(R) Endstation Lagos

Und dann sitzt du da im Kinosessel. Der Film ist zu Ende und ist es irgendwie auch nicht. Und du denkst dir so: Wow, was war das gerade? Wie sind wir an diesen Punkt gelangt? Wann war der Moment der vollständigen Absorption in den Film, den gezeigten Ereignissen und deren Konsequenzen? Und vor allem: Verdammt, wie gut haben die drei Hauptpersonen miteinander und gegeneinander agiert? Kann das wirklich sein?

Es kann. Es war. Es musste auch sein. Anders wäre das Konzept des Films auch gar nicht aufgegangen.

ZEIT DER KANNIBALEN vom Regisseur Johannes Naber ist deutsches Kino in der First Class – nicht Economy! Obwohl es auch darum geht. Um Wirtschaft und den Kapitalismus als Motor eben jener Ökonomie des Geldes. Schmierstoff dieses Motors sind Unternehmensberater wie Öllers (Devid Striesow, mal wieder grandios aufspielend) und Niederländer (Sebastian Blomberg, köstlich anzuschauen und zugleich zum Kopfschütteln animierend), die für eine Investmentfirma arbeiten und quer durch die Welt jetten, um das Kapital ihrer Firma (die konsequent immer nur als „die Company“ bezeichnet wird) an den potentiellen, gewinnträchtigen Schwellenland-Kandidaten zu bringen. Ihnen an die Seite wird die Neue gestellt – Bianca – die sich jedoch bald als jemand ganz Anderes entpuppt denn zuerst angenommen. Katharina Schüttler passt perfekt in diesen Business-Anzug, der eigentlich nicht so ganz ihrem eigentlichen Naturell zu entsprechen scheint.

Die Protagonisten sind bereit. Vorhang auf. Möge das Schauspiel beginnen.

„It’s Boogietime!“

Und was für ein Schauspiel wird dem geneigten Zuschauer hier geboten! Vergleiche zu Roman Polanskis verfilmten Theaterstück von Jasmina Reza DER GOTT DES GEMETZELS sind erlaubt. Auch bei ZEIT DER KANNIBALEN ist das Setting eng abgesteckt, nur begrenzt auf die Hotelzimmer der Akteure. Dort spielt sich das ganze Drama ab. Dort zeigt sich mit zunehmender Spieldauer das wahre Gesicht der einzelnen Personen. Öllers, der nach Aussen jedwede Emotion mit Sarkasmus und zynischer Gleichgültigkeit blockiert, brodelt ständig im Inneren vor sich hin. Insbesondere sein Privatleben leidet nämlich extrem unter seinem Beruf. Den äußeren Schein aufrecht zu erhalten, kann ihm nicht gelingen. Seine abrupten Stimmungsschwankungen sind das offensichtliche Ergebnis dieses Kampfes zwischen Außenwahrnehmung und Innenwelt. Devid Striesow zeichnet ein ungemein genaues und echtes Bild jenes Öllers. Man nimmt ihm jede Handlung im Film ohne Zweifel ab. Das ist stark gespielt. Sebastian Blombergs Charakter Niederländer ist demgegenüber zu Beginn vermeintlich leicht zuzuordnen und durchschaubar. Akkurat, ordentlich, effizient und präzise scheint dieser Niederländer zu sein. Ein Sportfreak. Fitness ist ihm wichtig und dient wahrscheinlich auch als Ausgleich zum ständig auf oberstem Level agierenden beruflichen Leben. Und doch ist er ein spleeniger und neurotischer Typ, der den Rekord im „Kofferpacken im dunklen Hotelzimmer“ hält („34,4 Sekunden“) und aufgrund eines Insektenstiches mal gleich das komplette Hotel in Aufruhr versetzt. Man kommt nicht umhin Sebastian Blomberg schmunzelnd bei seinem Schauspiel zu beobachten. Großartig und seinem Partner ebenbürtig besetzt er die Szenerie.

„Bianca. Was ist das für ein Name? Stammt die aus der Zone?“ 

Diese in vermeintlicher Freundschaft verbundene Männerriege erhält Zuwachs von der ehrgeizigen, eloquenten und irgendwie spießig erscheinenden jungen Kollegin namens Bianca März. Katharina Schüttler in Business-Anzug ist gewöhnungsbedürftig. Ihr Schauspiel bewegt sich allerdings, wie eigentlich immer, auf hohem Niveau. Bianca ist der Katalysator, der die Dreierkonstellation in Bewegung bringt, ohne Möglichkeit, den sich daraus ergebenden Konsequenzen entkommen zu können. So wie Bianca Öllers und Niederländer durch ihre bloße Anwesenheit verändert, wird auch sie verändert und zwangsläufig mit hineingezogen in den Strudel der sich überschlagenden Ereignisse. Der Anzug weicht dem Unterhemd. Diese bildliche Entblößung dient der metaphorischen emotionalen und charakterlichen Entblößung der Akteure dieses Kammerspiels.

Denn ZEIT DER KANNIBALEN ist nämlich genau das. Ein Kammerspiel. Und ein intensives noch dazu. Jede Szene wird bildlich unterbrochen durch einen dunklen Bildschirm, nur die in diesen Momenten hörbare Musik leitet zur nächsten Stufe der Eskalation über. Die Akteure nähern sich stetig dem Finale und dem (vermeintlich?) offenen Ende. Die einzelnen Szenen sind bestimmt durch die verbale Interaktion der Protagonisten. Dialoge, die messerscharf die Charaktere im Besonderen und die Branche im Allgemeinen sezieren. Der Film ist fordernd, ohne Aufmerksamkeit hat man verloren. Folgt man den Gesprächen jedoch, wird man hineingesogen in diese Welt, in der im wahrsten (sprichwörtlichen Sinne) das Geld regiert. Man ist darin verloren, will wieder raus. Schafft es aber nicht und bleibt somit darin gefangen. Wenn ein auf das alleinige Agieren der handelnden Personen ausgelegter Film dies genauso gut gelingt, wie ein Action-Blockbuster, der einen aufgrund der Special Effects an den Kinosessel fesselt, dann hat der Film irgendwas richtig gemacht. ZEIT DER KANNIBALEN kann das!

Der Regisseur Johannes Naber entblößt die sogenannte Global Economy und deren Akteure in dieser extrem bösen, sarkastischen, aber doch immer wieder mit viel Humor angereicherten filmischen Studie. Treibt seine handelnden Personen nicht nur zum schauspielerischen, sondern auch zum filmischen Höhepunkt. Am Ende bleibt dem Zuschauer die Erkenntnis, das weder der Moralimperialismus einer Bianca März, noch der Zerstörer-Kapitalismus eines Öllers und Niederländers auf dieser Welt triumphieren werden. Aber was dann?

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