Heimkehr Part 1

Die Straße ins Dorf hinein ist der letzte Abschnitt auf einer Fahrt zurück in die Vergangenheit. Die Straße ist auch immer noch (und wird es wohl auf ewig bleiben) der letzte Weg, an dessen Ende man im Nirgendwo landet. Das Nirgendwo ist ein Waldgebiet hinter dem Dorf, das sich als sein Heimatdorf demaskiert. Die Heimat aus einer zurückliegenden Vergangenheit. Einer Vergangenheit, die in der nostalgischen und romantisierten Sicht seines jetzigen Ichs das gute und wahre und einzig schöne Leben symbolisiert. Heimkehr ist auch immer ein Stück weit Rückkehr zu den Wurzeln. Zur alten Zeit.

Und auch wenn sich optisch das Dorf dem Rhythmus der fortschreitenden Zeit angepasst hat, sieht es durch die Augen eines Heimkehrers so aus, wie eh und je. Vielleicht muss es das auch, weil nur so dieser nostalgische Blick auch bewahrt werden kann. Ein Blick, der als Wundpflaster für die in der Zeit der Abwesenheit entstandenen Verletzungen und Narben dient. Heilung durch Einkehr und Rückkehr. Und wenn nicht Heilung, dann wenigstens Linderung. Das muss reichen. Zumindest hoffte er das.

Der Weg zurück ins heimatliche Nirgendwo führt über die Absurditäten der langen, endlos erscheinenden, teergetränkten Autobahn. Links und rechts umsäumt von Leitplanken, Autobahnraststätten mit Tankstelle und Imbisstand. Überflutet mit Fahrzeugen, die alle ziellos (so erscheint es ihm zumindest) einem auf Anzeigetafeln aufgezeigten Ort entgegensteuern. Wie automatisierte Zombies bewegen sich die Blechkolonnen, blinken mal links, mal rechts, bremsen und beschleunigen. Und kommen doch irgendwie nie an. Vielleicht in den Ort, wo sie hin wollen, aber nicht in dem Moment des Lebens, den sie alle für sich selbst als den richtigen und wahren erachten. Die Stolpersteine des Lebens symbolisieren auf der Autobahn die Schilder mit Anweisungen, denen die automatisierten Zombies Folge leisten. Schilder, deren Sinnlosigkeit Kopfschütteln verursacht und ihm jedes Mal aufs Neue wieder aufzeigt, wie fremdbestimmt das eigene Leben ist. Unbemerkt und unbewusst wird der hochgelobte Individualismus des Einzelnen zu einer kollektiven gesteuerten Masse. Allein durch Bilder und Zeichen und Zahlen und Symbolen und vorgezeichneten Wegen.

So frei, wie seine Gedanken sind, so abgesteckt und eingegrenzt sind die Wege zurück in die Vergangenheit. Auf der einen Autobahn, die auf die eine andere Straße führt, an deren Ende ihn die Silhouette eines Kirchturms erwartet, der Erinnerungen aufwühlt. Kirchtürme waren im Mittelalter die Fixpunkte zwischen zwei Orten. Die Verbindungslinie war der Weg dazwischen. Dieser spezielle Kirchturm ist die Verbindung zurück zu ihr. Der einzigen und größten Wunde aus der Vergangenheit, die sich selbst mit dem Wundpflaster des nostalgische Blicks nicht heilen lässt. Nie heilen ließ. Und doch in diesem Augenblick als Heilung fungiert. Fungieren muss. Fungieren soll. Zumindest hoffte er das.

Im Autoradio läuft Birdys Wings. Das Lied ist seit langen mal wieder eines von denen, die ihm signalisieren, dass es doch noch so etwas wie guten Mainstream-Pop gibt, der Botschaft vermittelt.  Früher lief im Autoradio immer ihr Lieblingslied von den Cardigans, My favourite game. Ein typischer Autobahnsong auf langen, endlos erscheinenden, teergetränkten Straßen. In Dauerschleife abgespielt, aber nie zu Tode gespielt, sondern immer wieder aufs Neue lauthals mitgesungen. Sie konnte das ausgesprochen gut – das lauthals mitsingen. Er dachte gerade daran zurück und musste unbewusst lächeln. Würde sie die Serie How I met your mother kennen, hätte sie sich wahrscheinlich darüber aufgeregt, dass die ihre Idee (nur mit einem anderen Song) einfach so schamlos kopiert haben. Sein Lächeln wurde zu einem Grinsen. Ja, das hätte sie. Aber sie kennt die Serie nicht.

Er setzte den Blinker und fuhr in die Straße Richtung Heimatdorf. Zurück in die Vergangenheit. Vorbei am Dorfteich neben dem früheren Feuerwehrhaus. Rechts den Weg hinunter, die Kirche passierend. Er parkte das Auto auf dem Parkplatz, dessen Schild ihm mit penetranter Zielstrebigkeit die kostenlose Parkdauer in den vorgeschriebenen Zeiten signalisierte. Durchschritt das große eiserne Tor, dessen kleine Nebentür (der versteckte Eingang) nicht mehr vorhanden war. Ersetzt wurden war durch eine Kombination aus Steine, Wasser und Mörtel. Ging den breiten Weg entlang, gesäumt von hohen, dunklen Fichten, die ihn früher (in seiner fantasierenden Kindheit) immer bedrohlich angestarrt hatten. Bog links ab, folgte dem sandigen Pfad bis zu der kleinen schattigen Ecke an der Mauer, wo noch immer der Brombeerstrauch wuchernd seine Heimat hatte. Legte eine Sonnenblume auf den glatten, in schwarzer Einfassung und mit grauen Sprenkeln durchzogenen Stein. Setzte sich davor und las die ihm wohl bekannte Inschrift:

Kurz, aber intensiv. Dein Leben.

Karoline Gracht.

10.01.1979 – 09.01.2000.

In ewiger Trauer.

Fortsetzung folgt

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3 Antworten zu Heimkehr Part 1

  1. ER.GO schreibt:

    Wunderschön … deine Art zu schreiben. Sehr stimmungsvoll traurig. Ich hoffe Teil 2 kommt bald. Ich freue mich drauf.

  2. Pingback: Die AudioVision zum Monat | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

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