„Mein Name ist Guybrush Threepwood und ich will Pirat werden!“

Ein Gastbeitrag von Dres Inatra.

Hier handelt es sich nicht nur um eines der berühmtesten Zitate der PC-Spiele-Historie, sondern auch um den Leitsatz des Bühnenstücks Monkey Island. Die Kulturreederei Halle (Saale) transportiert die Abenteuer des jungen Piratenanwärters im zweiten Jahr vom Bildschirm auf die Bühne. Mit einem Lächeln denke ich an meinen Besuch im November 2014 zurück: clever wurde der spleenig-sympathischen Humor des digitalen Vorbilds mit viel Liebe zum Detail auf die Drehbühne gebracht.

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Doch halt! Was überhaupt ist Monkey Island und wie überhaupt kann die Adaption einer solchen Vorlage aussehen? Für die 3 Leute, die die letzten 25 Jahre unter einem Stein gelebt haben: „Monkey Island“ ist ein Computerspiel von Ron Gilbert und Tim Schafer aus dem Jahre 1990. In typischer PC-Abenteuer-Manier der frühen 90er wie „Maniac Mansion“ klickt sich der Spieler in der Rolle des Guybrush Threepwood durch ein buntes Karibik-Insel-Abenteuer um Schätze, Affen und Geisterpiraten. Der ganz normale Wahnsinn eines etwas tollpatschigen, aber durchweg sympathischen jungen Mannes also. 2011 wurde der Titel im Smithonian American Museum im Rahmen der Ausstellung „The Art of Video Games“ ausgestellt. Was neben dem stimmigen Soundtrack und der auf Entdeckung ausgelegten Spielewelt auch 25 Jahre immer noch überzeugt, ist der Humor. Das Coming-of-Age von Threepwood sprüht vor Wortwitz und aberwitzigen Einfällen. Mal tiefsinnig, mal völlig absurd – aber immer ein Volltreffer.

Diese Stärke macht sich nun auch das Ensemble der Kulturreederei zu Nutze. Im Interview betont Regisseur Martin Kreusch: „Wir denken Film und machen Theater. […] Es ist nicht möglich, sämtliche Irrungen und Wirrungen des Spiels an einem Theaterabend zu zeigen. Wir konzentrieren uns auf das Abenteuer, die aberwitzigen Dialoge, die verrückten Figuren und erschaffen eine wunderbare Piratenwelt.“ Die digitale Vorlage wird also wie ein Text genutzt, wie jede andere Literaturvorlage mit der in sich stimmigen Dramaturgie begriffen. Die Odysee Guybrushs werden durch die Schauspieler, häufig mit augenzwinkernden Verweis auf die PC-Herkunft, in die reale Welt getragen.

Dabei werden Aspekte des Spiels wie das Lösen von Rästseln und Finden des Weges durch die digitalen Inselwelten kondensiert. Was früher mitunter Stunden und eine gehörige Portion um-die-Ecke-Denken benötigte, wird dem Publikum hier in seiner Auflösung präsentiert. Der Karthasiseffekt einen kleinen Meilenstein auf einer langen Reise durch den Einsatz des eigenen Hirnschmalz erreicht zu haben, von dem ein Spiel unter anderem lebt, fällt somit weg. Die Identifikation des Spielers mit seinem Avatar auf dem Bildschirm wird auf den Hauptdarsteller Martin Sommer übertragen. Somit bleibt dem nun passiven Zuschauer Zeit, sich komplett auf den Humor der Vorlage einzulassen. Der Rollentausch funktioniert prächtig und lässt die Höhepunkte des Abenteuers Revue passieren, ich habe mich immer wieder an meine eigene Zeit als Guybrush Threepwood zurück erinnert.

Willkommen auf Meele Island

Als Exposition von Monkey Island dient die Ankunft unseres Protagonisten auf der Insel Melee Island und das Gespräch mit dem ansässigen Leuchtturmwärter: „Ich bin Guybrush Threepwood und will Pirat werden!“ Der kalkige Alte schickt den angehenden Helden in die kleine Hafenstadt der Insel. In der Scumm-Bar trifft Guybrush auf drei Piraten, die ihm drei Aufgaben zum Erlangen der Piratenlizenz erteilen: 1. Beim Schwertmeister trainieren 2. Den Schatz von Meele Island finden und 3. in das Anwesen des Governeurs einbrechen.

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Bereits hier wird die Spielfreude des Ensemble sichtbar. Wie im Spiel bewegen sich die Piraten in sich ständig wiederholdenden Posen an den Tischen, grölen und trinken Grog. Selbst der Pirat am Nebentisch, der bereits anno 1990 Werbung für das PC-Titel Loom machte, ist dabei. Quasi retrospektives product-placement. Der Name der Scumm-Bar steht dabei nicht für Abschaum (engl. scum), sondern verweist auf die Steuerung des ursprünglischen Monkey Island. Hinter Script Utilitiy for Maniac Mansion verbirgt sich die damals revolutionäre Idee, die Steuerung mittels Maus und Interaktion mit der direkten Spieleumwelt zu bewältigen – die Geburt der Point & Click-Adventures. Vor SCUMM wurde die Navigation durch Computerwelten und das Lösen von Aufgaben, mittels der Eingabe über Tastatur geregelt. „Betrete Pfad nach Norden im Wald“ ist dabei um einiges umständlicher als ein simpler Mausklick, oder? Zumal der Spieler den exakten vom Programmierer erdachten Satz eintippen musste, um voranzukommen.  Nach diesem kleinen Exkurs in die Vorzeit der Computergeschichte zurück zu unserem Piratenauszubildenden.

Das Training beim Schwertmeister setzt den Kauf eines Schwertes und Training voraus. In „Monkey Island“ wird der Schwertkampf aber eben auch mit scharfer Zunge geführt. So steht also erstmal eine kleine Inseltour an, um genügend rhetorisches Rüstzeug parat zu haben. Nach einigen Wortgefechten lässt selbst ein „Du kämpfst wie ein Bauer“ unseren Helden nicht mehr sprachlos zurück: die entwaffnende Atwort lautet „Wie passend, du kämpfst wie eine Kuh“. Auch der Weg zum Schwertmeister ist nicht ohne Komplikationen, führt er doch über eine Schlucht. Die wird mittels einer „menschlichen Kanonenkugel“-Einlage des örtlichen Zirkus überwunden. Klingt wie ein anachronistischer Bruch im Piraten-setting? Ist es auch, doch genau dieser häufig auch selbstreferentielle Humor machen Spiel und Theaterstück aus. So entpuppt sich auch die Bewältigung der Zweiten Piratenprüfung, das Auffinden des Schatzes von Melee Island, als Touristenfalle. Als Belohnung bleibt ein T-Shirt aus dem Souvenirshop.

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Hinter dir, ein dreiköpfiger Affe!

Und es wäre nicht Monkey Island, wenn auch die abschließende Prüfung nicht einen Twist hätte: im Gouverneursanwesen verliebt sich Guybrush in die Hausherrin Elaine Marley. Ausser Stottern kriegt er zwar nicht viel heraus, aber die erblühende Romanze dient als Triebfeder für den weiteren Verlauf der Geschichte. Der Geisterpirat LeChuck entführt Elaine nämlich auf die titelgebende Monkey Island. Der frischgebackene Pirat macht sich sofort auf zur Rettung seiner Angebetenen. Also schwatzt er dem Hafenmeister/Gebrauchtschiffshändler Stan ein Schiff ab und auch eine kleine Crew versammelt Captain Threepwood schnell um sich. Damit kann die Reise nach Monkey Island beginnen.

Auf halben Weg nach Monkey Island verliert sich das Schiff der kleinen Gruppe auf den Weiten der Karibik. Nun ist guter Rat teuer, zumal auch die Crew droht zu meutern … das Piratenleben hatte sich Guybrush deutlich entspannter vorgestellt. Vom Regen in die Traufe: Das Ziel der Schiffsreise vor Augen, doch nur scheinbar ist Monkey Island unbewohnt. Aus der Gefangenschaft von Kannibalen wird Guybrush von Herman Toothrot, einem gestrandeten Piraten, gerettet. Der war Crewmitglied der ersten Fahrt nach Monkey Island, mit der LeChuck vor Jahren das Herz der Gouvernante gewinnen wollte. Doch LeChuck verfiel dem Fluch der Insel und nistete sich mit seiner untoten Mannschaft im Herzen der Insel ein. Bis in das lavaüberströmte unterirdische Höhlensystem der Insel führt das Abenteuer. Ob Guybrush Threepwood seine Elaine retten kann, wie die Konfrontation mit dem Geisterpirat LeChuck ausgeht und welche Rolle dabei Malzbier spielt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Bis zum 21.November wird „Monkey Island“ noch in der Kulturreederei Halle aufgeführt. Auch ohne Kenntnis der Vorlage funktioniert das Theaterstück aufgrund des zeitlosen Humors, der Ausstattung und der engagierten Schauspieler. Natürlich lässt sich die Bildungslücke leicht schliessen, in der Neuauflage für PC und Co. kann man auch digital mit Guybrush Threepwood auf Abenteuer gehen. Ob nun digital oder in 3D und live, Monkey Island ist nach Regisseur Kreusch „Für alle, die neugierig sind!“

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