Welcome to the Fisher’s Funeral Home – Eine Hommage

Die ultimativ letzten Bilder der finalen Folge der fünften und damit letzten Staffel der Serie „Six Feet Under“ zeigen Claire Fisher, die jüngste des Fisher-Clans, im Auto auf der Straße. Fünf Jahre zuvor, in der Pilotfolge, sieht man in den ersten Bildern der Serie Nathaniel Fisher Sr., das Familienoberhaupt, rauchend im Auto auf der Straße fahrend. Die letzten Bilder schließen somit den Kreis, der in insgesamt 63 Folgen die Geschichte der Bestatter-Familie Fisher zeichnete. Einen Kreis, dessen Anfangspunkt mit dem einzelnen Tod beginnt und an dessen Ende das gesamte Leben steht.

SIX FEET UNDER

Eine Allegorie auf den Tod

Der Tod umgibt die Familie tagtäglich. In all seinen Facetten. Symbolisiert durch die Verblichenen, denen sich das Bestattungshaus Fisher annimmt. Emotionalisiert durch die Hinterbliebenen, die das Bestattungshaus aufsuchen, um alles ‚nötige‘ zu regeln. Mit dem Tod konfrontiert zu werden, umzugehen und damit zu arbeiten, ist für alle Familienmitglieder eine besondere Herausforderung. Jeder stellt sich der Herausforderung Tod auf seine ihm eigene Weise.

„Why do people have to die? – To make life important.“

Da ist zuallererst Ruth Fisher (Frances Conroy; zuletzt in den „American Horror Story“ – Staffeln aktiv), die Witwe und Mutter, deren bis dato von der Familie dominiertes Leben durch den Tod ihres Mannes und Vaters der drei Kinder ungeahnte neue Perspektiven aufzeigt. Für Ruth ist der Tod des Lebensgefährten der Beginn eines neuen selbstbestimmten Lebens. Sie scheint zu Beginn vom Tod gezeichnet, entdeckt dann aber nach und nach die Freude am Leben und den sich bietenden Möglichkeiten. Ruth Fisher wandelt sich von einem Hausmütterchen zu einer emanzipierten freien Frau, vollzieht eine komplette Kehrtwende. Für sie ist die unmittelbare Konfrontation mit dem Tod belebend und heilend.

Dann ist da der heimgekehrte erstgeborene Sohn Nathaniel ‚Nate‘ Fisher Jr. (Peter Krause; momentan in der Serie „Parenthood“ zu sehen), der sich bereits früh aus der Umgebung des Todes verabschiedet hatte, um andernorts sein Leben zu leben. Doch dies verläuft eher chaotisch und ohne ein bestimmtes Ziel. Für ihn ist der Tod des Vaters der Beginn eines neuen Lebensabschnittes: eine ungewollte Konfrontation mit dem Geschäft des Todes, die ihn aber am Ende zumindest zeitweilig in eine feste Lebenskonstellation führt, allerdings doch immer dieses unstete, freie Element unterbewusst weiter mit sich herumtragen lässt.

Der zweitgeborene und daheimgebliebene, den Vater im Unternehmen unterstützende Sohn David Fisher (Michael C. „Dexter“ Hall) geht mit dem Tod eine geschäftliche Beziehung ein. Gefühle bleiben bei ihm aussen vor, auch der Tod des Vaters ist für ihn nur eine berufliche Abwicklung der Angelegenheit. Hinter dieser kühlen Fassade verbirgt sich aber eine hochemotionale Seite, die er zu verstecken sucht, wie er auch seine Homosexualität verbergen will. Ein Vulkan, der nur darauf wartet irgendwann zu explodieren, was im Verlauf der Serie dann auch in einzelnen eruptiven Ausbrüchen geschieht.

Das Nesthäkchen und jüngste Mitglied der Familie Fisher – Claire (Lauren Ambrose) – ist der Rebell. Intelligent, unnahbar, eher der Typ Einzelgänger in der Schule versucht sie sich aus allem, was mit dem Tod zu tun hat, herauszuhalten. Sie ist das komplette Gegenteil ihrer Mutter und doch (auf eine verquere Art) stark auf sie fixiert. Claire macht, bedingt auch durch ihre Adoleszenzphase, die größten und intensivsten Wandlungen innerhalb des Fisher-Clans durch. Ihre unterdrückte Trauer über den Tod des Vaters kompensiert sie durch ihr Faible für alles künstlerische, insbesondere die Fotografie. Einhergehend mit dem Erwachsenwerden ist ihre Reflexion zum Tod eher durch Abneigung geprägt. Wer mit dem Tod aufwächst, will lieber das Leben geniessen und zwar in vollen Zügen.

„I quit my job. – I quit my fucking life. – No, you got fired.“

„Six Feet Under“ gelingt es beim Zuschauer eine Sensibilisierung über das Thema Tod zu erzeugen. Die Vergänglichkeit des Seins wird uns in jeder Folge aufs Neue gezeigt. Zum einen durch die jeweils im Vorspann dargestellte Art des Todes eines Kunden des Bestattungshauses Fisher (die mitunter recht skurrile Formen annimmt und den mit schwarzen Humor durchziehenden Anteil der Serie erhöht). Zum anderen durch die innerhalb der Familie und dem Bekanntenkreis auftretenden Tod- oder Nahtod-Erfahrungen. Niemand ist sich seiner Lebenszeit sicher. Jeder kann im nächsten Augenblick am Ende des Weges angelangt sein. Diese ständige Konfrontation des für Alle und Jeden unvermeidlichen Endes der Reise, die sich Leben nennt, lässt den Zuschauer darüber reflektieren. Die Serie bleibt dabei immer pietätisch anspruchsvoll, verharmlost den Tod nicht, dämonisiert ihn jedoch ebenso wenig. Der Tod gehört zum Leben dazu. Mit dem Zeitpunkt der Geburt wissen wir alle, dass es irgendwann, auf welche Art auch immer, vorbei sein wird.

„Six Feet Under“ ist eine Allegorie auf den Tod in all sein Facetten, mit all seinen emotionalen Begleiterscheinungen, mit all seiner Konsequenz. „Six Feet Under“ ist gleichzeitig aber auch das Philosophieren über ein etwaiges Danach, ein Darüber-hinaus. Eindringlich und deutlich wird dies immer wieder in den (Tag-)Träumen und fantasierenden Szenen der Protagonisten mit vorrangig dem toten Ehemann und Vater Nathaniel Fisher Sr. (Richard Jenkins). Diese Begegnungen und Erscheinungen dienen zwar hauptsächlich dem Aufzeigen oder Lösen von aufgebauten Konflikten der noch lebenden Fishers, haben aber ab und an auch die esoterische Komponente der Frage nach ‚dem-Leben-nach-dem-Tod‘. Hier erreicht die Serie eine Tiefe, die über das einfache oberflächliche Rezipieren hinaus geht. Eine Tiefe, die man von einer im Kern auf Unterhaltung zielende dramatische Serie so nicht erwarten würde. „Six Feet Under“ ist anspruchsvolles, serielles Erzählen, das eindeutig über dem Niveau vieler anderer davor und auch noch danach produzierten Dramaserien liegt. Das bringt die Thematik, auf der die Serie aufbaut, so mit sich, die gleichzeitig auch eine Art Alleinstellungsmerkmal manifestiert. Trotzdem bietet die Serie genügend Raum zur Identifikation mit den Figuren, denn „Six Feet Under“ ist ebenso…

Eine Allegorie auf das Leben

Das Leben schreitet unaufhaltsam voran. Da kann auch der Tod eines Familienmitglieds nichts ändern. Die Fishers bieten uns ein Potpourri aller möglichen Wege des Lebens, was „Six Feet Under“ neben einer Drama- auch zu einer Familienserie werden lässt. Als Zuschauer kann ich aus einem großen Reservoir an Charakteren wählen, finde in dem einen Gemeinsamkeiten zum eigenen Leben und sehe in der anderen meine unerfüllten Träume, meine Lebenswege, die ich nicht gegangen bin oder nie gehen wollte – gehen werde.

„I’m just saying you only get one life. There’s no God, no rules, no judgments, except for those you accept or create for yourself. And once it’s over, it’s over. Dreamless sleep forever and ever. So why not be happy while you’re here. Really. Why not?“

Hier sind dann vor allem auch die vielen Nebenfiguren als Spielbälle, als Katalysatoren, als Antrieb und als Interaktionsräume von Bedeutung. Personen wie Federico ‚Rico‘ Diaz (Freddy Rodriguez), Angestellter und späterer Teilhaber des Bestattungshauses Fisher, der uns in eine zu Anfang normale Familie mitnimmt, die glücklich zu sein scheint, an dessen unverrückbaren Wänden jedoch nach und nach der Putz abblättert und Probleme zum Vorschein kommen. Personen wie Brenda ‚Bren‘ Chenowith (portraitiert von der großartig aufspielenden Rachel Griffiths), die zu Beginn Freundin und sehr viel später Ehefrau von Nate. Eine höchst diffizile und extrem diffuse Figur, die aber gerade deshalb immer besonders begeistern und aufregen kann. Oder auch Brendas Bruder Billy (Jeremy Sisto; derzeit bei „Suburgatory“ mitspielend), der psychotische Schübe hat, unter ständigem Tabletteneinfluss lebt und inzestuöse Tendenzen gegenüber seiner Schwester hegt. Nicht zu vergessen Keith Charles (gespielt von Matthew St. Patrick), der On/Off – Freund von David, Polizist und späterer Bodyguard der Stars, der so normal erscheint und im Leben geerdet, das es schon wieder unnormal ist.

Hinzu kommen nur in einzelnen Staffeln oder über einen begrenzten Zeitraum auftretende Charaktere, die für einzelne Mitglieder des Fisher-Clans jedoch immense Wirkungen auf ihr Leben haben. Insbesondere die Gastrollen von Lili Taylor als Lisa Kimmel Fisher, Mutter von Maya, Nates erstem Kind, von Kathy Bates als Bettina, einer Freundin von Ruth oder auch Mena Suvari als Claires Freundin (und lesbisches Versuchsobjekt) Edie bleiben in Erinnerung.

„Life goes up and down. It isn’t important THAT you are living, but HOW.“

Allen Nebenfiguren ist eines gemeinsam: Sie beeinflussen in vielerlei Hinsicht das Leben der Familie Fisher. Sie symbolisieren die vielfältigen Ausprägungen menschlicher Lebensart. Sie bieten dem Zuschauer Alternativen des Lebens. Sie suggerieren und reflektieren Lebenswelten. Sie schaffen Lebensräume und -philosophien. Sie lassen uns teilhaben an ihrem und dadurch bedingt auch am Leben der Fishers.

Dabei ist besonders die lebensnahe Darstellung ein immenser Pluspunkt von „Six Feet Under“. Hier ist nichts fantastisches, übernatürliches am Werk (selbst die Träume und Begegnungen mit den Toten fügen sich nahtlos ein). Vielmehr sind die Fishers, obwohl als Bestatterfamilie nicht gerade eine Durchschnittsfamilie portraitierend (a la die Conners aus „Roseanne“), so natürlich und echt, das man sich mit ihnen identifizieren muss. Man leidet mit ihnen bei Krankheiten, Unfällen, Todesfällen. Man feiert mit ihnen Hochzeiten, Geburtstage, Geburten. Man lacht mit ihnen. Man weint mit ihnen. Man kifft und besäuft sich mit ihnen. Man streitet mit ihnen und versöhnt sich wenig später. Man wird Teil dieser Familie. „Six Feet Under“ schafft diese Wärme und Nähe zu einer Familie und dessen Freundes- und Bekanntenkreis, wie keine Serienfamilie aus dem Genre Drama zuvor und speziell bei mir bisher nur eine einzige Serienfamilie danach (die Gallaghers aus „Shameless“). Diese Verbundenheit erzeugt eine angenehme emotionale Involviertheit in die eigentlich fiktive Welt der Fishers. Man ertappt sich dabei losfahren zu wollen – nach Los Angeles – um sie zu besuchen. Um die kleine Maya in den Arm zu nehmen, mit Nate morgens eine Runde zu joggen, Ruth beim Abwasch zu helfen, David und Keith bei einem Glas Wein und etwas Smalltalk zu beehren und mit Claire auf ihrer Bude einen Joint zu rauchen und über Kunst zu schwadronieren. Selten ist das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer nichtrealen Familie intensiver als bei den Fishers. Dieses Gefühl, dieses Bild will man auf ewig festhalten. Archivieren und nicht wieder loslassen.

Fisher Family SFU

„Oh, I wanna take a picture of everyone. – You can’t take a picture of this. It’s already gone.“

Dieses Zitat, die letzten Worte der letzten Folge der Serie „Six Feet Under“, brennt sich in das Gedächtnis eines jeden Zuschauers ein. Es ist das würdige Ende einer einzigartigen, berauschenden, emotionalen, dramatischen, liebevollen Erzählung über eine ungewöhnliche Familie mit ihren gewöhnlichen, menschlichen Beziehungen, Erlebnissen, Problemen und Ereignissen. Gleichzeitig bildet das Zitat den Auftakt zur besten finalen Sequenz, die jemals in einer Serie verarbeitet wurde, weil eben genau das, was in der Serie über fünf Staffeln erzählt wurde, auf knappe sieben Minuten komprimiert dargestellt wird: das Leben bis zu seinem unausweichlichen Ende, dem Tod. Und so wie dies eine Hommage auf „Six Feet Under“ sein soll, ist „Six Feet Under“ somit selbst eine Hommage auf das Leben und den darin eingeschlossenen Tod.

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13 Antworten zu Welcome to the Fisher’s Funeral Home – Eine Hommage

  1. bullion schreibt:

    Welch famoser Eintrag über diese fantastische Serie!

    Damit bist du dieser Ausnahmeserie wahrlich gerecht geworden. Hach, jetzt habe ich Lust den Fishers noch einmal einen Besuch abzustatten! Gleich mal zu den DVDs gehen…

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