Heimkehr Part 5

Ein Lebenszeichen. In seiner Hand. So viele Jahre nach ihrem Abschiedsbrief war da wieder etwas völlig neues von ihr. Ein weiterer Brief. In der gleichen unnachahmlichen Schreibweise konnte er es auf dem Umschlag lesen:

Für meinen Engel. Von Line.

Er betrachtete das nicht mehr ganz so weiße Papier, das die vergangene Zeit aber dennoch gut überstanden hatte. So wie er diese Zeit ebenfalls ganz gut überstanden hatte. Zumindest redete er sich das ein. Er setzte sich auf den kleinen Erdhügel, dessen schwarze, kalte und leicht feuchte Erde eben noch als natürliches Dach für die vor ihm liegende metallene Box diente. Eine Zeitkapsel. Ähnlich der, die er damals in der Schule vergraben hatte, gefüllt mit aufgeschriebenen Wünschen an die Zukunft. Er konnte sich nicht erinnern, das sie jemals wieder ausgegraben wurde. Vielleicht war der Moment aber auch noch gar nicht da. Für diese Zeitkapsel allerdings war der richtige Moment gekommen. Er öffnete den Brief.

Mein lieber Engel,

vierzehn Jahre sind vergangen. Eine lange Zeit, die dir (so hoffe 
ich) eine Linderung, wenn nicht sogar Heilung der schmerzvollen 
Erinnerungen an mich beschert hat. Aber ich weiß, das für dich, 
seit diesem damaligen Augenblick, sicher eine Frage offen 
geblieben ist. Diese unglaublich wichtige Frage. Die Frage nach 
dem Warum.

Er steckte sich eine weitere Zigarette an. Dieser Tag war wahrlich ungeeignet, um den Vorsatz des verminderten Zigarettenkonsums beizubehalten. Warum sie diesem Leben entsagt hatte, war ihm tatsächlich zum Teil bis heute ein Rätsel geblieben. Natürlich gab es da die familiären Umstände in denen Line aufgewachsen war. Das allein erschien ihm aber nicht hinreichend genug. Ihn – der sie mit seiner Liebe aus diesem Teufelskreis zu erretten trachtete – einfach so zurück zu lassen, erschien falsch und vor allem unsinnig. Es musste also mehr gegeben haben. Etwas weitaus Schlimmeres, Unfassbares, das nur Line in ihrem tiefsten Inneren verborgen hatte. Und nicht einmal ihm, ihren Engel, anvertrauen konnte.

Du findest die Antwort darauf in den Tagebüchern. Nicht überall. 
Manchmal versteckt. Oft offen erwähnt. Vierzehn Jahre später 
sollen sie dir endgültige Gewissheit geben. Die Gewissheit, das du
nichts hättest tun können, um das Unvermeidliche zu verhindern. 
Trotz deiner unendlichen Liebe. Es musste sein. Es sollte sein.

Drei Bücher lagen in der Box. Sauber eingewickelt und ordentlich verschnürt. Ihr Vermächtnis an ihn. Und an die Welt, die ihr stets ein dunkler und unheimlicher Ort geblieben war. Daneben fanden sich einige Fotos. Von ihr. Von ihm. Aus einer Vergangenheit, die so weit weg schien. Aber auf einmal wieder so unglaublich nah und greifbar war. Er warf die Zigarette achtlos an den Wegrand. Das letzte Bild zeigte sie beide im Sommer 1999. Am Strand von Monterey. Es war am Tag vor der Hochzeit seiner Schwester entstanden. Marie war erst seit wenigen Monaten volljährig, hatte irgendsoeinen Typen (der O-Ton seines Vaters) kennengelernt und schien festen Willens mit ihm den Bund der Ehe einzugehen. Marie – jung und naiv und immer auf dem Sprung. Die Ehe hielt knapp drei Jahre. Seine Eltern hatten das Scheitern schon nicht mehr erlebt. Ein Flugzeugabsturz kam ihnen in die Quere.

Er blickte noch einmal auf das Foto. So extrem kitschig in seiner romantischen Sonnenuntergangsstimmung. Mit einem nostalgischen Blick versehen war dies wohl sein Moment des Lebens, den er für sich selbst als den richtigen und wahren erachtete. Mit ihr an seiner Seite. Wenige Monate später war sie tot. Ihm blieben nur noch seine nackten Füsse, die im kalten Wasser des pazifischen Ozeans standen. Die Sonne war verschwunden. Die Welt in dunkle Stille gehüllt.

Marc, mein Engel. Ich nehme an, das du genau das im Leben erreicht
hast, was du schon damals wolltest. Weil du stark bist. Weil du 
weißt, was du willst. Genau deshalb wirst du auch wissen, was mit 
den Tagebüchern anzufangen ist. Ihr Inhalt ist für dich. Aber 
nicht nur für dich. Die Fotos allerdings sind alle für dich. Bis 
auf eines. Das mit einem X gekennzeichnete Bild von mir soll 
jemand anders bekommen. Jemand ganz besonderes. Zusammen mit der 
Schatulle, die ich dir damals gab (und die du, wie ich annehme, 
noch immer besitzt). Und zusammen mit dem Tape.

Die Kassette. Das letzte Fundstück der Zeitkapsel. Keine Beschriftung. Nichts. Er suchte das Foto heraus, das für diese besondere Person sein sollte. Line, auf einer Decke sitzend, in die Kamera lächelnd. Diesen Moment hatte er festgehalten. Weil dieser Moment auch so selten, wenn nicht sogar einzigartig war. Line mit einem befreienden und natürlichen Lachen. Auf der Rückseite des Bildes neben dem großen unübersehbaren X standen Zahlen, die wohl eine Zeitangabe bildeten: 5,00.

Hör es dir an. Komplett. Und du wirst verstehen. Tue das Richtige 
und alles andere findet sich von selbst und wird gefunden. 
Du erinnerst dich? 

Mein Engel, dies ist ein letzter Gruß und ein letztes immer 
währendes Dankeschön an dich und unsere gemeinsame Zeit. 

Marc, ich liebe dich auf ewig.

Line

Er ließ den Arm mit dem Brief langsam nach unten sinken, schaute auf und blinzelte in die Mittagssonne, die hoch am Himmel stand. Sie war belebend auf seiner Haut, noch nicht so durchdringend wie die heiße Sommersonne, aber doch schon erwärmend. Sein Blick fixierte einen Punkt irgendwo am Horizont. Noch immer schien alles so geheimnisvoll. Rätselhaft. Er griff nach den Tagebüchern, betrachtete sie aufmerksam ohne eine Regung. Dann packte er sie in die metallene Box neben die Fotos, schloss den Deckel und nahm die Kassette. Er stand auf und blickte auf das Loch zu seinen Füssen. Leer war es nunmehr. Seinen gehüteten Schatz hatte es preisgegeben. Er füllte es mit der Erde auf. Blieb noch einen kurzen Augenblick in Gedanken versunken stehen und ging zum Wagen. Als er den Schlüssel ins Zündschloss steckte und ihn drehte, hörte er entfernt Musik aus dem Radio. Er schenkte diesen Klängen keine Beachtung. Senkte stattdessen seinen Kopf und fixierte die Kassette in seiner Hand. „Okay, Line, dann lass mal hören!“ Er schob die Kassette ins Tapedeck und drückte Play.

Fortsetzung folgt

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Eine Antwort zu Heimkehr Part 5

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