Heimkehr Part 4

„Marc? – Marc Sturm?“

Jemand klopfte an die Autoscheibe seines Wagens. Er schaute hoch und sah den Mann, der eben gerade noch den Rasen vor der Kapelle getrimmt hatte. Er faltete den Brief zusammen, steckte ihn in den Umschlag und legte ihn neben die Schatulle auf den Beifahrersitz. Langsam kurbelte er die Seitenscheibe runter, sah den Mann mit fragendem Blick an, ohne ihn einordnen zu können. „Thomas. – Thomas Schoch.“ Er überlegte intensiv. Doch sein Verdrängungspotential zu allem, was diesen Ort betraf, hatte über die Jahre ganze Arbeit geleistet. „Wir waren zusammen in einer Klasse. Ich saß eine Reihe vor dir.“ Thomas hielt kurz inne. „Vor euch. Dir und Karo.“ Richtig. Thomas oder besser gesagt Tom, wie er von allen nur genannt wurde. Nie die größte Leuchte in der Schule, aber ein herzensguter Mensch. „Ja, Tom. Sorry. Hab dich nicht erkannt.“ Er stieg aus dem Wagen, lehnte sich an die Tür, holte eine Zigarettenschachtel aus der rechten Manteltasche, nestelte an der noch verschlossenen Packung herum. Überlegte kurz und warf sie dann achtlos auf den Rücksitz.

„Du warst an ihrem Grab?“ – „Ja. Es ist eine Ewigkeit her, das ich hier war.“ Und wäre dieses Rätsel, das nach Auflösung gierte nicht, hätte diese Ewigkeit sicher noch angedauert. „Nur bei ihrem?“ Natürlich nur bei ihrem. Alles andere war am heutigen Tag zweitrangig. Den Weg ans andere Ende des Friedhofes konnte er auch noch später gehen. Seine Eltern mussten warten. Konnten warten. Hatten keine andere Wahl als zu warten. Auf seine Heilung oder doch wenigstens Linderung. Noch mehr Vergangenheit war an diesem erinnerungsdurchtränkten Maitag nicht machbar, nicht zumutbar. Denn irgendwie hatte er das Gefühl, das unter dieser Eiche, in Clydes letzter Ruhestätte, mehr Vergangenheit auf ihn wartete, als ihm lieb war. Als ihm gut tat. Lines Worte hallten in ihm wider: „Aber irgendwann, es wird sehr lange dauern, werden deine Wunden verheilen.“ Es dauert noch immer an. Es dauert an.

„Das Grab deiner Eltern wird immer noch gut gepflegt. Auch nachdem deine Schwester nicht mehr aufgetaucht ist. Wie geht es Marie eigentlich?“ Wenn er das nur so genau wüsste. Seine Schwester hatte sich mal wieder ins Irgendwo abgesetzt. Er hatte seit Monaten nichts von ihr gehört, was in Zeiten von iPhone, Facebook und Twitter an ein Wunder grenzte. Aber wenn Marie nicht gefunden werden wollte, dann fand sie Mittel und Wege, dies einzurichten. „Gut. Sie wandelt durch die Weltgeschichte. Wie man so schön sagt.“ Tom lachte kurz auf. „Und was treibt dich hierher? Nach so vielen Jahren.“ – „Erinnerungen. Die Geister der Vergangenheit. Irgendsoetwas.“ Etwas, das auf der Rückseite des Briefumschlags vermerkt war. Dachte er. Ein mysteriöses Datum, das heute Wirklichkeit geworden war. „Wer pflegt denn das Grab meiner Eltern?“ Er konnte sich Niemanden in diesem Dorf vorstellen, der dies tun würde. Weil niemand mehr da war, der seine Eltern gekannt hatte. „Die alte Grachten. Karos Mutter.“ Er sah Tom verblüfft an. „Ehrlich?“ Ausgerechnet die böse Hexe hatte sich dieser Aufgabe angenommen. Sollte sie tatsächlich nach Jahren der Unvernunft so etwas wie Mitgefühl und Nächstenliebe entwickelt haben? Er konnte das nicht glauben.

„Ja. Die alte Grachten hatte nach Karos Tod ja nur noch ihre kleine Tochter. Und anscheinend wollte sie bei der alles richtig machen, was bei Karo schief gelaufen war.“ Was bei Line schief gelaufen war. Dieses vermaledeite Dorf mit seinen verqueren Ansichten. Natürlich musste mit Line irgendetwas schief gelaufen sein. Warum sollte eine junge Frau auch sonst den Freitod wählen anstatt des Lebens. „Kleine Tochter?“ Ein zweites Mal war sein Blick mit Verblüffung durchtränkt. Tom kam auf ihn zu und lehnte sich ebenfalls an seinen Wagen. „Ich mach‘ auch keine Kratzer an deinen schicken Oldie.“ – „Welche Tochter?“ Seine Erinnerungen ließen ihn im Stich. Krampfhaft versuchte er sich an eine Schwester zu erinnern. An eine Schwester, die Line seines Wissens nach nie hatte. „Ja. Hier im Dorf schaute damals so ziemlich jeder genauso wie du gerade. Die Kleine war das erste Mal überhaupt bei Karos Beerdigung aufgetaucht. Damals war sie vielleicht drei oder vier Jahre. Höchstens. Die alte Grachten hatte sie wohl in ihrem Haus versteckt. Schätze mal, sie war das Ergebnis einer ihrer diversen Liebschaften.“ Genüsslich und gleichzeitig abwertend klangen die letzten beiden Worte. Lines Beerdigung. Er war damals nicht dabei, weil aufgrund der schlechten Witterung alle Flugverbindungen gestrichen wurden. Als ob sie sogar das mit eingeplant hatte, um ihn fern zu halten. Aber wieso hatte sie ihm nie von ihrer Schwester erzählt? „Sie war dann ja auch bei der Beerdigung deiner Eltern da.“ Die Bilder davon waren ihm noch immer präsent. Obgleich er sich nicht mehr an die Anwesenheit der bösen Hexe erinnern konnte. „Und irgendwie fühlte sie sich dann wohl verantwortlich für die Pflege des Grabes. Wahrscheinlich aufgrund deiner engen Beziehung zu Karo. Wer weiß das schon.“

Anscheinend wusste er vieles nicht. Die Vergangenheit brachte tatsächlich einige Geister zum Vorschein. Und die waren lebendiger als je zuvor. Er ließ Tom noch eine Weile vor sich hinplappern, antwortete mal hier, nickte mal dort, schüttelte den Kopf oder bejahte zustimmend. Dann stieg er ins Auto, fuhr an der Kirche vorbei, der einzigen Hauptstraße folgend, Richtung Waldgebiet. Vorbei an der Stelle, die vor ewigen Zeiten gekrönt war mit Sonnenblumen, so weit man nur schauen konnte. Die heute aber mit schicken Einfamilienhäusern zubetoniert war. In denen ihm völlig fremde Menschen wohnten. Deren Schicksale ihm nichts bedeuteten, weil sein Schicksal auch ihnen nichts bedeutete. Er parkte den Wagen neben der alten Eiche, die als einziges Zeugnis aus der Vergangenheit stolz und hoch aufragend in der Landschaft stand. Stieg aufs Wagendach und ließ den Blick von dieser erhöhten Position über die Silhouette des Dorfes streifen. Er hielt kurz am Kirchturm inne, dem mit Abstand höchsten Punkt weit und breit. Steckte sich eine Zigarette an und ließ den Moment Moment sein, so wie es Line immer getan hatte. In einer für ihn glücklicheren Vergangenheit, die längst verblichen war. Dann wendete er sich um, sprang vom Dach auf den Boden,  öffnete den Kofferraum des Wagens und holte die Schaufel heraus.

Fortsetzung folgt

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3 Antworten zu Heimkehr Part 4

  1. ER.GO schreibt:

    … spannend! Ich muss dir an dieser Stelle mal kurz dafür danken, dass du mich an deiner tollen Geschichte teilnehmen lässt. Sie macht unfassbar viel Freude.

  2. Pingback: Heimkehr Part 3 | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

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