(R) Smashed – Total abgestürzt !?

Das Kino neigt in den letzten Jahren dazu Geschichten Raum zu geben und in Überlänge zu erzählen, selbst dann, wenn das zu Erzählende gar nicht diesen weiten Raum benötigt. Der klassische 90-Minüter, den es wahrscheinlich auch immer nur gefühlt gab, weicht dem ausschweifenden, leider all zu oft auch langatmigen Storytelling. Was bei den auf Technik und Action zielenden (und weniger die Handlung tangierenden) Blockbuster-Filmen funktionieren mag, ist für das (melo)dramatische und tragische (Independent)kino an die filmische Umsetzung und das schauspielerische Ensemble gebunden und geht dadurch gern auch mal so richtig daneben. To make a long story short: manchmal reichen 70 Minuten, um eine Geschichte zu erzählen. Aber nur manchmal…

In SMASHED unternimmt der Regisseur James Ponsoldt den Versuch der kurz erzählten Geschichte. Das junge Ehepaar Kate (Mary Elizabeth Winstead, bekannt als Ramona Flowers, die zu erobernde Frau aus SCOTT PILGRIM vs. THE WORLD) und Charlie (Aaron „Jesse Pinkman“ Paul) lieben sich und lieben das Leben. Allerdings nur dann, wenn sie sich mit Alkohol zu dröhnen. Kate will aus diesem Teufelskreis des ständigen völligen Absturzes heraus, geht zu den Meetings einer „Anonyme Alkoholiker“ – Gruppe, mit deren Hilfe ihr der Absprung gelingt. Zurück bleibt der Verlust ihres Jobs als Grundschullehrerin und eine gescheiterte Ehe. Aber auch die Erkenntnis, das Richtige getan zu haben.

 

Nicht zum ersten Mal und sicher auch nicht zum letzten Mal wird der Leidensweg einer Alkoholabhängigen geschildert, die durch den Dreck watend am Ende das trockene Ufer erreicht. Ein Weg, der Opfer fordert und im Gegenzug ein neues Leben schenkt. Die Geschichte ist also nicht wirklich neu. Die chronologische Erzählweise Ponsoldts geht auch sofort in medias res. Ohne Umschweife zeigt er das totale Wrack, das sich ihm in Gestalt von Kate offenbart. Ebenso schnell finden wir uns auch schon in der Entzugsphase wieder. Sehen den erneuerten Rückfall und die endgültige Läuterung. Anderthalb Jahre in knapp 70 Filmminuten gepresst. Und genau daran krankt SMASHED!! Hier ist einfach zu wenig Zeit, um den Charakteren und insbesondere der Hauptfigur Kate nah genug zu kommen.

Was eindeutig nicht an der schauspielerischen Leistung von Mary Elizabeth Winstead liegt. Sie spielt die Kate intensiv, extrem enervierend und echt. Aber leider wird ihr die Identifikation durch den Zuschauer verwehrt. Die emotionale Involviertheit bleibt nur oberflächlich. Kann sich aufgrund der zu schnell und abrupten Zeitschnitte gar nicht entfalten. Das ist schade und nimmt dem Thema des Films die Wichtigkeit, die ihm eigentlich gebührt. Schade ist es auch für das weitere Schauspielerensemble. Das Aaron Paul mehr kann als er in SMASHED zeigen darf, weiß man vor allem seit seiner Rolle in der Serie BREAKING BAD, wo er seinem Charakter stets neue ungeahnte Facetten hinzufügen konnte. Völlig unter geht ebenso Octavia Spencer (hervorragend im Film THE HELP agierend und dafür nicht umsonst mit dem Golden Globe und Oscar prämiert) als die Betreuerin von Kate während ihres Entzugs. Aber noch einmal: Es liegt an der zu gerafften, zu schnellen, zu verschnittenen Erzählweise, die den Protagonisten keinen Raum zur Entfaltung erlaubt. Manchmal ist mehr eben doch mehr.

Trotzdem ist SMASHED entgegen des Filmtitels kein totaler Absturz. Neben dem Schauspiel von Ms. Winstead kann sich vor allem der Soundtrack hören lassen, untermalt den Film passend und gibt den Bildern einen schicken Rahmen. Hätte Regisseur James Ponsoldt diesen Rahmen nur ein wenig weiter gespannt und der Geschichte Zeit und Freiraum gewährt, wäre SMASHED ein gelungener Independent-Film geworden. So bietet er dem geneigten Zuschauer am Morgen danach jedoch nur einen Kater, der es in sich hat.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Mensch abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu (R) Smashed – Total abgestürzt !?

  1. Paranoyer schreibt:

    Für mich ist es immer wieder interessant, andere Meinungen zu „Smashed“ zu hören. Vor allem, weil ich sie fast niemals teile. Ich stimme dir vollkommen zu, dass dies mal ein Film gewesen wäre, dem eine längere Spielzeit gut zu Gesicht gestanden hätte, aber ich war vollkommen drin in der Gefühlswelt der Figuren. Womöglich braucht man einen Alkoholiker im familiären Umfeld, für mich hat „Smashed“ auf jeden Fall all die richtigen Knöpfe gedrückt. So sehr, dass ich ihn auf meiner Top-10-Liste des letzten Jahres hatte. Vielleicht liegt das daran, dass ich etwas zu nah an der Materie bin, aber mich hat der Film emotional vollends gepackt.
    Aber, wie gesagt, immer interessant, andere Meinungen zu lesen. Vor allem welche, die Frau Winstead nicht des Over-acting bezichtigen. 🙂

  2. Stepnwolf schreibt:

    Das mag durchaus ein Grund sein. Ich habe in meinem Bekanntenkreis keinen Alkoholiker, kenne es deshalb auch nur als Aussenstehender und fand daher vielleicht auch Ms. Winsteads Performance als gelungen. Von over-acting kann da jedenfalls nicht die Rede sein. Im Gegenteil. Ich hätte halt gern noch mehr gesehen. Eine Art Smashed – Director’s Cut wäre ganz gut. (Wobei hier dann eher uncut. ;))

  3. Pingback: Maximum Medium Overload Episode One | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s