(R) Wer hat Laura Palmer ermordet?

Da liegt er also. Blutbefleckt. Auf der kalten Erde. Mitten in einem Weinberg und kann sich an nichts erinnern. Weder wo er ist, noch wer er ist und wie er hierher gekommen ist schon mal gleich gar nicht. Aber viel verstörender ist die Tatsache, das direkt neben ihm die Leiche eines jungen Mädchens in den Reben hängt. Was hat dies alles zu bedeuten?

Weinberg

Ein gelungenes deutsches Serienexperiment (?!)

Was gleich zu Beginn der sechsteiligen, deutschen (sic!!!) Serie „Weinberg“ auffällt, ist der visuelle Stil: Dunkel-düstere Grautöne, schummrige, nur schwach ausgeleuchtete Ecken, mitunter grobkörnig erscheinende Bilder, die eine gewollt mystische Szenerie herauf beschwören. Und ein sich in gewisser Weise penetrant durch die gesamten Folgen ziehender Wechsel zwischen wunderbar anzuschauenden, bergigen, nebelverhangenen Panoramabildern der Landschaft rings um den Handlungsort – das Dorf Kaltenzell an der Ahr – und extrem nah fotografierten Einzelbildern von Gesichtern, Gegenständen, Tieren und teilweise auch Aktionen der handelnden Personen. Man kann ohne Umschweife sagen, das diese deutsche Produktion amerikanischer aussieht und sich anfühlt als alles andere bisher in der deutschen Serienlandschaft produzierte.

Doch Bilder allein erzeugen noch nicht die Atmosphäre, die es braucht, um in eine Serie eintauchen zu können. Die Handlung entscheidet über den schmalen Grad zwischen Misserfolg oder gelungenem Endergebnis. Und an dieser Stelle bin ich zwiegespalten! Auf der einen Seite ist die Grundidee der Suche nach dem Mörder der Weinkönigin Sophia Finck durch den Protagonisten und dessen gleichzeitige Suche nach seiner verloren gegangenen Identität wunderbar in die sich nach und nach aufdeckenden Geheimnisse des nicht ganz so sauber, nett und freundlich entpuppenden Bergdorfes Kaltenzell (Nomen est omen!) eingewoben. Auf der anderen Seite sind in die sechs Folgen so viele verschiedene Intrigen, Machenschaften und Verlogenheiten eingebunden, dass man sich fragt: Echt jetzt? Das auch noch? Es wird irgendwie rein gar nichts ausgelassen. Von Ehebruch, Internetpornografie, Inzest bis versteckter homosexueller Neigungen. Von okkulten Handlungen über mystisch-grausige Legenden und übersinnlichen Dingen bis hin zu strenger, religiöser Gläubigkeit. Das Gesamtpaket erscheint ein wenig überfrachtet für ein so kleines Dörfchen. Dennoch ist die Atmosphäre durchaus tief gehend genug, um dem Held (gespielt von Ulrich Mücke) bei all seinen Aktionen getrost zu folgen. Auch wenn der im Genre des Mystery-Krimi-Thriller-Bereichs bewanderte Zuschauer spätestens nach Folge 4 erahnen kann, wohin die Reise des Helden und seines kleinen zur Seite gestellten Freundes Adrian im Endeffekt gehen wird. Die Auflösung ist dann durchaus klassisch und weniger innovativ als zuerst gedacht.

Dennoch: Im Endeffekt ist „Weinberg“ für die deutsche Serienlandschaft definitiv ein neues, anderes und dem Zeitgeist amerikanischer Serien dieses Genres angepasstes Werk. Dies ist jedoch nicht negativ gemeint, sondern durchaus positiv. Man merkt dem Autorenteam an, das viel Liebe zum Detail darin steckt (und das sie zum einen „Twin Peaks“ sicher schon einmal gesehen und zum anderen die erste Staffel von „True Detective“ nicht ganz spurlos an ihnen vorüber gegangen ist). „Weinberg“ wartet mit ein paar skurrilen Charakteren und Nebendarstellern auf. (Der Pfarrer und die beiden Kommissare, die so rein gar nichts mit den typischen Tatort-Ermittlern gemein haben, müssen genannt werden.) Ebenso können die (vermeintlich?) bösen und hinterlistigen Akteure – allen voran natürlich Gasthausbesitzer und Bürgermeister Zepter (Arved Birnbaum interpretiert diese Rolle großartig) – gefallen. Trotz der sich auch nicht immer vermeiden lassenden stereotypen Grundeigenschaften der Figuren. Mit Antje Traue in der Rolle der Hanna Zepter wurde der weibliche Gegenpart zum Helden zudem bestens besetzt. Sie trägt ihre Figur durch die sechs Folgen, ohne ihre Identität dabei zu verlieren. Ganz im Gegensatz zum Hauptdarsteller, den ich seltsamerweise in diesem Schauspielerensemble unter ‚ferner liefen‘ führen würde, gerade weil die diversen Nebencharaktere so viel interessanter erscheinen. Vielleicht lässt sich dies aber auch mit dem auflösenden Moment begründen, der klar macht, das eigentlich die Geschichte an sich und nicht der Held, die Schlüsselposition einnimmt. Er ist nur Katalysator des Ganzen sich abzeichnenden Dramas in Kaltenzell.

„Weinberg“ zeigt, was deutsches serielles Erzählen kann – wenn man die Macher nur mal lässt! Modernes, visuell hervorragend in Szene gesetztes, in der Handlung vielleicht ein wenig zu viel auf einmal wollendes Fernsehvergnügen. „Weinberg“ ist für Freunde des Genres durchaus eine Empfehlung wert.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Erde, Mensch abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu (R) Wer hat Laura Palmer ermordet?

  1. Nummer Neun schreibt:

    Bei Weinberg bin ich ein wenig zwie gespalten. Klar, visuell ist das toll, aber andererseits ist die Handlung halt wirklich überfrachtet und manchmal arg konstruiert. Hauptsache Tabubruch? Da war zu viel gewollt. Dafür hielt die Serie durch die skurillen Figuren den Twin Peaks Vergleich tatsächlich mal stand, daran sind ja schon einige US-Serien gescheitert. Aber den Hauptdarsteller fand ich nicht besonders gut. Mir war seine Figur egal und der Schauspieler klang immer nach auswendig gelernt und 3 Jahre Sprachtraining an der Schauspielschule. Der finale Twist wiederrum war sehr gut gelungen.

  2. Pingback: Maximum Medium Overload Episode Four | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

  3. Pingback: Listige Listen 2015 – Ein mediales Resümee | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s