Happy Anniversary: „High Hopes“ – Pink Floyd (1994)

Bei Doctor Who in der Ära des neunten Doctor spielt eine Folge am Ende der Zeit – der Zeit der Erde. Auserwählte verschiedenster Rassen aus dem gesamten Universum wohnen dem Schauspiel der letzten Minuten des Planeten Erde bei. Diese Folge, die im Kern auch an Douglas Adams’ „Das Restaurant am Ende des Universums“ erinnern lässt (nur in kleinerer Dimension), weckte bei mir ein ebenfalls utopisches Szenario:

In einer fernen Zukunft, wenn der einzige wahre blaue Planet – seiner letzten Bodenschätze ausgeraubt, seiner letzten Flora und Fauna ausgesaugt und durch den über Jahrtausende betriebenen Raubbau durch die sich selbst als Nonplusultra des blauen Planeten bezeichnenden Menschen ausgelaugt – schlussendlich stirbt, wird irgendwo weit entfernt auf einer interplanetaren Raumstation oder einer ‚neuen Erde‘ ein humanoider Nachkomme des Menschen (wie auch immer evolutionstechnisch mutiert er/sie dann sein mag) in einem nostalgischen Moment das tun, was sich auch dann noch immer als emotionale Stütze und Wegbegleiter erweisen wird, weil es einfach zeitlos ist: Musik auflegen und ihr lauschen. Die Chancen stehen gut, das auch eine Band darunter sein wird, deren Mitglieder dann bereits, so wie der einzig wahre blaue Planet, zu Staub verfallen sind. Ihre Musik allerdings gehört zu den menschlichen Hinterlassenschaften, die die Jahrtausende überleben wird. Da bin ich mir ziemlich sicher…

Ich bin mir nicht sicher, ob es ausgerechnet „High Hopes“ sein wird, was dann durch die Weite des Weltalls klingt. Vielleicht ist es „Time“ oder „Shine on you crazy diamond“ oder auch „Them and Us“. Aber es wird auf jeden Fall Pink Floyd erklingen.

Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer für seine musikalische Entwicklung.

Ich hab das Pferd von hinten aufgezäumt. Und das tatsächlich im wortwörtlichen Sinne. Pink Floyd und ich ist eine Geschichte, die an ihrem Ende beginnt. Als vor 20 Jahren „The Division Bell“ das Licht der Welt erblickte, war von Anfang an „High Hopes“ mein ausgesprochenes Lieblingslied auf der Scheibe. Ausgerechnet das letzte Lied vom letzten Studioalbum der Band war mein Einstieg in das Pink Floydsche Musikuniversum. Schuld daran war das, was ich als Teenager der 1990er Jahre gern als den ‚Fluch der späten Geburt‘ bezeichne. Musikgeschichtlich gesehen lagen die bahnbrechenden Entwicklungen und Errungenschaften bereits alle in einer glorreicheren Vergangenheit. Die großen Ikonen und Innovatoren hatten entweder bereits (gewollt oder ungewollt) das Zeitliche gesegnet, waren längst nicht mehr als musikalisches Konglomerat zusammen oder hatten bereits seit geraumer Zeit ihren Zenit überschritten. „The Divison Bell“ ordnete sich innerhalb der Pink Floydschen Diskographie wohl auch eher im letztgenannten Spektrum ein. Das gesamte Album halte ich für nur mittelmäßig gelungen. Aber „High Hopes“ stach positiv heraus.

„There was a ragged band that followed in our footsteps.“

Ist es Ironie, wenn man dem letzten Lied des Albums den Titel „High Hopes“ gibt? Insbesondere, wenn es auch noch das letzte Album der Band ist? In Retrospektive gesehen vielleicht schon. In gewisser Weise ist „High Hopes“ ja selbst eine Retrospektive, da das Lied die Vergangenheit der Protagonisten erzählt. Eine kleine, aber feine Reminiszenz an die Schulzeit in Cambridge. Mit ein wenig Pathos und ein wenig mehr Wehmut. Nicht nur lyrisch – beginnend mit Beyond the horizon of the place we lived when we were young – vor allem auch musikalisch schwingt „High Hopes“ auf einer Nostalgiewelle. Die klagende Gitarrenmelodie, die in Erinnerung badenden sphärischen Synthies, dieser weiche, erzählerisch-schwelgende Gesang. Alles beschwört eine ‚those were the days‘ – Atmosphäre herauf. Und dennoch ist „High Hopes“ eben auch das: die Zuversicht, dass da noch mehr ist. Das dies nicht das Ende ist, sondern nur der Rückblick auf eine prägende Zeit, die dem daraus an Erfahrung gewonnenen Protagonisten in der Zukunft helfen wird. Hinter dem Horizont geht es eben doch weiter, die finalen Worte Our weary eyes still stray to the horizon, though down this road we’ve been so many times verheißen es.

„High Hopes“ ist unglaublich elegant, kompositorisch perfekt aufgebaut und lyrisch tiefsinnig. Alles das, was Pink Floyd in vielen anderen Werken zuvor zu Genüge bewiesen hatten, steckt auch in diesem Lied. Meinem ersten musikalischen Schritt in die Welt von Pink Floyd. „High Hopes“ prägte aber auch meine musikalische Sicht auf Pink Floyd. Es klang verdächtig nach der bandhistorisch verorteten klassischen Phase, zu deren Werken vorrangig das „Dark side of the Moon“ und das „Wish you were here“ Album gehören, die sich im Verlauf zu meinen Lieblingsalben entwickeln sollten. Nicht ohne Grund finden sich weiter oben gerade aus diesen beiden Alben auch Songbeispiele.

„High Hopes“ ließ bei mir ‚great expectations‘ entstehen, in dessen Folge Pink Floyd in meinen musikalischen Kosmos eindrang und seitdem einen Teil darin für immer besetzen wird. Wäre der erwähnte humanoide Nachfahre, der in nostalgischer Weise Pink Floyd auflegt, ein direkter Nachkomme von mir, würde er „Time“ auflegen. Dieses Werk aus dem „Dark side of the Moon“ Album zählt zu meinem Lieblingsliedern von Pink Floyd. Forever and ever. Der Dank gilt „High Hopes“ – der auslösende Moment.

Happy Anniversary „High Hopes“!

Happy Anniversary widmet sich in loser Folge einem musikalischen, literarischen, filmischen oder sonstigem medialen Werk, das bereits mindestens 20 Jahre alt ist und sich eine Honorierung in Worten aufgrund individueller, nostalgischer oder historischer Umstände verdient hat.

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7 Antworten zu Happy Anniversary: „High Hopes“ – Pink Floyd (1994)

  1. filmschrott schreibt:

    Hauptsache ist, dass in der Zukunft auf einem fremden Planeten niemand zufällig CD 2 der Umma Gumma auspackt. Ohne Witz, was zur Hölle war da los?

  2. Pingback: Oh, by the way which one’s Pink? | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

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