Heimkehr Part 6

‚Because it‘s not my home, it’s their home and I’m welcome no more.’ Diese Worte schallten ihm als erstes entgegen als die Kassette begann ihm das Endgültige zu offenbaren. Line kam nicht umhin dieses Lied der Smiths der eigentlichen Nachricht voran zu stellen. The Smiths – ihre musikalische Liebe. Er erinnerte sich an die Diskussionen mit ihr darüber, wer die versteckt (oder auch offen) morbideren Textstellen zustande brachte. Morrissey oder seine erste musikalische Entdeckung: Siouxsie Sioux. Stundenlang konnten sie sich darüber streiten, um am Ende doch zu keinem Ergebnis zu kommen, sich auf ein Unentschieden einigten und den Plattenschrank seines Vaters weiter durchstöberten. Nach Lines Tod erschien ihm dann alles so klar. Wie konnte er die ganzen Hinweise und Andeutungen übersehen haben? Ihr Musikgeschmack tendierte eigentlich ausnahmslos hin zu den dunklen, abseitigen, traurig-melancholischen Vertretern. Es zog sie magisch an. Und dann dieses Lied von den Cardigans – ihr Autobahnsong. Im Video begeht die Sängerin Selbstmord. Waren dies damals versteckte Hilferufe gewesen? Es quälte ihn über eine lange Zeit. Selbstzweifel und Selbsthass. Der Vorwurf, nicht mehr getan zu haben. Der Schmerz, hilflos das so Offensichtliche nicht gesehen zu haben. Doch das selbst auferlegte Martyrium wurde nach und nach schwächer, ohne jemals vollständig zu verschwinden.

Aber heute, an diesem Tag, dem 15. Mai 2014 sah er dieses Lied in einem völlig anderen Licht. ‚There is a light that never goes out.‘ Sie hatte ihm so viele Jahre lang die Wahrheit verschwiegen, um ihm heute eine neue, andere Zukunft zu schenken. Ein neues Licht, dass ihm den Weg weisen sollte aus der düsteren Vergangenheit. Ein neues Licht, das die bösen Gedanken, aber auch die nostalgischen Erinnerungen ein für allemal vertreiben sollte. Als er am Morgen den Blinker setzte, um auf der einzigen Straße ins Dorf zu gelangen, suchte er Linderung, womöglich sogar Heilung der schmerzenden alten Wunden. Jetzt, nachdem er die Kassette komplett angehört hatte, fand er etwas ganz anderes: eine völlig neue Perspektive. Ein neues Leben.

Marc startete den Motor und fuhr zurück Richtung Dorf, ließ die Wohnsiedlung links liegen und bog rechts in die kleine Gasse, die den Weg zu seinem Elternhaus markierte. Die Jahre hatten dem Haus arg zugesetzt, aber das kümmerte ihn in diesem Moment nicht. Marie würde schon irgendwann wieder auftauchen und dort für Ordnung sorgen. Er hatte eine wichtigere Aufgabe zu erledigen, die nicht warten konnte. Auf die viel zu lang gewartet worden war. Gewartet werden musste. Er parkte den Wagen in der Einfahrt, stoppte die Kassette, nachdem das Lied zu Ende war und steckte sich eine Zigarette an. Das große Backsteinhaus starrte ihn an. Es rief ihn förmlich zu sich – bat ihn herein. Das Tor mit der eingelassenen Tür stand sperrangelweit offen. Von der einen steinernen Säule zur anderen spannte sich ein breites Transparent. In riesigen Lettern war darauf ‚Happy Birthday‘ zu lesen. Marc nahm die Schatulle zur Hand, legte das Foto von Line und das Tape hinein und schloss den Deckel. Er strich mit dem Zeigefinger über die Signatur. A und G. Nun ergibt es einen Sinn. Er stieg aus und ging hinüber.

„Guten Tag Frau Gracht.“ Die böse Hexe war alt geworden, schoss es ihm durch den Kopf. „Ich möchte das Geburtstagskind sprechen.“ Frau Gracht kam langsam auf ihn zu, schien aber überhaupt nicht überrascht. „Marc. Schön dich zu sehen. Ich habe dich erwartet.“ Er folgte ihr über den Hof, schaute zu den Stallungen und für einen kurzen Moment blitzte die alte Hundehütte von Clyde in seinen Erinnerungen auf. Dort in der Ecke, gleich neben den Schweinetrögen hatte sie gestanden. Als sie beide um die Ecke bogen, um zur Terrasse hinter dem Haus zu gelangen, sah er sie. Gleichzeitig sah er Line. Die gleichen dunklen, schulterlangen Haare. Die kleine Stupsnase, sogar das Grübchen auf der rechten Wange konnte er entdecken. Marc hörte Lines Stimme in seinem Kopf. Den hellen Timbre, durchzogen von leichten, rauchigen, kratzigen Tönen. Und er vernahm ihre Worte. Klar und deutlich, als ob sie direkt neben ihm stehen würde:

„Mein Schatz. Ich weiß, das dies schwer zu verstehen ist, aber so war es für alle das Beste. Glaub mir, ich wollte dir niemals weh tun. Ich hätte dir auch niemals weh tun können. Jetzt bist du volljährig und es ist an der Zeit, deine eigenen Entscheidungen zu treffen. Lass dich auf das Wagnis ein und du wirst es nicht bereuen. Marc wird es sowieso nicht bereuen. Dazu kenne ich ihn einfach zu gut. Nutze die Chance, geh auf ihn zu und er wird dir ein liebender Vater sein.“

Er sah seine Tochter an. „Hallo Anna. –  Happy Birthday!“

***

„Hallo.“

„Hallo? Hallooooo?“

Marc spürte eine extrem feuchte Zunge, die sich quer über seine linke Wange und weiter über die Nase verteilte. Er öffnete die Augen und starrte direkt in Bonnies großes vor Erwartung strahlendes Hundegesicht.

„Alles okay, Dad? Du bist wieder eingeschlafen. Vielleicht solltest du die Tagebücher mal zur Seite legen und stattdessen nachts schlafen.“ Anna lächelte ihn in ihrem breitesten Sonnenscheinlachen an. Bonnie wedelte unentwegt mit dem Schwanz. Anscheinend konnte sie es nicht mehr aushalten, bis sich Herrchen endlich bequemte von seinem Schreibtischstuhl aufzustehen. „Ich soll dir von Mum ausrichten, du sollst dich von ihren Tagebüchern trennen, raus kommen und den Geburtstagskuchen anschneiden. Und zwar so, dass du weder die große 18 noch meinen Namen zerteilst. Ansonsten und ich zitiere: bringe ich ihn um.“ Wieder grinste sie, drehte sich um und ging zur Tür. „Komm Bonnie. Leckerli steht bereit.“ Der Chow Chow blickte zur Tür, zurück zu Marc, konnte dann aber doch dem verführerischen Angebot nicht widerstehen und trottete Anna hinterher. Marc erhob sich langsam, klappte das vor ihm liegende Tagebuch zu, legte es zu den beiden anderen und ging zum Kaminsims hinüber. Er sah auf das Hochzeitsfoto, dass ihn und Line am Strand von Monterey zeigte, nahm die Plattenhülle, verstaute die Smiths-Scheibe darin und stellte sie wieder an ihren angestammten Platz zurück. Sein Blick wanderte noch einmal kurz zum Schreibtisch, auf dem neben seiner alten Schreibmaschine überall Zettel mit Notizen verteilt lagen. Zufriedenheit breitete sich in ihm aus. Marc hatte endlich seine Geschichte.

…ENDE…

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3 Antworten zu Heimkehr Part 6

  1. Pingback: Heimkehr Part 5 | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

  2. ER.GO schreibt:

    Es ist zu Ende … Es war soooo schön es zu lesen. Danke nochmal dafür. Und ich habe noch so viele Fragen, aber ich weiß nicht ob ich sie dir stellen soll, oder ob ich mir die Antworten selbst ausmalen soll. Was meinst du? 😉

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