Brave New World

Sie streifte durch den Wald, der in seinen bunten Herbstfarben noch um einiges schöner aussah, als sie ihn aus ihrer Kindheit in Erinnerung hatte. Die hohen Eichen, die so alt und verlebt aussahen, wie die Narben und Falten im Gesicht ihrer Großmutter. Und doch noch viel älter waren. Majestätisch schwangen sie sich auf, ragten in die Höhe und wollten den Himmel erreichen. Einen Himmel, der ihr an diesem sonnigen Spätherbsttag in hellen, leuchtenden Blautönen, nur von einzelnen, verloren aussehenden Wölkchen durchzogen, entgegen strahlte. Auf der Waldlichtung beherrschten die Nadelbäume die Szenerie. Mischwald in all seiner Pracht bestimmte zeitlebens ihre Heimat. Doch so schön und anmutig diese Wälder und die Berge ringsum auch waren, es zog sie weiter. Weiter gen Norden. Von den wenig belebten Dörfern in die alten traditionsreichen, seit Jahrhunderten existierenden Städte. Das urbane, geschäftige Leben vor Augen. Die brennend heißen Pflastersteine unter den Füssen. Den Lärm der Autos und Straßenbahnen in den Ohren. Den Geruch von Abgasen an der einen und den Geschmack von Essen an der anderen Ecke. Die Städte ihrer Heimat erschienen ihr immer groß. Weltoffen. Bevölkert von glücklichen Menschen, die den kosmopolitischen Atem der ganzen Welt aufsogen und wieder in die kleinste, abgelegene Region ihrer Heimat ausstrahlten. Bevölkert von intelligenten und toleranten Menschen, die den globalen Hauch einfingen und wieder in die kleinste, abgelegene Region ihrer Heimat, ja, sogar bis in den Wald ihrer Kindheit, ausströmten. Dieser Gedanke gefiel ihr, weil er offenbarte, dass ihre Heimat den erlittenen Schmerz und die beizeiten unerträgliche Last der Vergangenheit überwunden hatte. Daraus gelernt hatte. Und auferstanden aus den Ruinen umso heller glänzte. Friedlich und auch ein wenig selbstzufrieden.

Es zog sie weiter Richtung Norden, vorbei an Wiesen voller Blumen und Feldern mit goldenem Weizen. Der Reichtum ihrer Heimat waren nicht nur die technologischen Ideen, sondern auch diese Wiesen und Felder. Diese glasklaren Seen. Diese Flüsse, die sich ihren Weg von den Bergen des Südens bis an die Meere des Nordens suchten. Hindurch schlängelten. Bis zu ihrem Ziel. Das Meer lag vor ihr. Die nördliche Grenze ihrer Heimat, nur noch von einzelnen Inseln durchzogen. Sie streifte am Strand entlang. Lauschte den Wellen, die hart an die Klippen des Ufers brandeten und sanft auseinander stoben. Grub ihre nackten Füsse in den Sand, der noch ein wenig warm war von den letzten Sonnenstrahlen des Abends. Lauschte den Möwen, die schreiend ihren Singsang über die Dünen trugen. Ja, hier ließ es sich leben. In diesem Land. Ihrem Land. Ihrer Heimat. Hier konnte man alt werden und irgendwann glücklich sterben. Ihr Blick wanderte zum Horizont, wo die Sonne im Meer versank und dabei in einem übernatürlich feurigem Rot das Wasser bemalte. Damit verschmolz. Surreal. Sie schloss kurz die Augen, um die vagen, verschwommenen Bilder wieder zu sortieren. Sie öffnete die Augen.

Sie war umgeben von Feuer. Der alte Leuchtturm hatte all seine stolze Pracht verloren und fiel in sich zusammen. Die Wiesen und Felder waren nurmehr schwarz und verrottet. Rauchschwaden durchzogen den Himmel, der dunkel und grau erschien. Die Städte waren Ruinen. Brennende Häuserfronten. Qualmende Steinhaufen. Der geschäftige Lärm der Stadt war dem staccatohaften Geräusch von Schüssen gewichen. Das Brummen der Autos und das Rumpeln der Straßenbahnen wurde abgelöst von dröhnenden Kettenfahrzeugen und dem trampelnden Marsch von Soldaten. Die hohe Eiche im Wald ihrer Kindheit war nur noch ein Stumpf. Verkohlt und ausgebrannt. Ausgebrannt wie die Gesichter der Menschen dieser Heimat. Ihrer Heimat. Der einzigen Heimat, die sie je hatte. In der sie aber nicht länger bleiben konnte. Sonst würde sie sterben. Früher als gedacht und bei Weitem nicht so glücklich. Sie folgte dem Ruf nach Ruhe. Nach Sicherheit. Nach Frieden. Nach einem kleinen bisschen Verschnaufpause in diesem ganzen Chaos ihrer untergehenden Heimat. Sie folgte dem Ruf.

„Mandy?“ Ihr war schwummerig vor Augen. „Mandy?“ Langsam drehte sie sich um. Der Boden war hart und kalt in diesem Zugabteil. Aber nach so vielen Tagen auf der Flucht ohne wirkliche Pause konnte sie selbst darauf schlafen. „Wir sind gleich da.“ Rene packte die paar übrig gebliebenen Habseligkeiten zusammen, rollte die Decke ein und half seiner schwangeren Frau auf die Beine. „Endlich.“, seufzte Mandy, bewegte die steifen Beine und nahm die Decke unter den Arm. Sie schaute aus dem Fenster des Zuges und erinnerte sich an den Traum. An den ersten Teil. Den schönen und guten. Aus längst vergangenen Tagen. Ihre Gedanke waren bei ihrer Großmutter, die zurück geblieben war in ihrer alten Heimat, weil sie den langen und strapaziösen Weg in das friedliche Land, den jetzigen Endpunkt ihrer Reise, nicht mehr auf sich nehmen konnte. „Hoffentlich geht es Großmutter gut.“ Die Landschaft draussen zog langsam an ihr vorbei. Ruhig und beruhigend. Freundlich und friedlich sah es aus. „Sie schafft es. Deine Oma ist eine starke Frau. Die hat schon ganz andere Krisen gemeistert.“ Mandy dachte an den Traum zurück. An den zweiten Teil. Den hässlichen und schlechten und war sich nicht ganz so sicher. Der Zug wurde langsamer. Sie warf einen letzten Blick aus dem Fenster und erblickte im Augenwinkel das Schild.

„Welcome to Syria.“ Darunter hatte jemand in großen Lettern einen Satz geschrieben, eingerahmt von einem Smilie: „Refugees are welcome.“Blogger für Flüchtlinge#bloggerfuerfluechtlinge  #mundaufmachen  #refugeeswelcome

Alle Menschen sind Ausländer. Fast überall.

Alle Flüchtlinge sind Menschen. Überall!

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2 Antworten zu Brave New World

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