Straßenbahngeschichten

Nächste Haltestelle Hegelstraße

Der Koffer, den sie durch die Tür der Straßenbahn in das Innere dieses an diesem Sommertag überhitzten, mit einem Gemisch aus Gerüchen und Geräuschen durchzogenen, sich langsam fortbewegenden Stahlkasten zerrt, reicht ihr bis zu den Schultern. Aber sie zieht ihn allein. Hilfe ist nicht erwünscht. Sie will ein großes Mädchen sein, auch wenn sie in Wahrheit gerade mal acht oder neun Jahre alt ist. Ihre Mutter, die ihr folgt, setzt ein Lächeln auf und quittiert ihre Anstrengungen mit einer Kombination aus Begeisterung und dem gleichzeitigen Bedürfnis der Hilfeleistung. Ihre kleine Tochter zeigt ihr, wie erwachsen sie ist. Immerhin soll es ja auch in Kürze mit der Bahn nach Berlin gehen. Allein. Ohne ihrer Mutter an der Seite. Die begleitet ihr so stark erscheinendes, emanzipiertes Mädchen nur bis zum Bahnhof, um sich dort in Muttermanier zu verabschieden. So viel Gefühl muss dann doch sein, trotz der Erwachsenen-Attitüde, die ihr kleiner koffertragender Kleinod vorzugaukeln scheint.

„Deine Oma hat gesagt, der Koffer ist doch viel zu schwer für dich.“ Diesen Satz honoriert das Mädchen mit demonstrativer Zurschaustellung des Gegenteils und hievt den Koffer in die Sitzbank. Setzt sich daneben und schaut ihre Mutter erwartungsvoll an. Ihre Mutter setzt wieder ihr Lächeln auf. „Hast du dein Reisegeld, Tara?“ Die Hand tippt auf eine der tausend Seitentaschen des Koffers. „Und wichtig ist, dass du den Fahrschein zur Hand hast, wenn in der Bahn kontrolliert wird.“ Das Mädchen lächelt jetzt ebenfalls und hätte man nicht gewusst, dass dort Mutter und Tochter sitzen, spätestens jetzt hätte man es erkannt. Es scheint, als wäre Tara schon längst auf den Weg nach Berlin. Die Straßenbahn ist nur noch ein letztes Übel vor der große Fahrt. Eine Fahrt wohin?

Vielleicht ja weit weg. Berlin nur als Sprungbrett für ein sehr viel größeres Ziel. Südlicher. Noch wärmer als in diesen Gefilden. Zumindest ihre Kleidung lässt eine Affinität zur afrikanischen Kultur vermuten. Tara trägt eine Art Tunika. Nur sehr viel offener geschnitten, mit bunten undefinierbaren Flecken, Strichen, Punkten. Farbkleckse in der uniformen Farbhinterlegung der Straßenbahnsitze, die sich offensiv abheben. Ihre Haare sind extrem eng gebunden, bilden ein dunkles Geflecht aus Knoten und kommen so dem Rastalook sehr nahe, ohne jedoch wirklich so auszusehen. Ein Gewusel aus verschiedensten Schnüren bilden eine Art Stirnband, wieder durchzogen von vielen Knoten. Am vorderen Rand des Stirnbands erhebt sich eine einzelne Feder. Nur klein, fast unscheinbar. Aber doch exzentrisch genug, um bei der älteren Mitfahrerschaft in der Straßenbahn Aufmerksamkeit zu erzeugen. Kurze Blicke. Verstohlenes Kopfschütteln. Aber auch amüsiertes Grinsen, das andeutet wie süß doch die Kleine aussieht in ihrem ‚Kostüm‘. Unterhalb der Feder ist ein Amulett befestigt. Kreisförmig, mit einem Symbol, dessen Bedeutung nicht klar zu sein scheint. Zumindest nicht den Augenpaaren der übrigen Gäste dieser Fahrt. Tara weiß ganz genau, was es bedeutet. Ein Symbol, das zu ihr gehört, wie die Kleidung, die sie trägt. Taras Welt ist anders als dieser Ort, diese Stadt, dieser Moment in dieser Straßenbahn auf dem Weg zum Bahnhof, zu diesem einen Zug, der sie von hier fort bringt. Fort wohin?

Vielleicht ja gar nicht so weit weg wie gedacht. Berlin doch als Endstation. Vielleicht ist Taras Welt einfach nur der Augenblick der Ankunft in diesem anderen Ort, dieser anderen Stadt, diesem anderen Bahnhof. Erwartet von einer Person, die die kleine Tara, das Kleinod mit dem Hang zu afrikanischer Kultur mit einem ähnlichen Lächeln empfängt wie ihre Mutter. Einer Person, die in Taras Leben mal eine große Rolle gespielt hat. Die dann verschwand, weil immer, wenn Taras Mutter und diese Person sich sahen, das Lächeln aus dem Gesicht von beiden ebenfalls verschwand. Vielleicht ist Taras Welt einfach nur der Ferienbesuch bei ihrem Vater. Vielleicht.

Nächste Haltestelle Hauptbahnhof. Diese Fahrt endet hier.

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