A Christmas Carol

Zwanzig Zentimeter waren es in der vergangenen Nacht. Seit 
mehreren Tagen war dies nun so. Der Schnee fiel unaufhörlich auf 
die Landschaft und hüllte alles ein. Es wurde Zeit für ihn sein 
Werk zu beginnen. Wie jedes Jahr zur gleichen Zeit, mit der 
gleichen Intention und der gleichen Präzision. Nichts konnte ihn 
aufhalten. Nichts würde ihn aufhalten! "Sie werden schon sehen, 
was sie davon haben." dachte er bei sich, während er langsam in 
den Keller seines Hauses ging. Die Treppe knarzte. Das alte Haus 
zeigte an allen Ecken und Enden wie lange es bereits auf dieser 
Welt verweilt hatte. Wie viele Geschichten, wie viele Geheimnisse,
wie viele Gerüchte es im Innersten verbarg. In den dunklen Ecken 
des Hauses fanden sich unglaubliche Dinge. Und der Keller war 
definitiv der dunkelste Ort, mit den unglaublichsten Dingen. 
"Ich sollte mal die Glühbirne austauschen." dachte er, als er zum 
wiederholten Male an der Schnur zog und sich so rein gar nichts 
tat. Er stolperte zu einem großen, mächtigen Schrank, dessen Ver-
zierungen - mit vernarbten, zerkratzten und von Holzwürmern durch-
zogenen Gargoyles bedeckt - glänzten. Sofern man denn hierbei von
'Glänzen' und 'Verzierungen' sprechen konnte. Gargoyles waren 
nicht gerade die schönsten Figuren, die man sich an solch einem
immens geräumigen Schrank wie diesem vorstellen konnte. Ganz abge-
sehen davon, das sie an einem Schrank sowieso deplatziert 
erschienen. Aber darin befanden sich Kerzen. Das eigentliche Ziel 
seiner Bemühungen. Er nahm ein Streichholz, ließ es über die Seite
der Schachtel streichen und erwartete den Lichtschein. Die Kerze 
brannte nur wenige Augenblicke. Ein eiskalter Windhauch durch-
strömte den Keller und ließ ihn erneut im Dunkeln zurück. Ein 
Schauer lief über seinen Rücken. Unangenehm. Klirrend kalt. 
"Freddy hat es wieder irgendwie geschafft, das Kellerfenster auf
zu hebeln. Schlauer Kater." Er nahm den Kandelaber, tastete sich 
am Schrank entlang, stolperte über ein rostiges Eisengitter, das 
ein wenig wie diese schmerzvollen Tierfallen aussah, in denen sich
die Pfoten jedweden Waldbewohners und manchmal auch dessen 
Besucher verfangen konnten und gelangte - nach einem halben 
Hindernisparkour vorbei an diversen Eisenhaken, Sägeblättern, 
Nägeln, Lederfetzen und Stoffteilen - am Fenster an. Es war fest-
gefroren und ließ sich nur mit einiger Anstrengung und Mühe 
schließen. Schlagartig war das schaudernd-zitternde Gefühl ver-
flogen. Endlich konnte er die riesige Kiste mit den wichtigen 
Utensilien für sein zu vollbringendes Werk suchen. Das flackernde 
Licht der Kerzen zauberte seltsame Schattenbilder an die Wände. 
Selbst die schummrigsten Winkel konnten sich nun nicht mehr vor 
diesem Schein verstecken. Und die Kiste in diesem Kellerwinkel 
erst recht nicht. Langsam strich er über die fremdartig anmutenden
Symbole, die sich auf der Kiste befanden. Er hatte sie nie ganz 
enträtseln können. Zu anders und seltsam erschienen sie ihm. "Aber
wichtig ist nur der Inhalt. Nichts anderes zählt." sagte er zu 
seinem Schatten, der sich im Kerzenschein an der Wand abzeichnete.
Er griff nach den Eisenringen, die als Griffe für die Kiste 
dienten und schleppte die Kiste unter dem Ächzen der Treppe nach 
oben. Mit Genugtuung stellte er nach dem Öffnen fest, das noch 
immer alles da war. Sein Werk konnte beginnen. "Sie werden schon
sehen, was sie davon haben." murmelte er vor sich hin.

Er dachte an das zurückliegende Jahr. An die Schreie der Kinder. 
Ihre kurzzeitige Erstarrung und die ungläubigen Gesichter, als sie
ihn letzten Endes sahen. Ein Grinsen durchzog sein Gesicht. Und 
Vorfreude auf das Kommende. Aber vor der Arbeit kam das Vergnügen.
Das Initiationsritual. Er ging noch einmal in den Keller, um das
noch fehlende Arbeitsgerät zu holen. Dann ging er hinaus. Der 
Schnee knirschte unter seinen Schritten, die ihn langsam und 
stetig von Haus weg führten. Plötzlich lief er langsamer. 
Vorsichtig tastete er sich voran. Er konnte sein Opfer bereits 
riechen. Es war dieser einmalige, überall wieder erkennbare, zu 
dieser Jahreszeit einzigartige Geruch, der ihn wie magisch anzog.
Da war sein auserwähltes Exemplar. Nichtsahnend stand es vor ihm.
Konnte ihm nicht entkommen. Würde keine Chance haben. "Wunderbar.
Genau der Richtige." Die Axt in seiner Hand schimmerte im Mond-
licht. Die scharfe Klinge lechzte danach, die Arbeit zu 
vollbringen, die er ihr zugedacht hatte. Er holte aus. Die Axt 
traf ihn unvorbereitet und mit voller Wucht. Ein Schrei erfüllte 
die eisige Luft, um nur Sekunden später abrupt zu verstummen. 
Schnee rieselte sanft zu Boden. Der erste Schlag hatte zwar 
getroffen, aber nicht vollends die erhoffte Wirkung erzielt. Er 
schwang die Axt ein zweites Mal. Lautlos schwirrte die Klinge 
durch die Luft und traf ihn ohne Erbarmen. Jetzt war er erledigt.

Das Kind entließ noch einmal einen leisen, sanften Freudenschrei 
in die verschneite Winterlandschaft, drehte sich um und lief 
zurück zum Haus. "Ich hol schon mal alle Kugeln aus der Kiste 
raus."hörte er seinen Sohn noch rufen, bevor er hinter dem 
nächsten Baum verschwand. Er schulterte die Axt, schnappte sich 
das Ende des Tannenbaums und trottete gemächlich hinterher. "Aber 
Vorsicht, Michael. Pass auf, das du dich nicht schneidest. Da sind
einige bereits kaputt gegangen." Es hatte aufgehört zu Schneien. 
Vorerst. Er sog die kalte, frostige Luft tief ein. Sah hinauf zum 
Mond und ein glückliches Lächeln machte sich breit. Der Tannenbaum
würde wie jedes Jahr hell erstrahlen, ebenso hell wie die Augen 
seiner Kinder beim Anblick des fertigen Werkes. 
Weihnachten konnte kommen. Jetzt war alles bereit...

Scary Christmas and a bloody New Year to all of us!

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3 Antworten zu A Christmas Carol

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