(R) Friends will be friends

Zehn Jahre ist es her. Zehn Jahre, die beide Schauspieler in gänzlich andere Akteure verwandelte. Zehn Jahre, die beide den Schritt vom jungen Independent- zum gegenwärtigen Mainstream-Kino gehen ließ. Als 2004 Crash und November aufeinander trafen, war dies ein Filmereignis. „Kammerflimmern“ erzählte unbeschwert die Geschichte einer aufflammenden Liebe zwischen zwei Menschen. Und beide Schauspieler waren in ihren Rollen den kompletten Film über mehr als präsent. Sie litten, sie liebten, sie stritten, sie standen füreinander ein. Es war nah und intensiv. „Kammerflimmern“ war eine dieser deutschen Kinofilmperlen, die zu wenig Publikumsaufmerksamkeit für so viel Inhalt erhielt. Den beiden Protagonisten gereichte der Film dennoch zum endgültigen Durchbruch. Bereits zwei Jahre zuvor standen beide Schauspieler ebenfalls gemeinsam vor der Kamera. Während der eine – Matthias Schweighöfer – hier jedoch schon die Hauptrolle mimte, begnügte sich die andere – Jessica Schwarz – mit einer (nicht ganz unwichtigen) Nebenrolle.

Von einem der auszog die Liebe zu suchen…

Dominik Grafs Fernsehfilm „Die Freunde der Freunde“ zeigt uns einen noch jungen, frischen, unverbrauchten und spielfreudigen Matthias Schweighöfer, der als Gregor kurz vor dem Abitur an der exklusiven Internatsschule Stein steht. Ein bisschen verträumt, intelligent und mit einer charmanten Schüchternheit nähert er sich auf einer Party der einige Jahre älteren, ehemaligen Internatsschülerin Billie, deren kompliziertes Leben auch das Leben von Gregor durcheinander wirbelt. Billie erscheint mysteriös, ihre zuerst nicht zu enträtselnden Absichten lassen uns Zuschauer eine Zeit lang im Unklaren über die Redlichkeit und Aufrichtigkeit ihrer Handlungen. Sabine Timoteo zeichnet ein zwielichtiges Bild der Billie, deren Anziehungskraft wir als Zuschauer jedoch ebenso wenig widerstehen können, wie der sich Hals über Kopf in sie verliebende Gregor. Sein bester Freund Arthur (Florian Stetter haucht seiner Figur eine großartige Lebendigkeit ein) kann mit den verliebten Flausen von Gregor nichts anfangen. Für ihn gibt es keine Liebe. Nur Frauen mit denen man sich kurzzeitig vergnügen kann. Arthurs ‚irgendwie‘-Freundin Pia (Jessica Schwarz erzeugt in ihren kurzen prägnanten Szenen eine wunderbare und unmittelbare Präsenz, die ihr in vielen Filmen der neueren Zeit komplett abhanden gekommen ist) bekommt diese emotionale Kälte ständig zu spüren. Gregor will Arthur zeigen, das es sie durchaus geben kann – die wahre Liebe. Billie scheint der Beweis für diese Theorie zu sein. Doch eine Verkettung verschiedenster Umstände verhindert ein Kennenlernen von bestem Freund und Gregors großer Liebe. Doch es gibt eine ganz andere, über den irdischen Dingen stehende Ebene der Verbindung zwischen Billie und Arthur. Eine Verbindung mit unerwarteten Konsequenzen.

…und den Tod zu finden.

„Die Freunde der Freunde“ erzählt in körnigen Bildern, deren teilweiser dokumentarisch angehauchter Stil die Unmittelbarkeit noch präzisiert, eine zu Beginn leicht erscheinende Geschichte einer aufkeimenden jungen Liebe zwischen zwei gänzlich unterschiedlichen Personen. Dominik Graf konzentriert seinen Blick auf die Interaktion der Figuren. Die Menschen stehen durchweg im Mittelpunkt der Bilder, es gibt keine dramatischen Szenen und überraschende Wendungen. Die Personen sind das Drama. Schön, das sich alle Protagonisten durchweg als spielfreudig erweisen. Schön, das allein ihre Mimik und Gestik den jeweiligen Charakter zeichnet, definiert und real agieren lässt. Schön zu wissen, das ein Matthias Schweighöfer tatsächlich Talent besitzt, das er in den letzten Jahren nur leider an stupide oberflächliche Komödien (teilweise aus eigener Feder) verschwendet hat. „Die Freunde der Freunde“ geht aber noch eine Ebene tiefer, baut eine übersinnliche Atmosphäre auf. Lässt verliebte Träumer auf übernatürliche Phänomene treffen. Immer dann bekommen die Bilder eine schwer zu beschreibende, etwas melancholische Aura. Sind real und zugleich doch bewusst transzendent. Vor allem die nächtlichen Szenen strahlen ein unwirkliches Abbild aus, erscheinen verschwommen und unklar. Besonders die finalen Szenen bestechen mit einer unglaublich grandiosen Melange aus Bildern, die ein reales Szenario in eine irreale Traumwelt zu verorten scheinen.

 

„Die Freunde der Freunde“ beruht auf einer Kurzgeschichte von Henry James, dessen Protagonisten sich in der oberen Klasse der britischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts bewegen. Dominik Graf verlegt das Setting in die Neuzeit, was bei einer derart zeitlosen Geschichte ohne Probleme gelingt. „Die Freunde der Freunde“ ist ein atmosphärisch dichter Film mit stellenweise fantastisch transzendenten Bildern, die eine melancholische, traumwandlerische Stimmung erzeugen, die den gesamten Film durchzieht. Hieße der Regisseur Christian Petzold, würde sich „Die Freunde der Freunde“ in dessen Gespenster-Trilogie einreihen. So bietet der Film seine eigenen Gespenster. Die noch unverbrauchten, spielfreudig agierenden Darsteller können durch die Bank weg überzeugen. Und obwohl Matthias Schweighöfer auch in diesem Film seinen Allerwertesten dem geneigten Zuschauer präsentiert, ist dies hier nicht das einzige, was von ihm überzeugen kann. Glücklicherweise.

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8 Antworten zu (R) Friends will be friends

  1. Cheshire Cat schreibt:

    Beide Filme stehen noch auf meiner Liste… oh man… die Liste… so unendlich… 😉

    • Stepnwolf schreibt:

      Dann schau dir erst den hier an und dann „Kammerflimmern“. Einfach nur der Chronologie wegen. Gut sind sie beide. 🙂

      • Cheshire Cat schreibt:

        Nachdem ich den Film gesehen habe (gerade eben), kann ich nur nochmal sagen, dass mir dein Beitrag gefällt 😉

      • Cheshire Cat schreibt:

        Wobei ich seit gestern Abend noch ein paar andere Gedanken habe…

        1. Was wollen uns die Filmemacher eigentlich mit diesem ständigen Rauchen sagen? Warum rauchen im Film immer alle? Sind die Schauspieler nicht gut genug, dass sie auch mal ohne Zigarette in nem Eck stehen können? Das kanns ja wohl nicht sein…

        2. Schade, dass nicht mehr Hinweise auf die Verbindung zwischen Arthur und Billie schon früher in der Handlung eingebaut wurden. Denn jetzt wo ich weiß, wie es ausgeht, denke ich viel darüber nach, was davon schon früher im Geschehen zu erkennen war und wünschte mir daher an der ein oder anderen Stelle ein durchdachteres Drehbuch (was aber extrem schwer ist… einzig gutes Beispiel, das ich kenne ist „Stay“ aus dem Jahr 2005).

        3. Warum hat sich der Regisseur für diesen Dokumentationsstil entschieden?

        • Stepnwolf schreibt:

          zu 1. Tja, vielleicht gehört es bei einer Coming of Age Geschichte dazu rauchen zu müssen. Von wegen ‚tun-was-Erwachsene-tun‘ oder so. Außerdem sieht das doch cool. Hat auch Belmondo schon gemacht. 😉
          zu 2. Soweit ich das weiß, werden im Buch die Pendants zu Arthur und Billie wohl mehr in den Mittelpunkt der Geschichte gerückt und nicht so sehr die Figur des Gregor. Allerdings habe ich die Kurzgeschichte von James nicht gelesen. Daher ist das nur Spekulation. Aber du hast recht, ein paar mehr Andeutungen und Bezüge wünscht man sich schon. Die offensichtlichste Szene war ja die, wo sich beide im Internat verpassen, sich aber doch irgendwie spüren. Auf der Ebene hätte man sich mehr gewünscht um auch diesen übersinnlichen Aspekt zu betonen. Der Regisseur wollte aber anscheinend eher die Liebesgeschichte in den Vordergrund stellen.
          zu 3. Dokumentationen ist ja immer eine Art Wahrhaftigkeit nahegelegt (die sie sehr oft gar nicht haben). Ich finde es hier bei dem Film deshalb so gelungen, weil er dadurch so extrem nah an den Figuren dran ist. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes (ohne Zoom). Eine Art Versuch in das Innere des/der Jeweiligen zu schauen. Diese unscharfen, körnigen Bilder (der Film wurde ja mit Digitalkamera gefilmt, Wim Wenders hat dies auch schon in einigen Filmen so gehandhabt) sind unmittelbarer, realer, aber zugleich (insbesondere in den nächtlichen Szenen) auch (umher)irrender. Ein bisschen, wie das menschliche Auge, das im Dunkeln auch anders reagiert, denn im hellen Tageslicht. Graf nutzt ja auch, soweit ich das sehen konnte, im Film kein künstliches Licht, sondern arbeitet mit den vorhandenen Lichtquellen, was diese besondere Atmosphäre erzeugt.

          So, das nimmt ja schon fast Essay-Ausmaße an. 😉

          • Cheshire Cat schreibt:

            Vielen Dank für den Essay! 🙂

            Bei der Sache mit dem Rauchen könntest du natürlich recht haben… aber missfällt es dennoch, weil ich es als zu stereotyp empfinde. Das ist aber Geschmackssache 😉

            Ich fand den Dokumentationsstil nicht schlecht, aber ich denke, ich hätte ihn nur für bestimmte Szenen verwendet um den Fokus auch besser zu erkennen.

          • Stepnwolf schreibt:

            Dann mach das bei deinem Film doch so. ;D

  2. Pingback: Maximum Medium Overload Episode Two | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

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