseren Protagonisten Cassiel eine Art Augenöffner.

TO SEE OR NOT TO SEE?

IN WEITER FERNE, SO NAH ist der Versuch einer erneuten (und erneuerten) Beschreibung der Stadt Berlin nach dem Mauerfall. Gewohnt gut setzt WIM WENDERS das Objekt der Begierde ins visuelle Licht, arbeitet mit subjektiver Kamera (Jürgen Jürges‘ Handkamera-Einsatz sei lobend erwähnt) und ästhetisch fotografierten Bildern von Berlin und seinen Bewohnern. Auch der musikalische Part des Films überzeugt den Zuschauer (neben Lou Reed ist auch Nick Cave wieder dabei). Hervorzuheben sind außerdem die mitwirkenden Schauspieler, ist hierbei doch ein ,Treffen der (deutschen) Generationen‘ zu entdecken (Rühmann, Buchholz, Ganz, Sander, Kinski), die in ihren jeweiligen Rollen routiniert agieren. Und doch erscheint IN WEITER FERNE, SO NAH mitunter verwirrend, etwas konfus, wozu vor allem die seltsam durcheinander gewürfelte Story mit ihren manchmal unlogischen Wendungen beiträgt. Es scheint als habe WIM WENDERS zwar im Kopf die Idee der erneuten (und noch mal erneuerten) Ode an die Stadt Berlin gehabt, bei der filmischen Umsetzung dann aber zu viel des Guten gewollt.

So wirkt IN WEITER FERNE, SO NAH auf der einen Seite irgendwie unvollendet, nicht in allen Facetten zum Abschluss gebracht und trotzdem zeigt der Film auf der anderen Seite den Ist-Zustand einer sich im Umbruch befindlichen Stadt mit einer hoffnungsvollen Zukunft.

© Stepnwolf
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