Heimkehr Part 3

Der Text war ihm wohl bekannt. Unzählige Male hatte ihn der Brief wie magisch angezogen. Unzählige Male hatte er die Buchstaben, die einzelne Worte formten, aus denen Sätze entstanden, gelesen. Darüber sinniert. Den Inhalt und die Absicht zu verstehen versucht. Unzählige Male überkam ihn das Gefühl der Ohnmacht darüber, was die Sätze bedeuteten. Warum sie dort standen und ihn zu verhöhnen schienen. Ihm das nahmen, was man eine Zukunft nennt, ohne ihm im Gegenzug einen adäquaten Ersatz zu bieten. Unzählige Male ließen ihn die Worte taub und ohnmächtig zurück. Ihre pure Gewalt, an der er verzweifeln konnte. Doch diese unzähligen Male wurden nach und nach weniger. Dieser Brief von ihr verwandelte sich irgendwann unter vielen Schmerzen in das, was es eigentlich war. Ein letzter Gruß an ihn und das Leben.

Mein lieber Engel,

Dante Alighieri schrieb vor sehr langer Zeit in seiner Göttlichen 
Komödie:

Entkommst du einst aus diesem dunkeln Ort
Und siehst den Sternenglanz, den schönen, süßen,
Und sagst dann froh und heiter: Ich war dort,
Vergiß dann nicht, die Welt von uns zu grüßen!

Ich entkomme nicht aus diesem dunklen Ort, mein Engel. Du hast es 
versucht. Über Jahre. Und dafür danke ich dir aufrichtig. Aber es 
kommt der Punkt, an dem alles keinen Sinn mehr macht. Der Moment, 
in dem der Verstand nein sagt, aber das Herz ja. Ja zu einem 
Wechsel an einen Ort, den Alighieri als dunkel, ich aber als hell 
leuchtend und strahlend erachte. Dunkel war die Welt. Dunkel und 
so einsam. Trotz deiner Nähe, deiner Wärme und dann auch deiner 
unendlichen Liebe. Für mich leuchten hier die Sterne, an diesem 
Ort. Dir obliegt es, alle zu grüßen. Zumindest all jene, die es 
verdient haben, von mir gegrüßt zu werden. 

Wer schließt mich von der Stadt der Schmerzen aus?

Niemand. Die Schmerzen waren immer da. Auch wenn sie durch deine 
Liebe nicht mehr bluteten, so blieben doch Wunden. Wunden, die 
nicht heilen wollten. Nicht heilen sollten? Mein Engel, es tut 
mir so unendlich leid, das auch du nun diese Wunden mit dir herum-
trägst. Denn glaub mir, das wirst du. Aber irgendwann, es wird 
sehr lange dauern, werden deine Wunden verheilen. Du bist stark. 
Du warst lange stark genug für uns zwei. Aber ich kann dir und 
mir diesen Schmerz nicht länger antun. 

In einem Leben voller Leid und Qual (abseits der Sekunden, 
Minuten, Stunden an deiner Seite) bleiben mir drei Momente als 
die traurigsten in Erinnerung. Zwei davon hast du mit mir 
geteilt. Den dritten konnte ich dir nicht antun. Wollte ich dir 
nicht antun. 

Clydes Tod war der erste Moment tiefer Trauer. Dieser unglaublich 
liebevolle kleine Hund mit den Augen, die keinem auch nur ansatz-
weise böse und gemein erschienen, war als Kind immer der 
Lichtblick in meinem Leben. Du warst damals bereits an meiner 
Seite und hast ihn zusammen mit mir begraben. Erinnerst du dich?

Natürlich erinnerte er sich. Clyde fand seine letzte Ruhestätte unweit des Lieblingsplatzes von Line und ihm im Schatten einer schon damals uralt erscheinenden Eiche. Clyde lag immer dort, wenn sie im Sonnenblumenfeld spielten, den Jägerhochstand zum Fort des Wilden Westens ausriefen oder einfach nur in der Sonne lagen und nichts taten. Kein anderer Platz wäre besser geeignet gewesen. Denn so konnte Clyde auch später immer noch über Line wachen, wenn sie mal wieder alleine dort war und sich in ihrer eigenen Welt befand. Ein schöner Gedanke war dies damals. Nur Kindern ist derlei Phantasie eigen. Phantasie, die uns Erwachsenen irgendwo auf dem Weg in das Leben verloren geht.

Der zweite Moment war der Tod von Kurt Cobain. Du weißt, was er 
mir bedeutet hat. Der Tod und der Moment. Auch in diesem Augen-
blick konntest und durftest nur du, mein Engel, Trost spenden. 
Aber wer auch sonst? Das dieser traurige Tag auch gleichzeitig 
den Beginn unserer Liebe markierte, macht es ungleich schwerer. 
Dieser Moment war auf ewig eingebrannt. Unser erster Kuss. Dort 
an unserem Lieblingsplatz. Unweit von Clydes Grab. Es ist wohl 
Ironie des Schicksals, das der traurigste und der glücklichste 
Moment auf ein und denselben Augenblick fallen sollten. Doch ich 
bin dankbar dafür. Unendlich dankbar. Aber auch unsagbar traurig. 
Und gleichzeitig bin ich gerade hier, wo ich diese Zeilen 
schreibe, auch voller Euphorie. Ich weiß jetzt, was ich will. Und 
ich weiß, das ich das nur ohne dich kann. Können muss.  

An diesem Punkt angelangt bitte ich dich nur mehr um zwei letzte 
Dinge. Und ich weiß, das du sie mir nicht verwehrst. Ich sehe 
dich vor mir, mit deinem Lächeln, das mir immer für kurze Zeit 
Freude brachte. Ich höre dich sagen ‚Stets zu Diensten. Mylady.‘ 
Marc, mein Engel, bewahre bitte diese Schatulle auf. Bis zu einem 
bestimmten Tag in der Zukunft. Deiner Zukunft - nicht meiner. 
Dann nimm sie, fahr zu Clydes Ruhestätte an der alten Eiche, grab 
dort ein Loch. Alles andere findet sich von selbst und wird 
gefunden.

Das Datum hatte Line auf der Rückseite des Umschlags vermerkt. Der 15. Mai 2014. Der heutige Tag. Rätsel. Sie liebte Rätsel. Dieses Rätsel sollte sich nun endlich auflösen. Und ihn erlösen? Zumindest hoffte er das.

Dante Alighieri schreibt:

Mich führt auf anderm Weg mein weiser Leiter
Dahin, wo Stille lautem Tosen wich,
Und dorthin, wo nichts leuchtet, schritt ich weiter.

Ich habe sie gefunden, die Stille. Und ich habe zu mir gefunden. 
Der dritte Moment gehört nur mir allein. Am Ende dieser Reise 
kannst und sollst du mir nicht zur Seite stehen. 
Marc, mein Engel, du weißt, das ich dich liebe. Auf ewig. Deshalb 
verzeih mir. Es ging nicht anders. Kram die CD von Freundeskreis 
raus. Spiel unser Lied. A N N A. Und behalt mich auch im Tod so 
in Erinnerung wie ich im Leben war. 

Denk an mich. Nicht immer - aber immer, wenn es regnet.

Ich liebe dich, mein Engel.


Line

Fortsetzung folgt

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3 Antworten zu Heimkehr Part 3

  1. ER.GO schreibt:

    Ich bin da … und lese, finde nur gerade keine Worte. Bin sehr gerührt ……….

  2. Pingback: Heimkehr Part 2 | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

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