(R) Berlin – (Tag und) Nacht

Dumpfes Wummern und Grollen ist zu vernehmen. Noch ist der Bildschirm einfach nur schwarz. Wie die Nacht, in der dieser Film beginnt. Und dann sehen wir nur verschwommen und schemenhaft die Körper sich tanzend bewegender Menschen in einem schummrigen, mit Nebelschwaden durchzogenen Nachtclub irgendwo in Berlin. Jeder für sich allein, abwesend, wie in Trance der Musik verfallen. Mittendrin die Protagonistin der kommenden 140 Minuten Parforceritt durch einen Film, der in seiner Art so wohl noch niemals zuvor auch nur ansatzweise verwirklicht gesehen wurde. Zumindest nicht in derartiger Intensität und perfekter Laienhaftigkeit (Ja, ich meine es genau so, wie ich es sage.) und mit solch berauschend-rauschenden Bildern der Berliner Atmosphäre in den frühen Morgenstunden kurz vor und kurz nach Sonnenaufgang.

Die Handlung ist schnell erzählt: Die Spanierin Victoria (eine bezaubernd natürliche Laia Costa) trifft auf vier Berliner Jungs, die gerade auf Sauftour aufgrund des Geburtstages von einem der vier sind. Unter ihnen ist Sonne (Frederick Lau als Berliner Urgestein passt hier perfekt in die Rolle), der heimliche Anführer der Truppe. Victoria zieht mit ihnen feiernd durch die Nacht bis sich das Blatt wendet. Die Jungs haben noch einen Job zu erledigen und der ist gefährlich – ein Banküberfall. Victoria wird unverhofft in den Strudel der Ereignisse hineingezogen. Zuerst zögerlich, dann aber mit Nachdruck, hilft sie bei dieser Aktion, ohne zu ahnen, was für ein Ende es nehmen wird.

„Victoria“ ist Sebastian Schippers vierter Film. Sein Debüt gab er mit einem der besten neueren deutschen Filme namens „Absolute Giganten“ kurz vor der Jahrtausendwende. Schon damals verstand er, die Atmosphäre und die Lebensumstände einer Gruppe junger Leute nah und natürlich einzufangen. „Absolute Giganten“ war – und hier darf man ein solch stupides Wortspiel durchaus anwenden – absolut gigantisch. Er blieb nachhaltig in Erinnerung. „Victoria“ vergisst man auch nicht so schnell! Aus ähnlichen Gründen, aber auch aus ganz anderen.

Ähnlich ist der Grundton der Geschichte: Mag das Setting auch verschoben sein, so sind die handelnden Personen doch auch in einer Phase zwischen ‚wo komm ich her, wo will ich hin und wie gelingt mir dies am besten‘. Laia Costa als Victoria spielt überzeugend die einsame, verloren erscheinende junge Frau, die nach drei Monaten in der Großstadt Berlin noch immer keinen Zugang zu deren Bewohner gefunden hat. Die originalen Berliner Jungs scheinen zwar in ihrer Umgebung verortet zu sein, sind aber ebenso verloren in der Sinnsuche des Lebens. Je größer die Stadt, desto anonymer die Menschen. Nähe, Wärme und Geborgenheit reduzieren sich auf wenige Personen. Die Suche nach einem Platz in der Welt, an der Seite einer Person dieser Welt bestimmt das Handeln vor allem von Victoria. Dafür nimmt sie auch extreme und im Verlauf immer gefährlichere Aktionen auf sich.

Anders ist der filmisch umgesetzte Stil der Geschichte. Und damit sind wir bei dem Parforceritt, dem sich vor allem Kameramann Sturla Brandth Grøvlen voll und ganz hingibt. „Victoria“ ist ohne einen einzigen Filmschnitt gedreht. Regisseur Schipper rief am Anfang ‚Action‘ und 140 Minuten später dann ‚Cut‘. Filmische Szenen ohne Schnitt sind natürlich nicht neu. Von Beginn an dachten Filmemacher über die Möglichkeit ungeschnittener Darstellungen von Handlungen nach. Plansequenzen sind derlei Anwendungen. Doch die technische Beschränkung setzte dem Anliegen in der Vergangenheit immer Grenzen. So ist Hitchcocks „Cocktail für eine Leiche“ zwar im Endeffekt mit genau jener Intention des ungeschnittenen Films entstanden, aufgrund der Aufnahmekapazität des damaligen Filmmaterials musste er jedoch (allerdings sehr raffiniert gesetzte) Filmschnitte vornehmen. Längere Plansequenzen waren zusätzlich auch meist an einen bestimmten Handlungsort gebunden. „Victoria“ durchbricht diese Fixierung auf einen eingegrenzten filmischen Rahmen. Sturla Brandth Grøvlen folgt den Protagonisten durch Berlin. Immer nah dran (was ungeahnt dokumentarische Bilder schafft) und doch zusätzlich mit dem Auge für das große Ganze drumrum.

Und hier ist der Punkt, an dem ich mich einmal kurz tief verneige und ‚Chapeau‘ rufen möchte. Die Bilder sind nie gleich. Trotz der ständigen Bewegung und Intensität gelingt es Sturla Brandth Grøvlen Stimmungen, Situationen und Aktionen jeweils unterschiedlich einzufangen, durch Lichteffekte, einer wechselnden Perspektive, einer ruhigen Kameraführung, die aber ebenso schnell wieder in hektische Betriebsamkeit verfallen kann und Farbkombinationen, die die emotionale Ebene gekonnt unterstützen. Dabei entstehen einprägsame, fotografische Momente mit kraftvoller Wirkung auf den Zuschauer. Man wird förmlich hineingesogen in die Handlung. Durch das Auge der Kamera wird der Zuschauer zum stillen Mitläufer der Gruppe. Zum Beobachter. Zum Mittäter. Zum Mitleidenden. Mitgefangen, mitgehangen. Aber bei „Victoria“ gibt man sich dem gern hin – ungewollt, doch dann auch offensiv und bewusst. Womit wir am Ende auf einer Stufe mit unserer Protagonistin stehen und den Film als Verbündete und Mitwisser verlassen. Noch einmal: Hut ab und Applaus für diese bemerkenswerten Bilder von Berlin bei Nacht und Tag!

Bei all der Begeisterung für die Bilderwelten in „Victoria“ soll die musikalische Untermalung nicht vergessen werden. DJ Koze zu Beginn wird danach sehr schnell abgelöst durch sphärische Pianoklänge, die eine melancholische Grundstimmung heraufbeschwören, im Hintergrund verschwinden und dennoch in den entscheidenen Augenblicken stark und fordernd hervorbrechen. Die Musik ordnet sich den Bildern unter, gibt ihnen aber trotzdem eine immense emotionale zusätzliche Komponente, gerade aufgrund dieser nur unterschwelligen Wahrnehmung. Die Symbiose gelingt hier perfekt. Nils Frahm fängt die Stimmung der handelnden Personen, der gezeigten Aktionen und insbesondere die Stimmung Berlins in der morgendlichen Dämmerung mit seinen ruhigen Klangwelten gekonnt ein.

Es ist auch diese Symphonie der Großstadt, die „Victoria“ zu dem Filmerlebnis macht, das es im Endeffekt ist. Ein Erlebnis, an dem ich aufgrund glücklicher Umstände tatsächlich noch auf der großen Leinwand teilhaben konnte. Ein Erlebnis, das ich jedem gern uneingeschränkt ans Herz legen möchte, auch weil ich weiß, das es der deutsche Film immer wieder schwer hat in einer Welt, die durch Marvel, Pixar und Co. assimiliert wird. „Victoria“ ist intensiv, nah, unmittelbar, emotional, spannend und nicht zuletzt in seiner Entstehung ein einmaliges, rundum gelungenes, filmisches Experiment. Don’t miss it.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Erde, Mensch abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu (R) Berlin – (Tag und) Nacht

  1. bullion schreibt:

    Schipper kann es halt einfach. Vielleicht nach seinem „Absolute Giganten“ ein zweiter möglicher Liebesfilm aus Deutschland. Bin gespannt!

    • Stepnwolf schreibt:

      Der wird sicher zu einem deiner neuen Lieblingsfilme, weil er auch die Aura von „Absolute Giganten“ atmet. Bin auf deine Einschätzung nach der Sichtung gespannt. 🙂

  2. Pingback: Maximum Medium Overload Episode Four | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

  3. Pingback: Listige Listen 2015 – Ein mediales Resümee | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

  4. Pingback: Blogparade: My 100 greatest films of the 21st century … so far | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s