(R) As simple as can be.

Und dann ist da dieser eine Moment im Film. Das rebellische junge Girl sitzt einsam in einer Ecke, die Gitarre in der Hand und singt leise vor sich hin. Die kurze innere Einkehr einer Person, die eigentlich rastlos ist. Weg will, in eine andere Gegend, eine andere Welt, ein anderes Leben. In „Northern Star“ liefert Julia Hummer mal wieder eine schauspielerische Glanzleistung ab. Und in diesem Film sieht man sie auch mal mit ihrem liebsten Instrument, der Gitarre. Eigentlich ist Julia Hummer der Musik viel mehr verfallen, denn dem Schauspiel. Aber was soll man machen, wenn in einem gleich mehrere Talente schlummern? So wurde aus der singenden Schauspielerin langsam eine schauspielernde Sängerin. Zwangsläufig musste ein Album die Konsequenz sein. Und das veröffentlichte Frau Hummer dann auch 2005. DOWNTOWN COCOLUCCIA ist ihr Debütwerk. Und davon soll im Folgenden erzählt werden…

Die ersten Klänge des Albums sind geprägt von eher seltenen Instrumenten: Beginnend mit einem Schifferklavier (Akkordeon) und einzelnen Mundharmonikatönen schleicht sich TRUE & INNOCENT & UNTOUCHED in die Gehörgänge. Zu diesem musikalischen Gerippe gesellen sich ein brummendes Bass, ein lockeres Drumspiel und Pianoklänge. Doch das Highlight ist schon hier Julia Hummers Stimme, die ein wenig rau und melancholisch vor sich hin singt, nein eher erzählt. Der Auftakt gehört schon jetzt zu einem der Highlights des Albums. Und der Singer-Songwriter-, Blues- und Folksparte scheint Frau Hummer in ihrem zurückliegenden Leben wohl des Öfteren über den Weg gelaufen zu sein.

Ich frage mich, ob TOO MANY BOYS eine Art Infragestellung ihrer bisherigen Filmkarriere und dem darin aufgebauten Image ist? Oder eine Art Versuch der Richtigstellung? Zeilen wie „That is not my style, no I’m not that kind. It’s not my life.“ assoziieren schon einen gewissen Widerwillen gegen einen bestimmten Typus. Warum ich darüber nachdenke? Weil der Text hier das interessanteste am Stück ist, während die Musik als nebensächlicher Begleiter fungiert. Einfaches Gitarrenspiel und Schlagzeugunterstützung halt, nicht weiter wichtig.

Das Piano ist bei BOXY, WHERE ARE THE SPANGLES? das Herausragendste. Tonangebend, melodieführend, ab und an als Gegenspieler agierend. Aber stets doch dem Gesang folgend. Der Song selbst ist einer der schnelleren, rhythmus-intensiveren auf DOWNTOWN COCOLUCCIA. Und der teilweise mehrstimmige Gesang macht das Stück rundum hörenswert. Bisher legt sich Frau Hummer, vor allem auch lyrisch mächtig ins Zeug und bringt einem zu Beginn gleich auf den Geschmack von Mehr.

Eines Tages begegnet man der/dem Einen, sieht sich an und weiß, wir werden Freunde. AS SIMPLE AS CAN BE. So einfach ist es manchmal. So ungefähr lautet die Kurzfassung des Textes. Musikalisch erwartet den geneigten Hörer ein Zusammenspiel aus Akkordeon (sehr verträumt klingend), Percussions diverser Art (im Midtempo agierend) und Gitarre (Melodiegeber). Gesangliche Unterstützung im Refrain erhält Julia Hummer von einem Herrn namens Jannes Wurps, der mit seiner tiefen Stimme einen sehr schönen Kontrast zur erzählerisch ruhigen Variante auf Seiten der Frau Hummer bildet. So klingt das Lied rund und fröhlich, trotz der verträumt melancholisch aufspielenden Instrumente.

Für BOWLING IN WOODSTOCK muss ich kurz wieder zur Schauspielerin Julia Hummer zurückkehren. Denn der Song ist Background bei ihrem kurzen Auftritt im Episodenfilm „Stadt als Beute“, in dem sie eine Ex-Pornodarstellerin in einem Striplokal spielt, mit blonder Perücke und dem Blondbegriff anhaftenden Klischee. Melancholie und Blues, eine nach Fernweh klingende Melodie bestimmt diesen sehr ruhigen, verloren klingenden Song. Der erzählend daherkommende Grundcharakter des Gesangs nimmt auch hier einen großen Platz ein und hat sich mittlerweile zum Stil in den Hummerschen Liedern entwickelt. Sie scheint musikalisch eine kleine Träumerin zu sein. Ein weiteres sich herauskristallisierendes Element ihrer Musik ist eindeutig das Akkordeon, mit allen dazu gehörenden musikalischen Assoziationen, wie Weltflucht, Fernweh, Trauer. Denn auch hier ist jenes Instrument Stil prägend und setzt dem Lied seinen verträumten Stempel auf. Wunderschön melancholisch und fast das Highlight der Debütscheibe.

„OUR EMPIRE is violent instant noisy and metal faked pale bare feet and leaden.“ Ohne Punkt und Komma. Und ungefähr so kommt auch das Stück rüber. Diesmal extrem gitarrenlastig (Nicht vergessen, wir reden hier immer von Akustikgitarren!) schleicht sich OUR EMPIRE schnell in den Gehörgang, rauscht dort durch und verlässt uns auf der anderen Seite wieder. Das nennt man hier wohl einen klassischen Folksong in guter alter vor-elektrifizierter Bob Dylan Manier inklusive Mundharmonikaeinsatz.

Diese Pianounterstützung bei ENDSONG erinnerte mich spontan an Künstlerinnen wie Fiona Apple oder Tori Amos, nur mit der Stimme Julia Hummers. Einziger Störfaktor ist dabei die Gitarre, auf der sich unsere Heldin des Liedes begleitet. Lyrisch ist es eine Art Entschuldigungs- und Wiedergutmachungsversuch der Protagonistin, für all die Dinge, die sie im Leben getan hat, die falsch gelaufen sind. „I try to be a good girl“ singt sie und ist allein, ohne Hoffnung. Oder vielleicht doch nicht? Das Ende von ENDSONG lässt einen neuen hellen Schimmer am Horizont aufscheinen. „But someone wrote me a letter full of harmony and gold. Like the sun now and it’s shining through the cold.“ Alles wird gut. Eventuell.

Was kann man musikalisch von einem Song erwarten, der NEW BLUES heißt? Eben, einen Bluessong, was sonst. Lyrisch durchaus negativ angehaucht und stellenweise kryptisch. Auf der Ebene der Instrumente ziemlich Schlagzeug-dominierend, mit recht schnell aufspielenden Gitarren und einer hier verdammt schräg klingenden Mundharmonika abgerundet. Kurz und knackig, nicht mal drei Minuten lang.

Auch PILOT IN THE STORM wird vom Schlagzeug dominiert, unterstützt durch ein brummendes Bass. Musikalisches Schmankerl sind die locker-flockig quietschend auftrumpfenden Gitarrenmelodien. Ebenfalls kurz und knackig, fast genau drei Minuten lang.

Ach, bevor ich es vergesse: Kurz und knackig, nicht mal drei Minuten lang. I WANT MORE, könnte man da verlangen. Zumindest längere Songs. Obwohl die letzten eigentlich auch nicht hätten länger sein müssen, stilistisch ähnlich und über Mittelmaß nicht hinausgehend. Macht sich da etwa so langsam Wehmut breit? Fernweh vielleicht, an den Anfang des Albums, als es noch richtig gut anging. Auch I WANT MORE kommt über das erwähnte Mittelmaß nicht hinaus. Immerhin erfahren wir, dass Frau Hummer neben Aspen auch Cocoluccia auf ihrer Reiseroute hat, gerne Krankenschwester wäre und Fred Durst umbringen will. Eigentlich will sie „everything“ und noch viel mehr.

Die erste und auch einzige Singleauskopplung war KATHARINA. Durchaus nachvollziehbar, wenn es darum geht einen radiotauglichen Song zu präsentieren. Denn das ist KATHARINA definitiv. Sehr eingängige Melodie, schöner Mits(chw)ingtext und Gute-Laune-verbreitend. Auch wenn der Text da mal wieder andere Assoziationen zulässt. Problem ist halt nur, das das Lied damit auch eine ziemliche Sonderrolle im gesamten Album einnimmt. Wer aufgrund dieser Single zu DOWNTOWN COCOLUCCIA greift, wird sich nämlich gewaltig wundern. Wundern tut sich jetzt aber niemand, wenn ich sage, dass ich das Lied sehr gelungen finde, trotzdem – oder gerade deshalb.

Wir nähern uns so langsam dem Finale der Scheibe und die großen Schmerzballaden kündigen sich an.

Den Auftakt macht IF TIME WAS ON MY SIDE. Und was für einen! Ich als großer Balladenfan bin entzückt ob dieses Meisterwerks. Sparsame Begleitung durch Akustikgitarre, eine Kontraste setzende stakkatohaft eingesetzte E-Gitarre, kurz lauter aufspielende Schlagzeugtöne und dazu eine so traurig und verloren klingende Julia Hummer. Der Höhepunkt auf diesem Album und mit verdächtig langen fünfeinhalb Minuten einer großen Ballade durchaus würdig. Kompliment, Frau Hummer. Alles richtig gemacht.

Und dann kommt das große Comeback des Akkordeons und des Sounds der Anfangssongs. DESIRE IS BIGGER THAN LIFE ITSELF glänzt mit allen bereits schon vernommenen Instrumenten auf dem Silberling. In Kombination. Das macht den Song relativ laut, schnell und dominant in dem Wirrwarr der Klänge. Wohl der Grund dafür, dass ich vom Text immer sehr wenig mitbekomme. Sound is bigger than voice, sometimes.

Nachdem Frau Hummer uns ja schon mitteilte, was sie will, ist sie nun dazu geneigt gütig zu sein: „Let them say what they want.“ Sagt, was ihr wollt. Tut, was euch beliebt. Lebt euer Leben, so wie ihr es für richtig haltet. So scheint das Statement von WHAT THEY WANT zu sein. Und das man allein mit mehreren Akustikgitarren und einem im Verlauf des Liedes immer prägnanter hervortretenden Schlagzeug ein druckvolles Stück Musik fabrizieren kann, lernen wir am Ende dann auch noch. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass nach dem schwachen Mittelteil des Albums die finalen Songs noch mal einiges zum Guten wenden konnten…

…und wir somit unsere Reise durch Julia Hummers Debütalbum DOWNTOWN COCOLUCCIA ohne größere Blessuren zu Ende gebracht haben. Einem Debütalbum, das tief in der Singer/Songwriter-Tradition verankert ist, mit vielen Folk– (vorrangig American Folk) Anleihen aufwartet und teilweise auch den bluesigen Charakter nicht verbergen kann. Das – in Kombination mit ihrer meist erzählerischen, aber angenehm unaufdringlichen Stimme und dem Einsatz von selten verwendeten Instrumenten (wie Akkordeon oder Mundharmonika) in ihren Arrangements – bildet das Grundgerüst ihrer Songs. DOWNTOWN COCOLUCCIA ist ein sehr introvertiertes, verträumtes, melancholisches Werk, mit seltenen fröhlichen und lockeren Passagen (die Singleauskopplung „Katharina“ ist so). Der potentielle Zuhörer sollte sich mit den oben erwähnten Musikgenres arrangieren können und außerdem auf etwas schrägere, abseits dem Mainstream stehende Klänge positiv reagieren. Dann wird man mit einigen großartigen musikalischen Perlen belohnt, leider eingerahmt von einigem mittelmäßigem Material.

© Stepnwolf
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