Heimkehr Part 2

Kurz und intensiv. Dachte er. Das war es tatsächlich. Er kannte sie von Kindesbeinen an. Sie war das Mädchen von nebenan. Im wortwörtlichen Sinne. Sie wohnte zusammen mit ihrer Mutter auf der gegenüberliegenden Straßenseite in einem großen Backsteinhaus, das aus der Sicht eines Fünfjährigen noch um einiges größer erschien, als es eh schon war. Umzäunt mit einer schier unüberwindbaren Steinmauer, nur unterbrochen von einem riesigen Eingangstor, in das eine kleine Tür eingelassen war. Das Tor war stets verschlossen. Aber die Tür meist offen. Er ging immer zum Spielen hinüber. Nicht mit ihr, sondern zu Beginn mit dem treuen Begleiter und Beschützer des Hauses und (wie er dann nach und nach feststellte) auch von ihr: Clyde. Einem bereits in die Jahre gekommenen Hund – einem Chow Chow, wie sie ihm nicht ohne Stolz erklärte. Wenn auf einen Hund das Klischee des treudoofen, aber liebenswerten Freund des Menschen zutraf, dann auf Clyde.

Karoline liebte ihren Clyde. Er war ihr einziger Halt in einem ansonsten kalten Umfeld. Ihre Mutter, von ihm immer böse Hexe genannt, war entweder gar nicht zu Hause oder frönte bei Anwesenheit ihren diversen Liebschaften. Karoline wurde von ihr nicht beachtet. Sie fand Wärme und Nähe bei Clyde und immer mehr auch bei ihm. Sie wurden beide beste Freunde. Sandkastenfreunde Royal – eine höhere Stufe geht nicht. In der Schule waren sie von Anfang an ein unzertrennliches Team. Wo er war, war auch sie. Und umgekehrt. Sie saßen nebeneinander, sie gingen zusammen nach Hause, lernten zusammen, spielten zusammen. Mit den Jahren wurde Karoline mehr und mehr zum dritten Kind in seiner Familie. Sie genoss diese Aufmerksamkeit. Auch weil es die Momente waren, die die dunklen Gedanken an das bedrohliche große Backsteinhaus gegenüber, das sich ihr zu Hause schimpfte, für eine Weile vertrieben. Aber eben nie für immer.

Er schreckte kurz hoch. Jemand hatte den Rasenmäher angeworfen und war nunmehr damit beschäftigt die Rasenfläche vor der kleinen Kapelle des Friedhofs wieder auf Vordermann zu bringen. Es war ein herrlicher Frühlingstag. Der Sommer war bereits spürbar. Überall zeigte sich sein Nahen. Man konnte ihn sehen, ihn riechen, ihn fühlen. Vielleicht kam es ihm aber auch nur so intensiv vor, weil er ihr nach so langer Zeit wieder so nah war. Seine Sinne geschärfter waren. Seine Erinnerungen an sie alte Gefühle auslösten, die er längst vergessen geglaubt hatte. Die mit ihr begraben zu sein schienen. Heimkehr. Dieses nostalgische Emotionalisieren auf hohem Niveau. Genau deshalb wollte er eigentlich nicht wieder hierher zurück. Zurück in die Vergangenheit. Aber er musste. Denn es versprach Heilung. Zumindest hoffte er das.

„Ab jetzt nenn mich nur noch Line. Dieses Karoline oder noch schlimmer Karo“, sie machte eine abweisende Handbewegung, „ist einfach nur nervig. Extremst nervig.“ Line und er waren an ihrem Lieblingsort in diesem Dorf. Eigentlich war es schon gar nicht mehr im Dorf, sondern am Waldrand ganz in der Nähe. Sie hatte ihr Fahrrad an den Wegrand gelegt, erklomm die hölzernen Stufen des Jägerhochstands und setzte sich im Schneidersitz auf die morsche Bank. Ihr Blick wanderte über das weite Feld. Ein Feld voller Sonnenblumen. So weit das Auge reichte. Sein Auge reichte nur bis zu ihr. „Line? –  Du bist ja eine Revoluzzerin.“ Er grinste sie an. „Blödmann.“ Sie grinste zurück, drehte sich wieder um und schaute Gedankenverloren in die Ferne. Er kannte diese Augenblicke. Wenn sie völlig abwesend war, ohne Reaktion, in ihrer eigenen kleinen Welt, die noch nicht einmal er durchdringen konnte. „Karoline werde ich von meiner Mutter genannt. Eine von vielen Bürden, die die böse Hexe“, ihr Blick wanderte kurz zu ihm, „mir auferlegt hat. Und Karo ruft mich der ganze Rest dieser gottverdammten Welt, die sich hier um mich herum zeigt. Da ist es nur fair, wenn du das Privileg erhältst, mich als Einziger anders anzusprechen.“ Er verbeugte sich. „Mylady. Stets zu Diensten.“ Er hielt ihr eine Sonnenblume entgegen. Sie streckte die Hand aus, um danach zu greifen und lächelte ihn dabei an. Ein Lächeln, das er so von ihr noch nie gesehen hatte.

Er las noch einmal die Grabinschrift. Sein Blick wanderte von der Sonnenblume zurück zu den Buchstaben und wieder zurück zur Sonnenblume. Deine Lieblingsblume. Nur für dich, Line. Sagte er mehr zu sich selbst, stand auf und ging den gleichen Weg nehmend zum geparkten Wagen. Er stieg ein, öffnete das Handschuhfach und nahm eine aus lackiertem Holz und mit einer Signatur versehene Schatulle heraus. Bis heute wusste er nicht, was die Signatur bedeuten sollte – A und G. Nur zwei Buchstaben, die in ihm keinerlei Assoziationen hervorriefen. Die Schatulle machte ein leises quietschendes Geräusch beim Öffnen. Der Zahn der Zeit hatte auch hiervor nicht Halt gemacht. Ebenso wenig wie vor dem Brief, der sich darin befand. Er strich mit der flachen Hand über den Umschlag.

Für meinen Engel. Von Line.

Fortsetzung folgt

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3 Antworten zu Heimkehr Part 2

  1. ER.GO schreibt:

    Mich zieht es immer mehr in denn Bann deiner tollen Geschichte. Diese Stimmung!! Kann’s wieder kaum erwarten weiter zu lesen. Jetzt wo ich Line kennengelernt habe, habe ich ein bisschen Angst zu erfahren was ihr zugestossen ist. 😦 Sonnenblumen sind auch meine Lieblingsblumen. 🙂

    • Stepnwolf schreibt:

      Und ein ganzes Feld voller Sonnenblumen sieht einfach toll aus. 🙂 Die Angst um Line treibt auch mich um. Wer weiß schon, wo das hinführt. Außer ich… und du, in naher Zukunft.

  2. Pingback: Heimkehr Part 1 | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

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