(R) Der große Trip

Es ist nicht einfach. Wahrlich nicht. Die Versuche einen Film zu drehen, dessen Prämisse auf dem Drogenmilieu, dem Drogenmissbrauch und dem allgegenwärtigen Drogenkonsum liegen, können verschiedene Ansätze bieten. Zum einen haben wir da die übertrieben ins Lustige oder Lächerliche gewendete Herangehensweise und hierbei vor allem die Darstellung des Konsums solcher Substanzen. „Ted“ ist dafür ein zumindest in der filmischen Umsetzung positives Beispiel. Weg vom reinen Klamauk geht dann schon ein Genremix wie „Trainspotting“, der versucht Absurdität und Drama zu vereinen und der dies auch fast durchweg gut umsetzt. Und dann gibt es die deprimierenden, schwer verdaulichen Vertreter des Genres, die in ihrer Schockwirkung der gezeigten Bilder eine Art belehrende und heilende Wirkung provozieren. Wenn es gelingt, entstehen Filmhighlights wie der deutsche Film „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Wenn es nur teilweise überzeugen kann, wird daraus eine Art Märchen mit Liebesgeschichte wie der australische Film „Candy“. Einen Film zu drehen, der die Wirkung von Drogen in Bilder zu verpacken weiß und darum eine Handlung strickt, deren Intensität am Ende Läuterung verspricht, ist eine Herausforderung.

Darren Aronofskys Genrebeitrag „Requiem for a dream“ gelingt dieser Spagat mit Bravour. Dieser Film entpuppt sich als ein einziger großer unaufhörlicher Trip. Inklusive des Verlaufs. Beginnend mit der sonnigen, alles ist schön, die Welt ist bunt und nichts und niemand kann uns aufhalten Phase, über das Stadium des langsamen Abklingens der berauschenden Wirkung und der damit verbundenen lethargischen Nullbock-Stimmung bis zur schmerzhaften, auf der Suche nach Nachschub befindlichen Entzugsphase. Aronofsky dekliniert dies durch und unterteilt dabei seinen Film auch klassisch in dazu passende Kapitel: Sommer, Herbst und Winter.

Drogenrausch meets Bilderrausch

„Requiem for a dream“ liefert beeindruckende Bilder. Verstörende Bilder. Berauschende und berauschte Bilder. Der komplette Film lässt den Zuschauer als Abhängigen die Aktionen der handelnden Personen verfolgen. Die dabei entstandenen Bilder variieren zwischen intensiver, scharfer, unmittelbarer Darstellung. Klare, reine Szenen in satte Farbe getaucht. Die Realität des Alltags abbildend. Und wechseln im Verlauf im zunehmenden Maße in surreale, fantasierende Bilder. Geschnipselte, kurze, sekündliche Flashs von mitunter zusammenhanglosen Aneinanderreihungen diverser, milchiger, körniger, schemenhafter Bilder. Durchtränkt mit längeren Szenen, die komplett dem drogenberauschten Kopf der Protagonisten entsprungen zu sein scheinen. Als Zuschauer wird man mehr und mehr in diese Bilderwelt hineingesogen. Sie setzen sich fest. Realität und Fantasie verschwimmen zu einem Gemisch absurder Bildfolgen. Der Rausch überträgt sich auf den Beobachter der Szenerie. Grandios fotografiert. Ohne Frage.

Dieser überragenden Bildebene gesellt sich eine penetrante, in diesem Fall aber positiv penetrante Musik an die Seite. Das Titelstück durchzieht den gesamten Film, kriecht ins Ohr des Rezipienten und setzt sich in seiner instrumentalen, sich stetig wiederholenden Intensität unterbewusst präsent im Gehörgang fest. Faszinierend ist hierbei der Stimmungswandel. Umso extremer die Bilder werden, desto aggressiver erscheint einem auch die Musik. Und das ganz ohne Veränderung des musikalischen Themas. Die Kombination beider Ebenen funktioniert erstaunlich gut und in fliessenden Übergängen.

„Wir haben einen Gewinner“

Was Bild und Ton versprechen, lösen auch die Schauspieler in Gänze ein. Sowohl Jared Leto als Protagonist Harry Goldfarb als auch Ellen Burstyn als dessen Mutter Sara Goldfarb brillieren in ihren Rollen. Während sich der eine in einen heroin-geschwängerten Abgrund stürzt, durchlebt die andere ein tabletten-abhängiges Tal der Depression. Beide reizen ihre Darstellung bis ins Extreme und dem unvermeidlichen tragischen Ende hin aus. Beide leben und beleben ihre jeweilige Rolle bis in die kleinsten, absurden Abgründe. Beide durchlaufen auf körperlicher und – besonders auch bei Burstyns Part – auf psychischer Ebene einen sich permanent steigernden Prozess des Verfalls. Das schmerzt beim Zusehen. Die Intensität kann stellenweise überfordern. Schockieren und – ja, im Endeffekt auch zu einer Art Läuterung führen. Neben den beiden Hauptakteuren machen aber auch Jennifer Connelly als Harrys co-abhängige Freundin Marion und sein bester Freund Tyrone (Marlon Wayans mal überraschend unlustig) eine durchweg gute Figur. Da stimmt die Chemie (in genau dieser eindeutig zweideutigen Verwendung) zwischen allen. Man kann nur noch gebannt auf den Bildschirm starren und dem Schauspiel folgen. Folgen bis zu einem finalen, für alle Parteien schmerzhaftem Ende, das ohne irgendein mögliches Happy davor daherkommt. Aber wie sollte dies in einem winterlichen Kapitel und in Bezug auf den Titel des Films auch realisierbar sein? Die Totenmesse (das Requiem) ist kein Traum, sondern in der Konsequenz realer als es sich der Zuschauer, ebenso wie die Protagonisten, je erträumt hätten. Der ganze Film ist ein Requiem. Traum kommt bei „Requiem for a dream“ nur in dem Wort traumatisch vor. Traurig, aber schrecklich wahr. Ein wahrhaft schockierend schrecklich guter Film.

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10 Antworten zu (R) Der große Trip

  1. Cat schreibt:

    Tolle Rezensionen! Da entwickle ichbecht Interesse für den Film, obwohl es nicht mein Genre ist!

  2. hicemusic schreibt:

    Kann ich nur zustimmen. Toller Film!

  3. bullion schreibt:

    Immer noch nicht gesehen. Klingt zwar immer alles ganz toll und spannend, doch bin ich zurzeit echt nicht in der Stimmung für solch einen Downer. Irgendwann, wenn es gerade zu gut geht… 😉

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