Happy Anniversary: „High Fidelity“ – Nick Hornby (1995)

Wertes Publikum. Vor Beginn dieser Würdigung steht die sehr wichtige Top 5 der Dinge, die im Vorfeld gesagt werden müssen.

1. Ein herzliches Willkommen. 2. Schön, das sie so zahlreich erschienen sind. 3. Das folgende Werk umfasst 35 Kapitel und entspricht somit dem Alter des Protagonisten. 4. Das Buch hat 245 Seiten, was keinerlei Assoziationen weckt. Und – 5. – nein, „the simultaneous orgasm woman Rosie“ wird zwar oft erwähnt, aber nie beschrieben. Wenn das mal nicht ein MacGuffin ist.

What came first, the music or the misery? Did I listen to music, because I was miserable? Or was I miserable, because I listened to music?

Rob ist wieder allein. Gerade von seiner Freundin Laura sitzengelassen (weil die mit dem Nachbarn Ian oder wahlweise auch Ray genannt auf und davon ist), tut Rob, was ein Mann in seiner Situation halt tun muss: Er sortiert seine Plattensammlung neu. Na ja, und denkt an die Top 5 der Verflossenen, die ihn am meisten verletzt haben. Warum es mit Alison, Penny, Jackie, Charlie und Sarah nicht klappte, will er gern genauer wissen. Und da er ja sonst nichts anderes zu tun hat, sucht er die Damen alle auf, um das in Erfahrung zu bringen.

To me, making a tape is like writing a letter – there’s a lot of erasing and rethinking and starting again, and I wanted it to be a good one, because … to be honest, because I hadn’t met anyone as promising as Laura…

Natürlich hat er auch anderes zu tun. Er ist ja Besitzer eines Plattenladens. Da fällt immer viel Arbeit an für ihn und seine beiden Mitstreiter Dick und Barry. Zum Beispiel sich über die richtige Montagmorgen-Musik zu streiten. Den einzigen potentiellen Käufer aus den Laden zu jagen, weil der einen Song von Stevie Wonder sucht oder ständig den Musikgeschmack des anderen herabwürdigen. Sowas halt. Doch auch das kurzzeitige Hochgefühl von Rob (nach einer erinnerungswürdigen Nacht mit der amerikanischen Sängerin Marie LaSalle), lässt ihn nicht los kommen von ihr. Von Laura. Aber wie sie wieder zurückgewinnen? Und warum überhaupt? Ist es das denn wert? Und die wichtigste Frage überhaupt: Ist Ian (oder Ray) besser im Bett als Rob? Selbstzweifel. Panik. Das Gefühl, das das doch nicht alles sein kann. Rob scheint verloren. Doch dann stirbt der Vater von Laura und alles wird anders.

Look at all the things that can go wrong for a men. There’s the nothing-happening-at-all-problem, the too-much-happening-too-soon-problem, the dismal-droop-after-a-promising-beginning-problem; there’s the-size-doesn’t-matter-except-in-my-case-problem, the failing-to-deliver-the-goods-problem … and what do women have to worry about? A handful of cellulite? Join the club!

Er ist schon arm dran, unser Protagonist des Buches „High Fidelity“. Da ist man 35 Jahre, unverheiratet, ohne Kinder, hat einen Plattenladen, dessen einziger Kunde ein Penner ist, der sowieso kein Geld hat. Dazu zwei zu bezahlende Angestellte, die nebenbei so gut wie die einzigen Freunde sind. Lebt in einer Wohnung, die zu neunzig Prozent nur aus Platten besteht. Stellt zu jeder denkbaren Gelegenheit die Top 5 von irgendwas auf und verliert die einzige Frau, die man wohl jemals wirklich so richtig geliebt hat. Klingt schrecklich und verzweifelt? Irgendwie schon. Aber Nick Hornby lässt unseren Protagonisten derart cool rüberkommen, das man glauben könnte, das kratzt Rob alles nicht im geringsten. Hauptsache er hat seine Musik und ist damit glücklich. Doch hinter der coolen Oberfläche verbirgt sich ein gebrochenes Herz, das nur die eine Frau wieder kitten kann: Laura. Das merkt Rob auch recht schnell, stellt sich dann jedoch ziemlich dämlich an, um sie wieder für sich zurück zu gewinnen. Da muss erst der Tod Einzug halten, bevor er endlich begreift, wie unsinnig und ziellos er doch durch sein Leben treibt. Wie viel Angst er hat, sich zu binden und so zu werden, wie fast alle seiner Verflossenen: sesshaft, verheiratet, mit Kindern und selbstzufrieden. Zumindest selbstzufrieden. Ja, das will er sein.

Nick Hornby schreibt unbefangen, so richtig schön frei von der Leber weg. Er lässt Rob die Geschichte erzählen, was ungemein wirkungsvoll auf den Leser erscheint, da man ständig an allen Gedanken von Rob beteiligt ist. Und die sind oft dermassen ironisch, mitunter sarkastisch, sehr oft einfach nur zum Schreien komisch und doch immer wieder sehr nachdenklich. Man wird zwangsläufig zu Rob. Dabei ist es gleich, ob der Leser männlich oder weiblich ist, obwohl „High Fidelity“ gerade auf die werte Männerwelt abzielt. Es ist unmöglich diesen Rob, den Charakter, den Menschen, nicht zu lieben und ihm nicht aufmerksam und gebannt auf jeder Seite zu folgen, um schließlich auf das obligatorische Happy End zu zu steuern. Das dann zweifellos auch kommt, aber – und das ist vielleicht der einzige Kritikpunkt am ansonsten genialen Buch – viel zu sehr in die Länge gezogen wird.

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Wer Musik liebt, muss dieses Buch lesen. Wer die Liebe und auch den ab und an damit einhergehenden Schmerz kennt, muss dieses Buch lesen. Wer beides miteinander verbinden kann (auf welche Art auch immer), muss dieses Buch lesen. Wer auf ein Happy End steht, muss dieses Buch lesen. Somit bleiben wohl nur noch sehr wenige übrig, für die der Roman „High Fidelity“ von Nick Hornby so rein gar nichts ist. Doch selbst diese kleine Minderheit wird irgendwann mal in Kontakt kommen mit Rob Fleming und dann über die Musik nachdenken. Oder über die Liebe. Oder über das Leben. Oder zumindest über die eigene Top 5 der besten Songs ever. Die bei mir aus folgenden Stücken besteht:

„Zombie“ von den Cranberries, „Music“ von John Miles, Nirvanas „Where did you sleep last night?“, John Lennons „Imagine“ und „That I would be good“ von Alanis Morissette.

Vielleicht aber auch ganz anders. Oder, wie Rob Fleming es ausdrücken würde:

Can I go home and work it out and let you know? In a week or so?

Happy Anniversary „High Fidelity“!

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Happy Anniversary widmet sich in loser Folge einem musikalischen, literarischen, filmischen oder sonstigem medialen Werk, das bereits mindestens 20 Jahre alt ist und sich eine Honorierung in Worten aufgrund individueller, nostalgischer oder historischer Umstände verdient hat.

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13 Antworten zu Happy Anniversary: „High Fidelity“ – Nick Hornby (1995)

  1. bullion schreibt:

    Ich kenne nur den Film, aber den finde ich großartig! 🙂

  2. friedlvongrimm schreibt:

    Ich bin auch Rob, glaube ich. Und ich hätte gern auch einen Plattenladen, wo ich die Kunden ständig zurechtweisen würde, wenn sie Liam besser als Noel finden. Oder so.

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