(R) Wenn du weißt, was du weißt, dann weißt du, was du weißt.

Da sitzt dieses junge Mädchen mit ihrem altmodischen, braunen, vergilbten Koffer irgendwo mitten in der Fußgängerpassage und wartet. Schaut mal diese vorbei hetzende Frau an, dreht sich nach jener desinteressiert wirkenden Dame um. Und wird von einer anderen, ein wenig unschlüssig und vorsichtig agierenden Person aus der Ferne beobachtet. Diese Frau ist Iris (Julia Richter). Das wartende Mädchen ist ihre Tochter Katie (Alice Dwyer). Beide haben sich seit Jahren nicht gesehen, weil die Tochter bei der Oma aufgewachsen ist. Doch die ist gestorben und Iris muss sich nun ihrer Pflicht als Mutter stellen. Ob sie das will oder nicht.

„Was ist da drin? Steine?“

Die Annäherung von Mutter und Tochter ist holprig. Katie, geprägt durch die Geschichten ihrer Oma, misstraut Iris. Beobachtet sie argwöhnisch. Zeigt keinerlei Tendenzen, sich den neuen ungewohnten Umständen anzupassen. Ebenso kühl und distanziert agiert aber auch Iris, die nicht so recht weiß, was sie mit ihrer Tochter anfangen soll. Weil sie das schon immer nicht wußte. Ein Mutter-Tochter-Gespann ist dies nicht gerade, sondern eher zwei so gut wie fremde Menschen, die irgendwie nebeneinander und miteinander klar kommen wollen. Was bei der Lebensweise von Iris allerdings schnell zu Kollisionen führt, denn sie scheint nicht das zu sein, was sie vorgibt. Katie merkt recht schnell, das ihre Mutter ihr Geld nicht in der Modebranche verdient, sondern als Taschendiebin. Aber darin ist sie eine Meisterin. Und ihre Tochter zeigt das erste Mal Interesse an dem Leben der Mutter. Katie ist fasziniert von der Idee ebenfalls der Berufung zu folgen. Auch weil das Wissen darum ein erster gemeinsamer Aspekt zwischen Mutter und Tochter ist. Und somit die Möglichkeit für Katie ihre Mutter Iris auf diese Weise näher kennen zu lernen. Das diebische Spiel beginnt.

Was ich von ihr weiß wartet mit einer interessanten Grundidee auf. Die Entwicklung der Charaktere über das illegale Milieu der Taschendiebe klingt innovativ und nicht nach Schema F. Die Mutter-Tochter-Beziehung und die damit einhergehenden Konflikte aufgrund der jahrelangen Abstinenz beider bieten in dieser Szenerie neue, ungewohnte Möglichkeiten der Charakterformung. Das grundsätzliche Konzept stimmt, nur leider verliert die Regisseurin Maren-Kea Freese diesen Ansatz sehr schnell aus den Augen und erzählt dann doch die einfache Läuterung der Mutterfigur durch das kurzzeitige rebellenhafte Auftreten der Tochterfigur. Der Aha-Effekt beider Protagonisten kommt so abrupt und endgültig, das es in gewisser Weise unglaubwürdig wirkt. Trotzdem entwickelt Was ich von ihr weiß einen Drive, dem sich der geneigte Zuschauer nicht entziehen kann. Dazu trägt auch die nur sporadisch, aber gezielt eingesetzte Musik ihr Scherflein bei. Insbesondere die Szenen von Iris bei der ‚Arbeit‘ sind virtuos geschnitten und umgesetzt. Das Schauspiel von Julia Richter darf als nüchtern bezeichnet werden, ähnlich auf Distanz gehend wie ihr Charakter im Film. Den wandlungsfähigeren Part hat Alice Dwyer, die Katie wunderbar lebensecht darstellt und mit einem unbeschwert beschwingtem Auftreten die Szenerien dominiert. Das kann gefallen und tut es auch.

Atmosphäre schafft der Film aber besonders durch die visuelle Umsetzung. Verantwortlich zeichnet sich dafür Kameramann Michael Wiesweg, dessen Handschrift hier eindeutig erkennbar ist. Was ich von ihr weiß ist der dritte Film, den ich gesehen habe, der durch Wieswegs Bilder geprägt ist. Zuerst positiv aufgefallen ist mir sein Stil bei der Borderline-Symphonie „Allein“ mit der alles überragenden Lavinia Wilson in der Hauptrolle. Wenig später bestimmten seine Bilder meiner Stadt Halle das Leben der blinden Cellistin Lina (dargestellt von der großartigen Katharina Schüttler) in dem zauberhaften kleinen Film „Ganz nah bei dir“. Wiesweg gelingt vor allem in den Nachtaufnahmen eine wundervolle Stimmung. Die Hell-Dunkel-Effekte und die weichen Bilder sind toll anzuschauen. Er versteht es ungemein gut die Protagonisten trotz dunkler Umgebung und vorwiegend nur unter Verwendung natürlicher Lichtquellen perfekt in Szene zu setzen. Die dabei entstandenen Bilder werten den ansonsten dann doch konventioneller als gedacht erzählten Film auf. Visuell kann Was ich von ihr weiß überzeugen. Die im Endeffekt doppelte Coming-of-Age Geschichte (nicht nur die Tochter, sondern auch die Mutter findet zu sich selbst) fängt mit dem illegal verorteten Setting gut an, versteift sich aber allzu schnell auf eine zu vorhersehbare Entwicklung der Charaktere. Da wäre durchaus mehr drin gewesen als nur ein paar Euro in der gestohlenen Geldbörse, hätte sich die Regisseurin Maren-Kea Freese doch einfach nur etwas mehr Rebellion zugetraut.

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

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