If I gave you my number…

Was macht er denn da? Was soll das? Unglaublich. Er gibt mich einfach so weiter. An diese Frau, die er gerade erst kennen gelernt hat. Ist das zu fassen? Und jetzt? Sie lächelt ihn an. Sie steckt mich ein. In diese dunkle Tasche. Mit diesen tausenden, kleinen, durcheinander gewirbelten Utensilien. Wozu braucht man denn bitte schön all diese, irgendwie doch ziemlich unwichtig erscheinenden – zumindest aus meiner Sicht – Dinge? Unfassbar. Man stelle sich nur mal vor ich hätte Angst in der Dunkelheit. Nicht auszudenken. So ist es dann zwar nur sehr unbequem und auch ein wenig wie auf hoher See, auf einem wankenden und schunkelnden Schiff. Wobei diese Assoziation jetzt meiner unbegrenzten Fantasie entspringt, denn ich war bisher weder auf einem Schiff, geschweige denn auf hoher See. Aber genau so stelle ich mir das vor. Und genau so ist es in dieser Tasche. In dieser Tasche dieser Frau, die mich einfach so mitnimmt. Wohin auch immer. Ich hoffe, er weiß, was er da tut. 

***

„Er hat mir seine neue Nummer gegeben.“ Ja, das hat er! „Wo hast du ihn denn getroffen?“ „Das war Zufall. Obwohl. Du würdest sagen: Man trifft sich immer zweimal im Leben um dann gleichzeitig auf das Schicksal zu verweisen.“ „Und? Wirst du ihn anrufen?“ Na, das hoffe ich doch. Ansonsten war ja die ganze Tortur auf dem Weg vom Discounter bis zur Wohnung dieser Frau völlig umsonst. Gäbe es ein Recht auf eine, wie auch immer geartete, Freiheit für alle Telefonnummern dieser Welt, ich würde darauf plädieren. Sofort! „Ich weiß es nicht. Es ist viel Zeit vergangen seit damals. Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich so gut für mich wäre, wieder auf ihn zu zu gehen.“ „Hmmm, wahrscheinlich hast du recht. Nach allem, was geschehen ist, ist ein erneuter Kontakt wohl eher kontraproduktiv.“ Kontraproduktiv? Das einzig kontraproduktive ist mein steter Verbleib in diesem schwarzen Taschenverlies. Wenigstens ist sie geöffnet. Erstickungsgefahr besteht also nur noch bedingt. Zumindest so lange, wie diese bedrohlich große, ständig auf Kippe stehende Taschentuch-Packung nicht von ihrem, anscheinend in harter Arbeit eroberten, angestammten Platz herunterfällt. Gefährlich. Sehr gefährlich. 

***

Boah. Nervig! Dieser kleine Mensch, der hier ständig durch die Wohnung rennt, hat ein ziemlich lautes Organ. Er will Cornflakes. Dieser kleine Schreihals. Aber bitte schön sofort. Es geht wieder los. Achtung! Sturmgefahr. Die Frau öffnet den Kühlschrank. Festhalten! Puh. Glück gehabt. Sie hat die Milch aus ihrer kalten Zelle befreit und für das schreiende Bündel einen gehörigen Anteil in die Cornflakes gekippt. Da gibt er dann hoffentlich gleich Ruhe. Wird ja auch Zeit. Auf Dauer ist dieses Geniggele und Genörgele ja nicht zu ertragen. Wahrlich nicht. Besonders schlimm ist es ja, weil ich hier, so direkt an den Kühlschrank gepappt, natürlich genau in der Kleinkind-Einflug-Schneise hänge. Leider. Na ja. Immerhin wurde ich aus der Kammer des Schreckens befreit. (Dieser alte, verrunzelte Einkaufszettel, der in der Tasche wahrscheinlich schon seit Jahren tiefe Wurzeln geschlagen hatte, war definitiv nicht länger auszuhalten. Dieses ständige nichts sagende Herumphilosophieren. Bäh. Unangenehm.) Nichtsahnend stolperte ich jedoch in eine neue Gefahr: das kleine menschliche Nervenbündel. Aber hey! Ich bleibe standhaft. Obwohl ich nur rumhänge. Der schnippselt mich sicher nicht so schnell klein. Der Zwergmensch scheint sich aber glücklicherweise eh nicht wirklich für mich zu interessieren. Die Frau allerdings auch nicht. So sieht es zumindest aus. Sie hat zwar vor mich in großen, unübersehbaren Buchstaben den Namen TIM geschrieben, aber gleichzeitig hinter mich auch ein dickes, fettes, sehr rätselhaftes Fragezeichen platziert. Ich bin sozusagen eingekesselt. Keine Chance auf Flucht. So viel zum Thema Freiheit den Telefonnummern. Hätte ich mir ja denken können. Alles viel zu aufregend, was hier so passiert. 

***

„Du solltest ihn anrufen. Vielleicht hat er sich ja wirklich geändert. Ich finde schon, das jeder eine zweite Chance verdient hat. Sogar Tim.“ „Ja, aber Mutter. Was glaubst du, wie er reagiert, wenn er von Jonas erfährt? Ich habe keine Ahnung, wie ich ihm das plausibel erklären soll.“ Jonas. Der kleine Cornflakes-Schreihals. Sowas kann man nicht erklären. Ich persönlich, als eine unwichtige, unbeachtete, bereits mehrmals fast auf dem Weg in den neben dem Kühlschrank stehenden Mülleimer verfrachtete Telefonnummer, bin ja für eine zeitnahe Klärung dieser Angelegenheit. Auch aus Eigeninteresse. Warum auch sonst? Diese Menschen können aber auch immer kompliziert sein. „Okay. Ich gebe ihm eine Chance. Mal sehen, was dabei rumkommt.“ „Wird schon schiefgehen.“ Sag ich ja. Meine Rede.

***

Hah! Sie greift nach mir! Endlich. Wurde aber auch Zeit. Jetzt geht’s los. Ich freu mich. „Tim? – Ich bin es. – Mel. – Bock auf nen Kaffee? – Wir haben uns sicher einiges zu erzählen.“…

Inspiriert von diesem Lied:

Und dieser Zeile:

„If I gave you my number would it still be the same. If I saved you from drowning, promise me you’ll never go away.“

Mehr musikalische Inspiration gibt es hier:

Wenn Worte wenig wirken…

It’s the end of the world…

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