Happy Anniversary: 25 Jahre Game Boy – Mehr als nur Tetris

Ein Gastbeitrag von Dres Inatra.

Alte Freundschaften soll man pflegen. Jedes Wiedersehen ist wie damals, als ob in der Zwischenzeit nie etwas anderes passiert wäre und mitunter unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen worden.

So auch der langjährige Begleiter Game Boy, der selbst in Zeiten von Terrabytes und 3D High Definition nicht in Vergessenheit gerät. Nintendos kleiner grauer Kasten, ein Handheld mit noch kleinerem Monochrom-Display, feiert 2014 seinen 25. Geburtstag. Dabei prägte der Game Boy Generationen junger Heranwachsender und wurde zum Synonym für Videospiel. Nicht zuletzt eng verbunden mit dem Aufstieg eines kleinen japanischen Unternehmens aus Kyoto, das zur Nummer 1 im globalen Videospiel und Elektronikmarkt wurde. Ein Vierteljahrhundert (japanische) Kulturgeschichte und Abriss über technische Trends in einer zunehmend vernetzten Welt: Press Start.

GB

Humble Beginnings – Erste digitale Schritte und früher Erfolg

Seinen Ursprung hat der Game Boy in handflächengroßen Telespielen. Anfang der 1980er stieg das bis dato auf Sammelkarten spezialisierte Familienunternehmen Nintendo in das Lizensierungsgeschäft tragbarer Videospiele ein. Vor dem Hintergrund von Weltölkrise und dem Erfolg von Telespielen auf dem US-Markt drängt man in die lukrative Elektroniksparte und verkauft Titel für andere Firmen in Japan. Daneben entwickelte man mit Mitsubishi erste eigene Telespiel-Systeme.

Gunpei Yokoi, der Jahre später den Game Boy entwickeln wird, bringt diese simplen Telespiele 1980 in tragbare Form. Die Game & Watch-Reihe mit Titeln wie Flagman oder Fire ist geboren und ein Verkaufsschlager. Die kleinen Reaktionsspiele sind mittlerweile auf diversen Sammlungen für den Game Boy zu finden, die Original LCD-games heute sehr teuer. Das parallel laufende Spielhallen-Geschäft bringt 1981 den Donkey Kong-Automaten hervor, das erste Spiel eines gewissen Shigeru Miyamoto. Bestärkt durch diesen Überraschungserfolg wird die Entwicklung einer eigenen Heimkonsole mit auswechselbaren Spielkassetten vorangetrieben. Die Verkaufszahlen des Atari VCS 2600 in den USA helfen sicher auch bei der Entscheidung, so wird zu dieser Zeit auch ein US-Firmensitz in Seattle gegründet.

Das Famicom (family + computer) erscheint 1983 in Japan. In den USA meidet man die Nintendo Entertainment System benannte Konsole nach dem Crash des Telespielmarktes, in dessen Folge Atari Bankrott ging. Das ändert sich schlagartig mit dem 1985 erscheinenden Super Mario Bros.Miyamotos Geniestreich. Nintendo wird vom eigenen Erfolg überrollt und kommt teilweise mit der Produktion nicht mehr hinterher. Das Jump’n’Run wird zum weltweiten Millionenseller und Nintendo zum Big Player in der Unterhaltungselektronik. Auch The Legend of Zelda ist 1987 ein Riesenerfolg und begründet nebenbei das Genre des Action-Adventure für Heimkonsolen. Das NES wird in diesem Jahr das am häufigsten unter dem Weihnachtsbaum liegende Geschenk und hat sich bis dato weltweit 60 Millionen Mal verkauft. Andere Mitbewerber drängt Nintendo fast vollständig aus dem Markt, oder kennt noch jemand Magnavox und Intellvision?

Das alles schafft Firmenoberhaupt Hiroshi Yamauchi mit einer Schar kreativer Köpfe, das sich wie das who-is-who? der Konsolengeschichte liest. Der genialer Spieledesigner Shigeru Miyamoto, Erfinder der Mario– und Legend of Zelda-Reihen. Gunpei Yokoi ist der Vater des 1989 erscheinenden Game Boys, der die Dominanz von Nintendo im Handheld-Markt begründen soll. Darüber hinaus hat er das Weltraum-Abenteuer Metroid konzipiert. Musikalisch werden Mario, Link und Co. von den Melodien Koji Kondos begleitet. Dieses Kreativ-Kollektiv zementiert Nintendos digitale Vormachtstellung, die eigenen Serien werden konsequent für alle Systeme fortgeführt und weiterentwickelt, Big N wird zum Synonym für Videospiele mit der Lizenz zum Gelddrucken. Ein ganzes Vierteljahrhundert an Softwaregeschichte nachzuvollziehen ist aufgrund der Masse an Titeln unmöglich, hier also meine persönlichen Highlights. Und vielleicht taucht Tetris ja doch auf…

Growing Pains – Technische Probleme und Workarounds

Der Erfolg von Super Mario Bros. ist prägend für eine ganze Generation von Programmierern, in den 90er Jahren wird digital vornehmlich gehüpft und gerannt. Die Initialzündung für den Game Boy ist allerdings das beigefügte Tetris, ein von Nintendo lizenziertes Puzzlespiel. Wem ich Tetris jetzt beschreiben muss, der hat die letzten 25 Jahre wahrscheinlich auf dem Mond gelebt, aber bitte: Herabfallende geometrische Formen sollen auf dem Boden so angeordnet werden, dass geschlossene Linien sich löschen lassen, bevorzugt in vier Reihen auf einmal. Einfach und simpel, gerade dadurch aber auch so erfolgreich. Kein Lesen von Anleitungen nötig und Berührungsängste mit einem unbekannten Medium durch simpelste Steuerungselemente umgehend, erspielt sich der russische Export eine millionenstarke Fangemeinschaft quer durch alle Alters- und Bevölkerungsgruppen. Das man nicht mit nur einem Titel eine Hardware 25 Jahre an der Weltspitze der Unterhaltungselektronik halten kann, sollte logisch sein. Der Erfolg im Heimbereich lässt sich aber aufgrund technischer Einschränkungen nicht 1 zu 1 im Handheldbereich wiederholen.

Der gemächliche Prozessor des Game Boy erlaubt nicht die hohen Geschwindigkeiten der Heimkonsolenversionen, zudem ist der Bildschirmausschnitt manchmal zu klein. So funktionieren 8Bit-Hitserien wie Mega Man (Capcom) und Castlevania (Konami) nicht wirklich in tragbarer Form. Mario Land 2 dagegen schlägt sich besser, auch wenn meiner Meinung nach die Genialität der Heimversionen nicht errreicht wird. Weltraum-Heroine Samus Aran bekommt mit Metroid II ein stimmiges, actionlastiges Abenteuer spendiert. Weitere Actionhighlights sind Konamis Probotector oder Parodius (um nur eines der
zahlreichen shumps zu nennen), die die Limitationen der Hardware gut umgehen und den Bildschirm effektiv nutzen. Sehr empfehlenswert sind weiterhin das Game Boy Eigengewächs Kirby’s Dreamland 2, und die mit Adventure-Elementen angereicherte Wario Land-Reihe, in der man den Nemesis von Firmenmaskottchen Mario steuert.

A World in the Palm of your Hands – die Emergenz des Japanischen Rollenspiels auf dem Weltmarkt

Ein Genre, das in Japan schon immer über Wohl oder Wehe einer Hardware entschieden hat, ist das Role Playing Game (kurz: RPG). Millionenseller wie Final Fantasy (Squaresoft) oder Dragon Quest (Enix) gibt es in abgespeckter Form auch für den Handheld. Die Plattform Game Boy ist dabei, abgesehen von der fehlenden Farbe, durchaus auf Höhe mit den Heimversionen. Der rundenbasierte Aufbau der Auseindersetzungen auf dem Schirm erinnert an Schach, Strategie und Planung entscheiden über Erfolg oder Niederlage. Atmosphäre und Glaubwürdigkeit einer kleiner digitalen Welt, in der man eine Gruppe digitaler Monsterjäger über viele Stunden durch Gefahren und Intrigen manövriert, werden gut transportiert. Dafür muss man allerdings auch Jugendsünden eines immer noch jungen Genre ertragen: Technische Limitationen und geringer Speicherplatz lassen Spielbarkeit und Präsentation mitunter leiden. Aus heutiger Sicht erträgt man das teils minutenlange Geklicke durch Textmenüs eher zähneknirschend als begeistert, zudem geraten RPGs ab Mitte der 90er durch Konkurrenz auf 16Bit-Konsolen wie Super Nintendo und Sega Mega Drive was Technik aber auch Umfang angeht, deutlich ins Hintertreffen. Lobenswerte Ausnahmen sind Nintendos The Legend of Zelda Link’s Awakening und Pocket Monsters. Letzteres, im Westen besser als Pokemon, verlängerte Mitte der 1990er in Japan die Lebensspanne des zum damaligen Zeitpunkt fast schon zu Grabe getragenem Game Boys um viele weitere Jahre und entpuppte sich für Nintendo als Killerapplikation einer technisch mittlerweile inferioren Hardwaregeneration.

Im Zuge eines weltweiten Rollenspielbooms und der damit einhergehenden Verschiebung von Entwicklerinteressen im Heimkonsolensektor, 1997 ausgelöst durch Final Fantasy VII auf der Sony Playstation (in Summe mehr als 10 Millionen verkaufte Einheiten), sprang Pokemon auf den weltweit abfahrenden Euphorie-Zug auf. Was folgt ist eine beispiellose Marketingmaschinerie bestehend aus Animationsfilmen, Sammelkarten und mehr Merchandise-Artikeln als es Pokemon (500+) gibt. Softwarenachschub gibt es in Form zahlreicher Nachfolger des Titels für den Game Boy, der die schwächelnden
Hardwareabkäufe der Heimkonsolen Nintendo 64 und Gamecube fast vergessen lässt. Während Sonys Playstation mit überlegener CD-Technologie und einer Schar an bereits etablierter japanischer Programmierschmieden an den Traditionsunternehmen Nintendo und Sega vorbeizieht und zum neuen Branchenprimus im Konsolenmarkt wird, tragen die kleinen Taschenmonster Nintendo durch eine weitere Dekade als unangefochtener Platzhirsch im Handheldbereich. Kritiker meinen sogar, dass Nintendo ohne den Handheldmarkt die 2000er gar nicht überlebt hätte. Vor der Niedergang Segas hin zum reinen Softwareunternehmen scheint diese These gar nicht so abwegig.

Competition? There is none … – ungebrochene Dominanz

Nintendo hingegen konnte mit den verdienten Millionen dem Game Boy handlichere Designs und Farbdisplays, in Form der Pocket und Color Editionen, spendieren. Selbst abstruse Hardware-Erweiterungen wie eine Kamera oder Drucker für den Game Boy blieben (unverständlicherweise) nicht im Regal liegen. Abgesehen von der Farbdarstellung änderte sich an der technischen Ausstattung des Handhelds nichts, erst 2001 wird mit dem Game Boy Advance eine zeitgemäße Hardware auf 32Bit-Technologie präsentiert. Bis dahin hatte Nintendo den Paradigmenwechsel von Jump’n’Run zu Rollenspiel aktiv und unter Marketinggesichtspunkten mustergültig mitgestaltet. Zudem verfügte man über eine nun etablierte Nutzerbasis von Millionen Spielern weltweit, die ihre alten Titel auch auf dem GBA spielen konnten. Bis heute hat sich der Game Boy samt diverser Nachfolgermodelle an die 120 Millionen Mal weltweit verkauft und Nintendo sich als eine der innovativsten japanischen Elektronikunternehmen etabliert. Fester Bestandteil der Populärkultur (das „in die Cartridge pusten“ kennen sicher viele) und Zeitkapsel der 1990er mit Lizenztiteln von Turtles bis Spiderman sowieso. Gerade der Handheldsektor liegt weiterhin fest in Hand des mittlerweile von Satoru Iwata geführten Unternehmens, dank Nintendo DS und 3DS. Die Grundlage dafür wurde vor 25 Jahren gelegt. Danke Game Boy und domo arigato, Yamauchi-sama.

 

Happy Anniversary Game Boy!

Happy Anniversary widmet sich in loser Folge einem musikalischen, literarischen, filmischen oder sonstigem medialen Werk, das bereits mindestens 20 Jahre alt ist und sich eine Honorierung in Worten aufgrund individueller, nostalgischer oder historischer Umstände verdient hat.

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9 Antworten zu Happy Anniversary: 25 Jahre Game Boy – Mehr als nur Tetris

  1. bullion schreibt:

    Als ich den Game Boy bekam. Das beste Weihnachten ever. Okay, vielleicht bis zum SNES-Weihnachten ein paar Jahre später. Was habe ich die kleine Daddelkiste geliebt! 🙂

  2. friedlvongrimm schreibt:

    Ich hab den Color in diesem feschen transparenten Lila. Haaach, damals wo mir beim Spielen noch nicht schlecht wurde. *lach*

  3. Nummer Neun schreibt:

    Wow 25 Jahre! Das Ding war echt prägend damals. Meiner läuft sogar noch und kam manchmal aus dem Schrank, wenn mein kleiner Cousin zu Besuch war.

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