(R) The evening of my best day

Kalt und ungemütlich war es schon wieder geworden. Aber was konnte man anderes erwarten? Immerhin hatten wir Anfang Dezember. Der Abendwind wehte durch die ziemlich verlassen wirkende Straße. Diese Stadt schien im schummrigen Dunkel noch um einiges dreckiger als sie ohnehin schon war. Von der Main Avenue wehte der Lärm der sich dem Feierabend entgegen schiebenden Automassen herüber. John klappte den Kragen seines Mantels hoch, schlug den Schal noch einmal um den Hals und ging mit klammen Händen in der Hosentasche die Lonesome Street hinauf. Von weitem klang Musik an sein Ohr…

(1) …eine nur leise und unscheinbar klingende Pianomelodie kam langsam näher, mit jedem Schritt den John tat, war sie besser zu vernehmen. Dazu gesellte sich ein bezaubernd ruhiger, erzählerischer Gesang einer Frau, die von dem Willkommen und Abschied zweier Liebenden sang und dabei so traurig klang, als redete sie von sich selbst. John ging weiter. Die Musik wurde lauter und neben dem präsentem Klavier vernahm er nunmehr einen zeitweise fordernden Schlagzeuger und nur wenig störende Gitarrenklänge zum mittlerweile intensiver und lauter intonierten Gesang. „We belong together“ hörte er sie singen. Das dachte er auch eine Zeit lang.

Doch nichts hält für die Ewigkeit. Außer die Zuversicht, in seiner Stammbar abends noch den einen oder anderen Drink zu bekommen. Und den einen oder anderen brauchte er heute definitiv. Die Neonröhre über dem Eingang des „Chuck E“ blinkte, aus der Seitengasse hörte John das Geräusch einer verängstigten Katze, gefolgt vom Gepolter einer Mülltonne. Der Wind wehte ihm noch immer eisig um die Ohren. Sein Blick fiel auf das Plakat neben dem Eingang: „Tonight! Live on Stage“. Der Rest hatte sich schon längst verselbständigt und flatterte wahrscheinlich schon einige Straßen weiter in der Luft. John öffnete die Tür zur Bar und ließ seinen Blick schweifen.

(2) Die Frau, dessen bezaubernde Stimme schon draußen erklang, saß auf der Bühne vor einem Klavier und begann schon wieder zu erzählen: von Eddie und Louie, beide abgebrannt, die sich treffen, und von Zero, die die Schule schmeißt und mal wieder ihren Job verloren hat und von deren Begegnung. Wieder klang der Gesang erzählerisch und ruhig an ihn heran. John bahnte sich einen Weg zur Theke, während der Song in seinem Mittelteil schneller und begleitet durch Backgroundchor auch lauter wurde, um nach kurzer Zeit wieder abzuflauen und in den verträumt langsamen Rhythmus von vorher zu verfallen. Der Laden war voll wie lange nicht mehr, fast jeder Tisch besetzt und die Stimmung erschien ihm mit der Musik zu verschmelzen. „In the terminal where dreams let so many tickets through, when strangers look in faces and see somebody there they knew“ und „tell me where you are“ hörte er sie singen. Das fragte sich John in diesem Moment auch.

Wo bin ich? Und warum musste es so weit kommen? – „Hi John. Was darf’s sein? Das Übliche?“ – „Haaamhh, was? Nein, heute brauch ich was Stärkeres. Whiskey on the rocks, Chuck. Mit viel Whiskey und wenig Rocks.“ John setzte sich auf einen der Barhocker und wandte sich wieder der Bühne zu.

(3) Der Song, den er nun hörte, war an Dramatik, Traurigkeit und Melancholie nicht zu überbieten. Da sang sie nur begleitet von einzelnen Pianotönen und mit jedem Wort aus ihrem Mund war die Verzweiflung und die Angst zu spüren. Sie entblößte ihre Gefühle musikalisch derartig, das es schon an ein Wunder grenzte, das sie nicht jeden Moment vor Schwäche zusammenbrach. Ein einzigartig schönes Lied. Mehr konnte John in diesem Augenblick nicht denken. Den anderen Gästen des „Chuck E“ erging es anscheinend ähnlich. Stille Präsenz, wenige Geräusche bestimmten die Szenerie.

John schrak aus seinen Gedanken hoch als ihm Chuck das Whiskeyglas vor die Nase setzte. „Wer ist sie, Chuck?“ – „Wer?“ – „Wer?“ John wies zur Bühne. „Na sie.“ – „Rickie Lee Jones“ antwortete Chuck und wandte sich einem anderen Gast zu.

(4) Die Bühne hatte sich mittlerweile bevölkert. Und das war für den nächsten Song, den Ms. Jones anstimmte, auch durchaus notwendig: Rhythm and Blues in Reinkultur. Mit allem drum und dran. Handclapping, Bläsersätze, Hintergrundchor und vor Spielfreude ausflippende Gitarrenläufe. Das alles vermengt mit Ms. Jones Rede und Antwort-Gesang, der so aussah, das sie ständig in Kommunikation mit ihren Backgroundsängern stand. Dieser Song war das komplette Gegenteil des vorherigen und John erwischte sich dabei, wie er Fuß wippend ein Whiskeyglas nach dem anderen runterkippte und am Ende des Songs in den Beifall aller mit einfiel.

(5) …und da die Jungs der Bläser- und Hornsection schon mal da waren, sollte auch der folgende Titel lautstark und in tänzerischem Rhythmus beginnen. Zum Gesang von Ms. Jones gesellte sich aber alsbald wieder das schon bekannte Klavier, das dann den Mittelteil, der leise und beruhigend wirkte, bestimmte. „And I know you’ll get the chance to make it and nothing’s gonna stop you. You just reach right out and take it. You say: so long, Lonely Avenue.“ Sang sie über ihn? John merkte den so langsam wirkenden Whiskey ins Gehirn steigen und seine Sinne vernebeln. Diese Ms. Jones hatte eine verführerische Art mit Worten zu spielen und spätestens dann wurde es für einen Mann gefährlich genug. Er musste kurz Abstand gewinnen, bevor seine Gedanken mit ihm durch gingen. Im Rhythmus des zum Ende hin wieder voll instrumentierten Titels ging John zum Klo.

Die Tür knallte ins Schloss und die Musik klang nur noch dumpf an sein Ohr, um dann völlig aufzuhören. John beugte sich über das Waschbecken, drehte den Hahn auf und steckte seinen Kopf unter das fließende Wasser. Angenehm kühl und erfrischend, und es machte vor allem wieder einen klaren Kopf zum Nachdenken. Der Papierhalter war leer, aber immerhin war noch Klopapier da. John trocknete sich halbwegs ab und öffnete die Tür, um zurück zur Theke zu gehen. Da kam sie ihm auf dem Gang entgegen.

„Hallo.“ – „Hi. Sie sind der Typ mit dem abwesenden Blick, der überall zu sein scheint, nur nicht hier, richtig?“ John war überrascht, das sie ihn in der Menge überhaupt bemerkt hatte. – „Ja, genau der… Cold, mein Name… John Cold.“ – „Wie das Wetter draußen… Kalt. Meine ich.“ Sie lächelte ihn an. „Ich bin…“ – „Ms. Rickie Lee Jones. Ich weiß.“ John Cold lächelte zurück. – „Ja, aber nennen sie mich Rickie. Alles andere klingt ziemlich förmlich. Und das passt nun so gar nicht zu mir.“ Wieder lächelte sie, drehte sich um und verschwand in ihrer Garderobe. John schaute ihr ein wenig erstaunt hinterher.

(6) Rickie betrat wieder die Bühne und kündigte ihren nächsten Song an: „The next song is called a lucky guy, like the one over there.“ Mit einem verschmitzten Lächeln schaute sie zu John hinüber und begann zu singen. Das Klavier spielte die passend zum Gesang ertönende Grundmelodie und nur das Schlagzeug war nebenbei leise zu vernehmen. „I’m a lonely girl, cuz I want somebody with me in this world … Fortune walks right in the door and here I am just like before.“ Der beschwingte Gesang folgte wieder dem erzählerischen Charakter der ersten Songs, doch bezauberte John mittlerweile noch mehr. Dieser jazzig-soulige Unterton erwies sich als eine Spezialität von Rickie, das war John klar. Und das diese Frau ihm auf Anhieb gefallen hatte, wurde ihm so langsam auch klar.

„Chuck, wo hast du diese fantastische Frau so lange versteckt? Wo kommt sie her?“ – „Ich weiß nicht, wo sie her kommt. Ich weiß nur, das sie morgen wieder weg ist und dann der Laden für lange Zeit nicht wieder so voll sein wird.“ – „Schon morgen? Aber warum?“ – „Sie ist Künstlerin und mal hier, mal da. Bin ja froh, das sie es überhaupt in meinen Laden geschafft hat.“ Chuck schenkte John Whiskey nach. „Du solltest dich also beeilen.“ Grinsend drehte er sich um und verschwand.

(7) …Eine verzerrte Mundharmonika ließ ihn wieder auf die Bühne blicken. Die Mundharmonika hörte sich an, wie das aus der Ferne erklingende Signal eines nahenden Zuges. Und kündigte wohl auch die Weiterreise an. Tief brummender Bass und swingendes Schlagzeug schufen den Hintergrund für die erste Strophe des Songs, intoniert von einem Herrn. Doch schon wenig später übernimmt Rickie wieder die Führung: „Take me now from the blue and pale room. I’d follow through the faces and traces of treasure I keep hearing inside me.“ Der Titel ist lang, besticht durch wechselnde Tempi, durch wechselnde musikalische Begleitung, mal orchestral laut, mal nur Klavier betont leise. Und immer ist da diese erzählende, beruhigend wirkende Stimme von Rickie, die stets den Mittelpunkt bildet und die komplette Atmosphäre des Songs bestimmt. „Who’s the thin thread of light that keeps you strangled in the scenery, that follows my voice. Can you see me? Then follow my voice.“ John war gefangen und kam von dieser Stimme nicht mehr los. Er kippte den letzten Rest Whiskey runter und begab sich Richtung Bühne.

(8) Vom letzten Höhepunkt des Abends vernahm er nur die verschwindend leise erklingenden Klavierklänge und Rickies Stimme, die verträumt sang: „But after all there are such things and these are things who’ll turn your memories back into dreams again. Oh, it’s all flying and waving for you to keep trying. You’re so close, so close.“

Das Telefon klingelte. John schrak hoch und spürte das Pochen im Kopf. ,Scheiße, das war wohl einer zu viel gestern Abend‘, dachte er. ,Und was für ein seltsamer Traum von dieser Sängerin. Cold, du wirst langsam verrückt.‘ Er nahm den Hörer ab. „Detective Cold. Wir brauchen sie.“ – „Bin unterwegs.“ John stand auf, erstarrte in der Bewegung und betrachtete die Vinylscheibe zu seinen Füssen:

RICKIE LEE JONES – PIRATES

Mit den Songs:

WE BELONG TOGETHER, LIVING IT UP, SKELETONS, WOODY AND DUTCH ON THE SLOW TRAIN TO PEKING, PIRATES (SO LONG LONELY AVENUE), A LUCKY GUY, TRACES OF THE WESTERN SLOPES, THE RETURNS

Er drehte die Scheibe um und sah das Cover. Da stand mit Filzstift in großen Lettern geschrieben:
„Dear John! It was good to see you again. After all these years. Keep trying and don’t worry about tomorrow. Every day ist the next day. Hope to see you soon. Don’t let me wait another 15 years. Hugs and kisses … Rickie“

© Stepnwolf
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5 Antworten zu (R) The evening of my best day

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