Die Gedanken sind frei.

„…der Enkel, dessen Lebens-Mittelpunkt mittlerweile in der Stadt Halle ist.“

Das sagte der Trauerredner bei der Beerdigung meiner Anfang des Jahres verstorbenen Großmutter. Der Moment, in dem einem ein völlig fremder Mensch in einem Nebensatz bewusst werden lässt, wie der status quo des eigenen Lebens aussieht. Selbstreflexiv auf die persönliche Situation zu blicken – mit Adleraugen, aus luftiger vom Körper losgelöster Höhe – ist nicht einfach. Tendenziell ist das Selbstbildnis immer ein wenig verzerrt. Durchtränkt mit ‚könnte so sein, ist aber nicht so‘ – Gedanken. Lebens-Mittelpunkt. Was genau bedeutet das? Und was macht das mit einem selbst und dem eigenen Selbst? Heißt Mittelpunkt angekommen zu sein? Wenn ja, wo? In einem bestimmten Ort? Einer Lebensphase? Einem Selbstverständnis?

Wenn ich tatsächlich einmal versuche die Rolle des Adlers zu übernehmen, um auf diesen gerade expliziten und aktuellen Punkt in meinem Leben zu blicken, zeigt sich folgendes Bild: Ja, mein Leben ist fixiert in dieser – meiner – Stadt. Ich lebe gern hier. Weil ich das Umfeld mag. Weil die Menschen hier einen zwar eigenwilligen, aber nicht zu verleugnenden Charme haben. Weil die Stadt nicht zu unpersönlich groß ist und dennoch genug anonymen Freiraum zur persönlichen Entfaltung lässt. Ich bin nach zehn Jahren hier angekommen. An einem für mich geeigneten Ort. Das kann man so sagen.

Aus einem vertrauensvollen Umfeld heraus lässt sich das eigene Leben auch unbeschwerter, aber trotzdem zielführender gestalten. Ich weiß, was ich hab. Ich weiß, was ich (noch) brauche. Ich weiß, was ich will.

Das war in der Vergangenheit nicht immer so. Selbstfindung ist das Phänomen der Jugend, sagt man. Aber wer definiert Jugend? Und warum muss das Finden zu sich Selbst an Jugend gekoppelt sein? Selbstfindung ist auch Experiment, Neugier, Abenteuerlust, Spontanität, aufmerksames Interesse. Sind dies nur Attribute, die man einer wie auch immer alterskohortenmäßig abgesteckten Jugend zuschreiben darf (zuschreiben muss)? Trauen wir den ‚Alten‘ solch Attribute nicht zu? Heißt Lebens-Mittelpunkt auch das Ende der Selbstfindung?

Ich weiß, das ich das nicht will.

Ich will auch weiterhin dem Pfad des Lebens folgen, der mir die meiste Freude bringt. Mir. Niemand anders. Ungeachtet jedweder sich darauf befindlichen Hindernisse.

Wenn das heißt auf konservative Ideale (die diese Gesellschaft noch immer als das Nonplusultra verstehen will) zu verzichten oder sie doch zumindest aufzuweichen, dann soll dies so sein. Das eigene Leben so zu leben wie man es selbst für richtig (und vor allem wichtig) hält, hat oberste Priorität. Ich bin noch (lange) nicht in einer Lebensphase, die sich um einen bestimmten Mittelpunkt gesammelt hat. Es gibt noch viel zu viel zu sehen, zu erleben, zu spüren, zu schreiben. Gedanken (wie diese), die zu Papier gebracht werden müssen. Die sich nur dann manifestieren, wenn sie vor einem sichtbar sind. In Sätzen. In Worten.

Aber auch in Gesten. Von Menschen, die zum eigenen Leben gehören. Die man nicht missen will. Weil sie auch einen – mal kleineren, mal größeren – Teil des eigenen Horizonts des bisherigen Lebens begleitet haben. Weil sie in diesem Kreis mit diesem ominösen Mittelpunkt verankert sind. Jedem Sturm trotzen. Und immer auch kleine Teile des eigenen Selbst bilden. Gerade weil sie da waren und noch sind. Und hoffentlich noch lange sein werden. Meine Großmutter war auch einer dieser Menschen. Ihr Lebens-Mittelpunkt war ihr Heimatdorf, das sie nie verlassen hat. Mein Heimatdorf. Wo ich aufgewachsen bin. Wo ich in dieses – mein Leben – reingeworfen wurde (so ganz ohne Vorwarnung). Das mich auch ein Stück weit geformt und geprägt hat. Das in Gedanken immer bei mir ist. Das aber nicht mehr den Mittelpunkt meines jetzigen Lebens bildet. Und das ist auch gut so…

„Nicht der Mensch hat am meisten gelebt, welcher die höchsten Jahre zählt, sondern derjenige, welcher sein Leben am meisten empfunden hat.“

Jean-Jacques Rousseau

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2 Antworten zu Die Gedanken sind frei.

  1. kaetheknobloch schreibt:

    Ich weiß nicht, wie des Adlers Blickfeld sich darstellt, aber der Lebensmittelpunkt ist vielleicht kein starrer Punkt, sondern ein eruptierender, mäanderner sogar. Klar hat man einen aktuellen Standort, doch den interessiert das Herz ja recht wenig. Ich weiß um viele meiner Heimaten, die derzeitige dürfte gerne meine immerige bleiben, doch wer weiß, was noch passiert…
    Mein Mitgefühl zum Tod ihrer Oma, meine ist schon viele Jahre weg aus dieser Welt und doch immer noch bei mir.
    Friedliche Pfingstgrüße aus dem Garten vom Haus am Ende des Weges, Ihre Frau Knobloch.

  2. Stepnwolf schreibt:

    Geruhsame Pfingstgrüße zurück zum Haus am Ende des Weges und danke für das werte Mitgefühl.
    Ja, nicht nur die Gedanken sind frei, auch das Herz ist ständig auf Wanderschaft oder (um im Adlerterritorium zu verweilen) auf Flugschau. Es ist vielleicht auch ganz gut, wenn man einen Lebensmittelpunkt hat, zu dem immer ein Weg zurück führt, der Geborgenheit und Wärme schenkt. In dem sich das eruptierende (was für ein schönes Wort!) Herz wohl fühlt. Es heißt ja nicht umsonst: Home is where the Heart is. 🙂

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