Happy Anniversary: „Under the Pink“ – Tori Amos (1994)

Ganz leise und schüchtern beginnt das Piano zu spielen. Kurze, hart angeschlagene Töne. Niemals aufdringlich, vorwiegend sehr ruhig und gefühlvoll fließt die Melodie dahin. Schon glaubt man da kommt nichts mehr, wo ist der Gesang, wo ist die Stimme? Das Piano spielt sich genau eine Minute und dreiundfünfzig Sekunden warm und dann hören wir ganz vorsichtig ihre Stimme. Ein gehauchtes „Icicle Icicle where are you going? I know a hiding place when spring marches in. You keep watch for me. I hear them calling. Gonna lay down, gonna lay down.“ Tori Amos ist gefühlvoll, langsam und zurückhaltend. Das Lied ist so zurückhaltend, man könnte meinen, es ist Sinn der Sache, es überhaupt nicht zu bemerken. Zu überhören. Links liegen zu lassen. Gott bewahre, das ist das Letzte, was man bei „Icicle“ tun sollte! Der Song ist die Verkörperung von Tori, zeigt die perfekte Symbiose zwischen ihr und ihrem Arbeitsgerät … und nein, ich meine eigentlich nicht zuallererst ihre Stimme, sondern vielmehr das Bösendorfer, ihr Instrument, ein Piano … „Icicle“ ist definitiv eines der schönsten Lieder auf „Under the Pink“, gerade weil es so ruhig und somit auch beruhigend wirkt. Und doch ist auch hier kurzzeitig die zweite Seite der Tori Amos zu spüren, zu hören, zu bemerken. Kurz vor Schluss (nach vier Minuten und zwanzig Sekunden) der Gefühlsausbruch, lautere Klänge, ihre Stimme geht hoch (noch höher als sie sowieso schon von Natur aus singt) und sie klagt: „I could have I should have I could have flown. You know I could have I should have“ … PAUSE … und „I didn’t so!“ Das ist Emotion auf höchstem Niveau! Ausdruck nur durch Gesang! Das ist Tori Amos und dafür liebe ich ihre Alben und dieses hier ganz besonders.

Ein ebenfalls sehr wechselhaftes Stück, ein Song, der die zwei Seiten der Tori Amos zeigt, ist „The Waitress“. In gewisser Weise haben wir die Steigerung von Alanis Morissettes „That I would be good“. So wie dort der eher positive Text nicht zur eher melancholischen Instrumentierung passen wollte, passt auch hier der Strophentext nicht zur durchweg leisen, dezenten Pianobegleitung: „So I want to kill the waitress. She’s worked here a year longer than I…“ So ganz nebenbei, als ob es überhaupt nicht wichtig wäre, kommen hier die Mordgedanken zum Vorschein. Hört man nicht zu, könnte man denken, ach, wieder so eine Ballade. Doch dann folgt der Refrain und wieder der Gegensatz: lautes, hart angeschlagenes Klavier, Bass- und Schlagzeugeinsatz zum unpassenden Text „But I believe in peace, I believe in peace“ . Ein nachgeschobenes „Bitch“ macht die Sache auch nicht viel böser. Wenn halt nicht dieser explosionsartige Ausbruch der Instrumente wäre, würde man wirklich an den besungenen Frieden glauben.

CAN’T STOP WHAT’S COMING, CAN’T STOP WHAT IS ON ITS WAY

Es gibt auch durchaus Titel auf dem Album, die nicht nur von Toris Stimme und Klavier leben. Da wäre zum Beispiel gleich an zweiter Position „God“. Das Lied beginnt mit einer verzerrt spielenden Gitarre, die verdammt schräg und klirrend klingt. Dann setzt auch schon der Gesang ein „God sometimes you don’t come through, do you need a woman to look after you“. Neben der schon erwähnten Gitarrenbegleitung ist vor allem auch ein Schlagzeug und Toris Piano als Unterstützung des Gesangs zu hören. „God“ erscheint melodischer, ‚normaler‘ als andere Songs auf dem Album, gerade weil es den typischen Aufbau aus Refrain-Strophe-Refrain aufweist, was nicht immer so im Toriversum vorherrscht.

In die gleiche Richtung geht auch „Past the Mission“, indem die Gitarre kurzzeitig ein wenig Reggeafeeling (aber wirklich nur ganz entfernt) aufkommen lässt, durch dezenten Einsatz von Schlagzeug und Klavier besticht und vor allem einen Refrain bietet, der wirklich seltsam eingängig und popmäßig für ein Tori Amos-Lied daherkommt. Noch dazu als Duett mit Trent Reznor (Nine Inch Nails), was diesen Titel gleich noch um einiges interessanter macht, weil beide Stimmen perfekt harmonieren. Sehr schön einfach und rund.

„Cornflake Girl“ ist dann wieder etwas klavierbetonter, gerade weil es innerhalb des Liedes einige Stellen gibt, die nur vom Klavier bestritten werden, inklusive einem Solo. Sämtliche anderen Instrumente bilden lediglich die Hintergrunduntermalung für Toris intensiven Gesang und das extensive Klavierspiel. Da ist sie wieder, ihre expressive Ausdrucksweise, die manchmal bis zur Ekstase führenden Schläge auf ihr Instrument, die sie wahrlich in Perfektion beherrscht. Einer der schnellsten und lautesten Stücke auf diesem Album, aber auch wieder eines von denen, wo mir der Text nicht unbedingt viele Interpretationsansätze bietet.

Vom Cornflake Girl zum „Space Dog“. Und lautes Gebrüll in Form eines tief brummenden Basses begrüßt uns am Anfang. Hinzu kommt im Hintergrund eine wieder leicht quietschend klingende Gitarre. Das Lied ist sehr wechselhaft. Mal spielt Tori nur mit Hilfe ihres hinlänglich bekannten Arbeitsgerätes, dann wird es sehr orchestral durch den Einsatz von mehreren laut aufspielenden Instrumenten (zumindest für ihre Verhältnisse) und mehrstimmigem Gesang. Genauso wechselhaft ist auch Toris Gesang, von halbem Sprechgesang zu melodischem dahinfliessenden Stellen, die recht bezaubernd und anders wirken und genau das vielleicht auch erreichen sollen. So anders, wie für mich die textliche Interpretation wieder einige Fragezeichen hervorzaubert.

I SAID YOU DON’T NEED MY VOICE GIRL, YOU HAVE YOUR OWN

Damit kommen wir zur zweiten Sektion des „Under the Pink“ Albums – die Klavierstücke:

Und wie bei so vielem im Leben fangen wir auch hier am Anfang an, denn wer liest schon gern zuerst das Ende eines Buches und sieht zuerst das Ende des Films? Starten wir also mit „Pretty Good Year“, einem vielleicht auch schon kurzem Fazit zum ablaufenden Jahr. Der Gesang ist sehr ruhig und langsam. Das Piano ist auch nur recht dezent im Einsatz. Doch schon nach kurzer Zeit hebt sich die Stimme, wir vernehmen leise einige Streicher im Hintergrund, doch die leichte Brise bleibt so … bis … bis zur ominösen zweiten Minute des Songs. Auf einmal fegt ein Sturm heran, aufbrausend und laut. Tori schreit mehr, als sie singt „well what’s it gonna take till my baby’s alright“ … Pause … und wieder ist es so ruhig wie vorher, als ob nichts gewesen wäre. Immer wieder faszinierend, diese abrupten Tempi-, Lautstärke- und Stimmwechsel. Ein musikalisches Stilmittel, das ich in solch einer Weise eigentlich nur von Tori Amos kenne und was sie dadurch auch immer etwas schräg und anders erscheinen lässt. Deshalb wohl auch das eigene Toriversum, das nicht kategorisierbar ist. Somit zeigt schon der erste Song, was den geneigten Hörer im Verlauf noch erwartet und das kann einfach nur gut werden.

„Bells for Her“ ist ein gutes Beispiel für den passenden Einsatz eines einzigen Instruments. Das Piano wurde so gepitcht, das mit jedem Anschlag ein perfekter Glockenklang erzeugt wird. Aber das ist eigentlich nur nebensächlich. Was bei diesem Titel einzig zählt ist Zuhören, denn hier kommt es mal wieder auf den textlichen Inhalt an. Wenngleich die Interpretation desselbigen wieder einmal einige Probleme und Spielräume aufzeigt. Nichts Neues! Auch nichts Neues: Nur Ms. Amos ist dazu in der Lage mit einem so sporadisch instrumentierten Titel und allein mit ihrem Gesang eine derartige Atmosphäre zu schaffen, das einem sich die über fünf Minuten erstreckende Glockenmelodie so kurz vorkommt, das man geneigt ist zu sagen: Oooch, schade, schon vorbei der Song? Verblüffend, mitunter unerklärbar.

Balladen sind was wunderschönes. Balladen haben meist diesen standardmäßigen dramatischen Streichereinsatz. Balladen sind zu 95% Oden an die Liebe (ob nach positiven oder eher häufiger nach negativen Erlebnissen). Balladen sind melancholisch, herzerwärmend, todtraurig, gefühlvoll, samtweich und schmerzhaft berührend. Balladen heißen „Baker Baker“ und sind das alles potenziert mit drei. Balladen erzählen eine Geschichte. Die hier wird dem Bäcker erzählt. Balladen sind ruhig und gefühlvoll. Hier ist sogar das Klavier so ruhig und gefühlvoll, das man es nicht vermissen würde, wäre es gar nicht vorhanden. Balladen sind auf „Under the Pink“ nicht sofort als solche zu erkennen. Diese hier schon. Diese hier ist das Sahnehäubchen der Torte, die von ebendiesem Bäcker gebacken wurde. Diese Ballade ist das schönste, was die Bäckerei im Angebot hat. Süß, süsser, „Baker Baker“.

„I think it’s perfectly clear we’re in the wrong band“. Wie soll ich das verstehen? Hat sich Tori Amos etwa in der Wahl ihrer Musiker geirrt? Oder hat sie sich selbst in ihrer Musikausrichtung geirrt? Hier verlässt mich mal wieder mein Interpretationshoch, was ich gerade eben noch gehabt zu haben schien. Der musikalische Ansatz bei „The wrong Band“ ist recht minimal: Bösendorfer (mal hart und kurz angeschlagen, mal sanft und melodisch fließend), eine gelegentlich unterstützende Hammond und kurzzeitig einsetzende Streicher im Background. Getragen von Toris hier wieder recht hoch und hell klingender Stimme. Dieser Titel ist der schlechteste unter den ansonsten sehr guten restlichen auf „Under the Pink“, fällt aber nicht weiter auf und schon gar nicht ins Gewicht.

 

Vor dem furiosen Finale dieses Beitrags und gleichfalls des Albums wäre da noch ein kleiner Titel, der nicht erwähnt wurde. Booklet auf, Nummer 10 gesucht, „Cloud on my Tongue“ gelesen. Meines Erachtens ist das ein Lied über eine verflossene Liebe. “You’re already in there, I’ll be wearing your tatoo.“ Tori arbeitet vorrangig mit ihrem Klavier, dem sich diverse verschiedene Tempi und Melodien entlocken lassen, die sich (welch Überraschung) dem wechselhaften Gesang (von hohen bis tiefen Tönen ist alles dabei) anpassen, sie unterstützen, umkurven, untermalen. Die kurz auftretenden Streicherarrangements sind dabei kaum störend und deshalb auch kaum erwähnenswert. Mal wieder vokalbetont und klavierbelastet. Mal wieder typisch Tori Amos. Und somit mal wieder wunderschön verträumt.

Finalen Songs in Alben wird sehr oft der orchestrale, extrem emotionale und mitunter mitreißendste Charakter zugeschrieben. Der Rausschmeißer muss etwas Besonderes sein. Dann mal mitten rein in den letzten Song von „Under the pink“ namens „Yes, Anastasia“: Wenn irgendwo ihre klassische Ader am besten zu hören ist, dann eindeutig bei diesem Stück. Schon allein die Spielzeit von mehr als neun Minuten kündet von einem Mammutwerk. Textlich geht es auf jeden Fall geschichtlich zu, da die besungene Anastasia natürlich die laut Gerüchten einzig Überlebende Zarentochter Anastasia ist. „Thought I’d been through this in 1919, counting the tears of ten thousend men…“ Die zitierte Stelle ist gleichzeitig auch eines der lauteren und von einem Streichorchester begleiteten Passagen, die sich mit sehr vielen nur von Klavier bestimmten Passagen abwechseln. Diese ruhigen Minuten haben eindeutig den Erzählcharakter von „Yes, Anastasia“ zum Inhalt. Tori wirkt in den Momenten sehr ausgeglichen, singt weniger emotionsgeladen und auch das Klavier ist nur Begleiter und harmonische Unterstützung zum Gesang. Aber wie gesagt, da sind ja noch die orchestralen Zwischenpassagen. Laut. Verstörend. Toris Stimme dabei wieder in höheren, helleren Tonlagen, das Bösendorfer brummend aggressiv, hart taktend. Ein klassisches Meisterwerk, das trotz der Länge zu keiner Zeit Langeweile aufkommen lässt, sondern den Zuhörer vielmehr bindet und mit einbezieht. Zweifellos ein würdiger Abschluss des perfekten „Under the Pink“ – Albums. Eines Albums, das selbst nach zwanzig Jahren noch immer mein Lieblingsalbum der werten Tori Amos ist. Ganz knapp vor „Little Earthquakes“.

Happy Anniversary „Under the Pink“!

Happy Anniversary widmet sich in loser Folge einem musikalischen, literarischen, filmischen oder sonstigem medialen Werk, das bereits mindestens 20 Jahre alt ist und sich eine Honorierung in Worten aufgrund individueller, nostalgischer oder historischer Umstände verdient hat.

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