Oh, by the way which one’s Pink?

Infolge meiner Happy Anniversary Veröffentlichung von vor ein paar Tagen ist mir diese alte Meinung zum „Wish you were here“ Album von Pink Floyd wieder in die Hände gefallen. Etwas gekürzt und remastered möchte ich diese der werten Leser- (und Hörer)schaft natürlich nicht vorenthalten. Vorsicht. Lang und ohne Pause. Wie das Album selbst:

 „Alles, was Töne von sich gibt und mit Schaltern verändert werden kann, ist ein Synthesizer. Ein Instrument, das du einschaltest und spielst, wie das Theremin, ist kein Synthesizer. Aber wenn du dies und das einstellen kannst, hier ein Patchkabel legen kannst, dort ein anderes, und damit den Klang in seiner Qualität in neue Bereiche führst, dann hast du einen Synthesizer.“ (Robert Moog)

Ohne die ,Erfindung‘ des Robert Moog würde es wahrscheinlich einen Großteil dieses Albums (und vieler anderer mehr) so nicht geben. Und die Band selbst hätte niemals den Sound fabriziert, der sie gerade Anfang der 1970er so berühmt machte. Berühmt wären sie vielleicht trotzdem geworden, nur eben musikalisch ganz anders. Ich selbst kann mit der 1970er Dekade musikalisch betrachtet nur bedingt etwas anfangen. Persönlich kann ich über diese Ära eh nicht viel sagen, da mein kurzer Lebensabschnitt, der noch in dieses Jahrzehnt fiel, bei mir keine bleibenden Erinnerungen hinterlassen hat. Aber an „den Großen“ der Musikwelt kommt auch ein Verweigerer wie ich nicht so ganz vorbei. Und zu eben jenen gehört natürlich die Band Pink Floyd, deren Werke „Dark Side of the Moon“ (von 1973 und mit einem der berühmtesten Plattencover überhaupt) und „The Wall“ (von 1979) zu den so genannten Meilensteinen dieser Musikära gehören. Ebenfalls dazu zu rechnen ist ihr 1975er Konzeptalbum „Wish you were here“. Womit wir dann endlich beim Thema wären…

HÖREINDRÜCKE

Ruhe … Stille … Gelassenheit. Einige wenige Assoziationen, die einem gleich zu Beginn des Albums in den Sinn kommen. SHINE ON YOU CRAZY DIAMOND (PART 1) fängt sehr sanft und zurückhaltend an. Die ersten Synthesizerklänge, die verzerrte Hornanklänge haben, bilden den Auftakt. Diese markante Hornsequenz wird noch des Öfteren in dem ca. 13:30 Minuten das Lied bestimmen. Nach dem ruhigen Beginn schält sich ab knapp vier Minuten Spielzeit der Rocksong aus dem Gesamtstück heraus. Gilmours Gitarrenspiel wird intensiver, fordernder und glänzt mit einigen wunderschön heraus gespielten Solopassagen. Unterstützt wird er vom Schlagzeug, das im gleich bleibenden Midtempo vor sich hin trommelt … sehr dezent und zurückhaltend, um die Wechsel zwischen Synths und Gitarre nicht zu stören. Mit Einsatz des Gesangs (nach sagenhaften 8:40 Minuten) haben wir den klassischen Rocksong vor uns. Rick Wrights Keyboards klingen nach Hammondorgel, die Gitarre ist noch immer dominant und der stellenweise mehrstimmige Gesang macht aus dem ruhigen Anfang eine laute fordernde vorwärts treibende Rockhymne. Lyrisch erzählen Pink Floyd die Geschichte Syd Barretts. Sie erinnern sich an die Anfänge mit ihm und den jähen und krassen Absturz durch seinen überhand nehmenden Drogenkonsum: „Remember when you were young, you shone like the sun. Shine on you crazy diamond. Now there’s a look in your eyes, like black holes in the sky. Shine on you crazy diamond.“ Das wirkt wehmütig, wie ein Traum aus besseren alten Zeiten. Vermittelt aber auch Hoffnung und Zuversicht für die Zukunft, vor allem ausgedrückt durch den fast schreiend vorgetragenen ,Diamond-Teil‘, der wie zur Bestätigung auch mehrmals wiederholt wird. Dieses hymnenhafte des Hauptteils wird abrupt durch eine Stiländerung unterbrochen, den ich als nicht sehr gelungen betrachte: Ein Saxophon übernimmt das Kommando! Die letzten zwei Minuten sind dementsprechend ziemlich jazzig angehaucht. Die Gitarre mimt den melodischen Begleiter und geleitet das kontraproduktiv arbeitende Saxophon zum Ende.

Während das eine leiser wird, rauscht uns der Klang von verzerrten Synthesizerklängen entgegen. Der Songtitel ist durchaus Programm. Der Auftakt von WELCOME TO THE MACHINE klingt mechanisch, statisch, im stets gleich bleibenden Takt. Doch schon sehr bald kommt der beste Teil des Stückes: Nach der ersten Strophe wird der Song genial bearbeitet und verarbeitet. Die Gitarren haben einen lockeren Melodiebogen und Rick Wright zaubert Klangwelten aus dem Synthesizer, die einen ohne Umschweife in andere Dimensionen beamen. Diese hohen, quietschend und rauschend vorwärts fließenden Sounds suchen ihresgleichen. Sie machen den zweiten Titel auf dem Album zu einem Highlight. Da ist der Text eigentlich nur noch Nebensache. Wenngleich zumindest eines beim Gesang deutlich zu spüren ist. Ein irgendwie aggressiver, vorwurfsvoller Klang in der Stimme. 7:26 Minuten ist WELCOME TO THE MACHINE lang. Die letzten 45 Sekunden verleiten wahrscheinlich zu verschiedensten Assoziationen. Dieser schneller werdende Synthesizerton, der auch immer dumpfer wird, erinnert mich immer an den Schleudergang einer Waschmaschine. Zufall? Oder einfach der logische Gedankengang bezogen auf den Songtitel? Ich weiß es nicht.

Aber eines weiß ich. HAVE A CIGAR ist der klassischste Rocksong auf „Wish you were here“. Und noch dazu nicht irgendein Rock, sondern definitiv Bluesrock. Eindeutige Merkmale dafür sind der smoothe Rhythmus, vorgegeben vom Schlagzeug. Eine außerhalb des Taktes agierende Gitarre, Kontrapunkte setzend, dann aber doch immer wieder sich dem Keyboardmelodien und dem Gesang anpassend. Womit wir beim Hauptmerkmal wären. Der Gesang, hier von Roy Harper (der Vater von Singer/Songwriter Nick Harper), ist erzählend, ruhig und getragen. Da kommt doch wirklich stellenweise Baratmosphäre auf. Natürlich nur, wenn Rick Wrights Soundfetzen nicht wieder so spacig klingen würden. Aber man kann ja nicht alles haben. Man will es auch nicht wirklich. Außerdem verspricht der Songtitel selbst doch irgendwie schon etwas bluesig Angehauchtes. Nach radiokompatiblen etwas mehr als 4:30 Minuten verschwindet der Song genau dort.

Im Radio… Dumpf und leise wird der Übergang geschaffen.

Der Übergang zu einem der bekanntesten Intros, die es wohl jemals gab und zukünftig geben wird. Rauschen im Äther. Jemand sucht einen Radiosender und dreht am Frequenzrad. (Damals gab es noch keine Knöpfe zum automatischen Suchen.) Gefunden. Eine Gitarrenmelodie, die jeder sofort dem Song WISH YOU WERE HERE zuordnen kann, ist zu vernehmen. Diese Melodie greift die vor dem Empfänger sitzende Band auf und baut sie aus. Es kann beginnen. Dieser Übergang von Song drei zu vier ist einer der genialsten Einfälle überhaupt. Perfekt arrangiert und intelligent umgesetzt. Die markante Gitarrenmelodie wird relativ schnell vom ebenso markanten und bekannten Gesang unterstützt. „So, so you think you can tell Heaven from Hell, blue skies from pain.“ Der komplette Song wird vorrangig durch den diversen unterschiedlichsten Einsatz mehrerer Gitarren getragen. Der Keyboardeinsatz hält sich in Grenzen und tritt wenn, dann nur im Hintergrund agierend, auf. In diesen Momenten wird der ohnehin verträumt und melancholisch scheinende Song noch balladesker … schwebender … sphärischer. Hatten wir mit „Have a cigar“ den Bluesrock im Angebot, haben wir es hier mit einer der großartigsten Rockballaden überhaupt zu tun. Für PINK FLOYD war der Song nur eine weitere Ode an den verloren gegangenen Weggefährten Syd Barrett. Die so wehmütig und vertraulich gesungene ,Wish you were here – Passage‘ symbolisiert den Wunsch der Band einer Rückkehr ihres gefallenen Engels. WISH YOU WERE HERE ist unbestritten ein Meisterwerk. Musikalisch wie auch lyrisch.

Mit dem leiser werdenden Gitarrenspiel geht es nahtlos in den letzten Titel des Albums über. Es klingt wie Wind, der durch die Bäume weht. Rauschend. Berauschend. Die bereits in Part 1 von SHINE ON YOU CRAZY DIAMOND eingeführte Synthesizermelodie lässt auch PART 2 ruhig beginnen. Doch sehr schnell wird der Sound aggressiver, die Gitarre übernimmt das Zepter, prescht lautstark vor, wandelt sich zu einem kreischenden Ungetüm, das nichts und niemand aufzuhalten scheint. Um nach knapp 4:30 Minuten wieder die bereits bekannte Melodie aufzugreifen, die den Gesang einleitet. Der setzt dann auch sofort ein. Im gleichen Stil wie zu Beginn unserer Reise. „Nobody knows where you are, how near or how far. Shine on you crazy diamond.“ Noch einmal fordernd, rufend, schallend erklingen die Worte – um zum Ende hin von einem letzten Wechselspiel zwischen Gitarre und Keyboards abgelöst zu werden, bevor die finalen und Abschied verkündenden Soundteppiche von Rick Wrights Synthesizer-Spielereien den Song und damit auch das komplette Album sphärisch, schwebend, spacig und beruhigend ausklingen lassen.

DAS ENDE VOM LIED

Ich bin kein Pink Floyd Fan. Ich kenne nur Teile ihres kompletten Outputs. Die ersten Alben (insbesondere das „Umma Gumma“) gehen mir völlig ab. Die letzten kenne ich (fast) gar nicht. ABER: Die 1970er-Phase der Band ist durchaus hörenswert und „Wish you were here“ findet selbstredend ab und an den Weg in meinen CD-Player. Man kann dazu so wunderschön entspannen, die atmosphärische Tiefe ist berauschend, die Sounds bewegen sich mitunter in anderen Klangwelten. Dafür gebührt vorneweg erst einmal Richard Wright großer Respekt. Durch ihn wird das epochale Werk „Shine on you crazy diamond“ zu dem, was es ist. Einem genialen Stück Musik(geschichte). Und auch wenn David Gilmour mit seinen Gitarrensolis stellenweise die Grenze des Mach- und Hörbaren zu überschreiten scheint, ist sein Einsatz an keiner Stelle zu viel, sondern stets richtig und passend. Ebenso richtig und passend, aber vor allem höchst emotional, intelligent (und manchmal auch etwas kryptisch) ist der lyrische Teil auf dem kompletten Album zu bewerten. Roger Waters zeigt exzellente Songschreiber-Qualitäten, vor allem auch im bekanntesten und dem Album seinen Namen gebenden Stück „Wish you were here“. Das ganz nebenbei auch noch eines der größten Rockballaden aller Zeiten ist. Selbst „Welcome to the machine“ (durch Wrights Klangspielereien) und „Have a cigar“ (durch den äußerst bluesigen Grundcharakter) können als eindrucksvolles Soundmaterial bezeichnet werden. Das ist stimmig. Das macht Spaß. Das ist in keiner Sekunde langweilig.

Wenn es ein Album gibt, das von Anfang bis Ende rund klingt (und das Prädikat Konzeptalbum auch verdient hat), dann ist das WISH YOU WERE HERE von PINK FLOYD. Und wenn es einen Moment gibt, in dem die Floskel „Dieses Album gehört in jedes gut sortierte CD-Regal“ gilt, dann ist das hier. Übrigens: Über Kopfhörer kommt das Teil erst so richtig gut.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Erde, Mensch abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Oh, by the way which one’s Pink?

  1. Pingback: Maximum Medium Overload Episode Two | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

  2. Pingback: 30 Day Song Challenge – Day 11 | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s