(R) Die Jagd nach dem nächsten Schuss

Die Straßen sind dunkel, dreckig und fast durchweg in einem schummrig unangenehmen Licht fotografiert, das wenig einladend erscheint. Ähnlich schmutzig zeigen sich auch die Wohnungen, Schlafplätze, Unterschlüpfe und Absteigen bei Freunden. Abstossend und in helles grelles Neonlicht getaucht, wird der Bahnhof Zoo mehr zu einem Horrorschauplatz, denn zu einer normalen U-Bahn – Haltestelle. Die dreckigen Fliesen an der Wand. Die Wand bevölkert mit gebrochenen, heruntergekommenen Gestalten, die sich dort stellenweise häuslich niedergelassen haben. Die dort apathisch angelehnt darauf warten aus einem Traum zu erwachen, wenn sie denn Glück haben. Hoffnungslose Gestalten, die wie Zombies umherwandern, ständig auf der Suche nach dem nächsten Schuss, um nicht in den Turkey zu geraten – schmerzhaften Entzugserscheinungen.

Die visuelle Ebene des Films „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ passt sich dem gezeigten Umfeld an. Kameramann Jürgen Jürges zeichnet Berlin vorrangig in Grautönen, dunklen, teilweise unscharfen Bildern, deren Intensität dadurch nur gewinnen kann. Die Schauplätze, in denen sich die Protagonistin und ihre Schar bewegen, spiegeln das Milieu, dessen Unreinheit, dessen Trostlosigkeit, aber auch dessen ständige Bewegung, nah und unmittelbar wieder. Gleichzeitig überträgt sich dieses fotografisch festgehaltene intensive Bild vom Berliner Bahnhof Zoo, der Sozialbausiedlung Gropius-Stadt im Berliner Stadtteil Neukölln und auch die Darstellung der Szenediscothek „Sound“ auf die gesamte emotionale Grundstimmung des Films.

Diese Grundstimmung ist durchweg negativ und hoffnungslos, rastlos, getrieben von der Abhängigkeit – materiell, emotional, in Bezug auf die diversen Drogen. Einer Abhängigkeit, der die Protagonistin nicht zu entkommen scheint.

„I, I will be king. And you, you will be queen.“

Erzählt wird die Geschichte der 14jährigen Christiane (Natja Brunckhorst), die mit ihrer Schwester, ihrer Mutter und ihrem Kater (wie sie dem Zuschauer zu Anfang selbst sagt) in der Gropius-Stadt, einer Hochhaussiedlung, lebt. Das soziale Milieu definiert sich somit bereits über den Ort der Handlung. Christiane lernt in der Szenedisco „Sound“ Detlef (Thomas Haustein) kennen. Verliebt sich in ihn und wird dadurch in die Anfang der 1980er Jahre rund um den Bahnhof Zoo sich versammelnde Drogenszene involviert. Christianes emotionale Bindung an Detlef, treibt sie immer tiefer in eine Abwärtsspirale. Aus ‚harmlosen‘ Trips und Haschisch-Konsum entwickelt sich eine starke, körperlich und seelisch auslaugende Abhängigkeit von „H“ – Heroin – der Modedroge dieser Zeit. Fortan bestimmt die Jagd nach dem nächsten Schuss und die damit verbundene Finanzierung ihr Leben.

„We are nothing and nothing will help us.“

Der Regisseur Ulrich Edel verfilmte den 1978 erschienenen autobiografischen Roman gleichen Namens im Jahre 1981. Das Buch hatte bei der Veröffentlichung bereits für ausreichend Diskussionen gesorgt, schilderte es doch in drastischen Worten das Leben der minderjährigen Christiane F., die aufgrund ihrer Heroinabhängigkeit in einen Strudel aus Beschaffungskriminalität (in verschiedenster Form, von Diebstahl bis zur Prostitution) gerät. Diese offene, ungeschönte Darstellung übernimmt Edel auch für den Film, was die visuelle Umsetzung zu einer extrem eindringlichen, nahe gehenden, teilweise sogar dokumentarisch anmutenden Bilderflut vereint. Deren Intensität geht in einigen extremen Szenen tatsächlich an die Schmerzgrenze. Wenn Christiane und Detlef einen ‚cold turkey‘ – einen kalten Entzug – durchführen, wird dem Zuschauer ob der gezeigten Bilder regelrecht schlecht.

Diese Szene steht aber ebenso für die herausragende schauspielerische Leistung der damals tatsächlich erst 14jährigen Natja Brunckhorst. Eindringlich gespielt nimmt man ihr den stetig fortschreitenden körperlichen und seelischen Verfall in jeder Minute ab. Besonders die Junkieszenen – deren Stimmungsschwankungen, die Lethargie, die Euphorie und auch das Verlorensein in einem Leben, in dem man fremdbestimmt dahinvegetiert – gehen tief unter die Haut. Sind mitunter fast so schmerzvoll, wie die Nadeln, die sich Christiane in ihre Venen sticht. Die Darstellung bedient somit durchaus die filmisch angestrebte Intention: als abschreckendes Beispiel zu dienen. Visuell schafft „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ dies unbedingt und ohne Einschränkungen.

Aber auch wenn der Film dokumentarisch angehaucht ist, sollte im Endeffekt doch ein Spielfilm inszeniert werden. Wo der Film auf der Bildebene überzeugen kann, offenbart die Handlungsebene einige Mängel. Dies betrifft vor allem die Schilderung des sozialen Hintergrunds von Christiane. Während das Buch dort sehr viel tiefer schürft, lässt der Film die schwierigen familiären Umstände (die für die reale Christiane Felscherinow als Ausgangspunkt für die Flucht in den Drogenkonsum fungierten) fast vollständig aussen vor. Wer das Buch also nicht kennt, wird als Katalysator für Christianes ‚Drogenkarriere‘ zum einen die emotionale, an ihren Freund Detlef gekoppelte Abhängigkeit, sowie zum anderen die jugendliche Discoszene und ihr Umfeld sehen. Das ist zu einfach und auf den kleinsten (und universellsten) Nenner herunter gebrochen. Hier fehlt dem 125 Minuten langen Film die eine oder andere Minute genauer gezeichnete Charaktere. So ist der/die Zuschauer/in zwar aufgrund der gezeigten Bilder durchaus emotional involviert, kann aber zur eigentlichen Protagonistin nur eine oberflächliche Beziehung aufbauen. Edel schafft trotz der Nähe eine (anscheinend gewollte) Distanz.

„Oh, we can be heroes just for one day.“

Ulrich Edels Romanverfilmung „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ist drastisch in seiner Bildsprache, ist fantastisch gespielt von der Hauptdarstellerin Natja Brunckhorst, die der Figur Christiane genug Leben einhaucht, um trotz (oder gerade aufgrund) der überdosierten schmerzhaften, teilweise unerträglichen Bilder intensive Momente zu vermitteln und ist aus einer distanzierten Perspektive doch so nah an der wirklichen Situation dieser Zeit und an diesem Ort, um beim Zuschauer zugleich Läuterung als auch Warnung hervorzurufen.

„Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gewinnt der Drogenszene keine positiven Aspekte ab und setzt sich daher von den zumeist ins komödiantische oder auch absurde abdriftenden Filmbeispielen – wie „Trainspotting“ oder auch „Fear and Loathing in Las Vegas“ – mit solch einer thematischen Handlung stringent ab. Jedoch ist die Charakterisierung der Hauptfigur nur schemenhaft und oberflächlich, da bietet die (ebenfalls autobiografische) Milieustudie „The Basketball Diaries“ mit Leonardo DiCaprio in der Rolle des drogenabhängigen Jim Carroll weitaus mehr Tiefgang.

Die ungenügende Schärfung der Figur Christiane mag im Film die emotionale personalisierte Involviertheit mindern, schafft aber im Gegenzug eine starke Fokussierung auf die Darstellung des Drogenmilieus mit allen dazugehörigen Komponenten. Im Endeffekt ist dies sogar sehr viel abschreckender und zugleich mahnender.

Die Kinder vom Bahnhof Zoo waren Helden für einen Tag. Der nächste Tag brachte die Ernüchterung darüber, dass der Spruch „Wir wissen ja, das wir einfach aufhören können.“ nicht so funktionierte, wie vielleicht gedacht. Für einige (im Abspann aufgeführte) Kinder war der Bahnhof Zoo die Endstation der für sie kurzen Reise, die sich Leben nennt.

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