Kurz und knackig: Die Flimmerkiste Januar Teil 2

The Circus (1928)

Charlie Chaplin in seiner Paraderolle als Tramp. Und dem Tramp passiert das, was ihm immer passiert. Er gerät unverschuldet in eine brenzlige Situation, läuft vor der Polizei davon und gelangt dabei unverhofft zu einer neuen Aufgabe. Diesmal als der tollpatschige, stolpernd-fallende Clown in einem Zirkus. Natürlich verliebt er sich unglücklich und gerade diese tragischen Momente sind irgendwie immer die besten des Tramp. The Circus erzählt in sechzig Minuten den kurzen Aufstieg und abrupten Fall eines Niemands. Mehr Zeit braucht die Story auch nicht zur Entwicklung und mehr Slapstick-Einlagen lassen sich auch nicht im Zirkusmetier verballhornen. Ist amüsant, aber Chaplin kann es um Längen besser, insbesondere handlungstechnisch.

A Star is born (1937)

‚Hollywood ist deine Wildnis.‘ Sagt die Großmutter zu Beginn. Und diese Wildnis zeigt sich voller Raubtiere, Gefahren und Hindernisse. Aber Esther wird zum gefeierten Starlet, auch dank ihres schauspielernden Mannes, dem bereits sinkenden Filmstern Norman Maine. Janet Gaynor und Fredric March harmonieren gar fein. Besonders gelungen: der unverblümte Blick auf die Filmmaschinerie Hollywood, der auch vor 80 Jahren nicht anders war als heute – mehr Schein als Sein. Skandalheischende Journalisten (Lionel Standers Figur Matt Libby ist äußerst amüsant), profitgierige Studiobosse, im Blitzlicht verschossene Schauspieler. Diese Kritik am System ist gelungen. Dennoch kommt A Star is born ein wenig zu nonchalant und vor allem happyend-like rüber. Zu viel Selbstreferenz ist dann doch unerwünscht.

Mitfahrer – Jede Begegnung ist eine Chance (2003)

Jim Jarmuschs Night on Earth auf deutsch. Zumindest in Ansätzen. Nur leider mit weniger Witz und zu viel Leerlauf. Ein oder zwei Gänge höher schalten, hätte dem Film sichtlich gut getan. Die aufeinander treffenden Charaktere haben Charme und sicher auch eine Geschichte zu erzählen. Doch man findet nicht zu allen Personen den angestrebten Zugang. Die wirklich interessanten Figuren kommen zu kurz, insbesondere Anna Brüggemanns Rolle der Studentin Caroline versackt an irgendeiner Raststätte. Die Idee der flüchtigen Autobahn-Bekanntschaften und deren Kennenlernen unterwegs ist durchaus gut umgesetzt und vor allem ein, in der Form, selten gesehenes filmisches Projekt. Dafür zumindest den Daumen hoch (und ausgestreckt) für den Regisseur Nicolai Albrecht.

Früher oder später (2007)

Zu viele Krisen. Zu viele Nebenstränge, die dann aufgrund der begrenzten Zeit auch einfach zu wenig Raum zur Entfaltung lassen. Dabei hatte Regisseurin von Ribbeck ein zwar nicht neues Thema zur Hand – das sie den Umständen entsprechend auch passabel erzählt – aber zwei durchaus rigoros und im Element agierende Hauptakteure. Insbesondere Lola Klamroth mimt die kindlich-naive, unschuldig-schüchterne, pubertierend-verliebte Nora mit einer erfrischenden Inbrunst. Hierauf und nur hierauf hätte die Konzentration der Erzählung liegen sollen. Dann wäre ein stringenter, kompakter und mit Verve erzählter Film entstanden. So gibt es schauspielerische Lichtblicke und einen schönen, passenden Soundtrack. Aber leider nicht mehr. Schade drum.

Gefahr und Begierde (2007)

Vor dem Hintergrund der japanischen Besatzung Chinas im Zweiten Weltkrieg erzählt Ang Lee die Geschichte einer Widerstandskämpferin und eines Kollaborateurs. Tony Leung spielt den Kühlen, Abgeklärten, Unnahbaren, während Tang Wei in ihrer ersten Rolle den Zuschauer durchaus mitnehmen kann. Bei diesem Film Ang Lees geht es mir allerdings wie sonst bei so ziemlich allen Wong Kar-Wai Werken (und zwar nicht nur wegen des Hauptdarstellers): schön fotografiert; dezenter, aber stets passender Musikeinsatz (Alexandre Desplat kann es halt); formidables Setdesign. Aber: eine Geschichte, die einfach nicht mitreißen kann. Die langsam dahinplätschert und dabei nie auf den Punkt kommt. Die in berauschenden Bildern versinkt, ohne zu animieren. Die mich fast zweieinhalb Stunden langweilte, ständig auf den endlich auslösenden Konflikt wartend. Der nie so richtig kommen will. In der visuellen Schönheit geht die Story leider komplett unter.

Ein spätes Mädchen (2007)

Blindekuh mit Blockflöte. Der Moment, der Sie albern und unbeschwert sein lässt. ‚Sie‘ ist Henriette. Eine Frau Anfang 30, die aber sehr konservativ, altbacken und fernab von allen Menschen ihres Alters lebend, dahinvegetiert. Spiessig und umgeben von allem, was alt ist oder damit assoziiert wird. Doch dann taucht Er auf und zum ersten Mal versucht sie zu leben. Wirklich zu leben. Fritzi Haberlandt dominiert die Szenerie. Sie mimt überzeugend diese seltsame, lebensfremde Henriette. Mit Hingabe und zum Niederknien. Er wird dargestellt von Matthias Schweighöfer, der hier aber ’nur‘ die katalysierende Nebenrolle innehat. Regisseur Handloegten erzählt visuell ruhig, bedächtig und langsam. Ein den ganzen Film bestimmender Rhythmus, dem man sich öffnen muss, um Haberlandts Schauspiel ausreichend zu würdigen. Wem dies gelingt, wird belohnt.

We need to talk about Kevin (2011)

Verstörend, traumatisch, zersetzend, hypnotisch, traumwandlerisch, böse, kopfschüttelnd, entsetzt, überrascht, angeekelt, zerstörend, seltsam, fragend, ratlos zurücklassend. Einige Attribute, die mir beim Schauen des Films durch den Kopf gingen. Und so schnipselhaft, wie diese Gedanken, baut sich auch die Erzählung auf. Der ständige, sprunghafte Wechsel der Zeitebenen ist anstrengend und fordernd. Ohne Aufmerksamkeit verliert man sich schnell im Nirgendwo. Fast wie die Protagonistin – eine desillusionierte, verzweifelte, die Geschehnisse noch immer nicht fassende Tilda Swinton überzeugt auf ganzer Linie. Was sich in der ersten Stunde als mögliche Tat herauskristallisiert, bestätigt sich. Das ganze Ausmaß lässt einen dann dennoch sprachlos zurück. Dieser Film kriecht langsam und schwerfällig ins Bewusstsein, um dann wie ein Vorschlaghammer aufs Gemüt zu drücken und einen schlussendlich zu erdrücken.

The company you keep – Die Akte Grant (2012)

Regisseur Redford macht keine Experimente. Er erzählt die Geschichte klassisch. Eine Geschichte über die Geister der Vergangenheit, die einen irgendwann einholen. Und eine Geschichte vom Suchen: Das FBI, das den seit dreißig Jahren Flüchtigen endlich fassen will. Der Flüchtige, der die Freunde der damaligen Aktion zur Rede stellen will. Der Reporter, der nach der Wahrheit fahndet. Das Ausmaß entschlüsselt sich über jenen Journalisten, gemimt von Shia LaBeouf, der seiner Figur diesen Ehrgeiz, die Wahrheitssuche und auch die eigene Sinnsuche gekonnt einimpft. Neben ihm glänzt eine ganze Riege bekannter Gesichter in den diversesten Nebenrollen. Das Wiedersehen mit ihnen macht Spaß. Ebenso das Verfolgen der Bemühungen aller Beteiligten ihr jeweiliges Ziel zu erreichen. Ein Politthriller mit Köpfchen und ohne überflüssige Action.

Heiter bis wolkig (2012)

Vorweg erstmal eine Sache: Jessica Schwarz in der Rolle der todgeweihten großen Schwester kann durchweg überzeugen. Zynisch, sarkastisch, lebensmüde, verzweifelt, ängstlich. Sie spielt jede Facette echt und ehrlich. Aber leider ist der Film dann doch mehr heiter als wolkig geworden. Regisseur Marco Petry wollte um die Handlung der letzten Wochen einer Sterbenskranken die Liebesgeschichte der kleinen Schwester bauen. Am Ende ist es jedoch andersrum. Mehr RomCom (in der auch noch klischeehaftesten Form) als Drama, da hilft auch jedwedes Schauspiel von Frau Schwarz nur bedingt. Gegen die süß-schmalzige, mit Rehaugen klimpernde Anna Fischer und den treu-verträumt schmachtenden Blick eines Max Riemelt lässt sich nur schwer gewinnen.

American Sniper (2014)

Bradley Cooper ist gut. Wirklich gut. Eastwood konzentriert aber auch den kompletten Film auf die Hauptfigur. Was dabei zu kurz kommt ist die familiäre Seite, fernab vom Kriegsgebiet (Sienna Miller geht komplett unter). Die psychische und mentale Verkrüppelung aufgrund der Erfahrungen im Einsatz werden oberflächlich gestreift. Der Fokus liegt auf Chris Kyle als Kriegsheld. Als patriotischer Kämpfer fürs Land. Konzept Gut gegen Böse und Eastwood lässt keinen Zweifel daran, wer der Gute ist. Alle Gegner sind Statisten. Wilde, wie sie im Film einmal bezeichnet werden. Diese Einseitigkeit mag verstören, aber um einen amerikanischen Patrioten zu ehren, werden alle kritischen Reflexionen ausgeblendet. Egal wie überhöht Gott gleich Sniper Kyle auch gezeichnet wird, stilistisch und erzähltechnisch kann der Film durchaus gefallen. Kurzweilig unterhaltend, wenn man die politische Komponente außen vor lässt.

Die Pfeiler der Macht (2016)

Intrigenspiel in Kostümen. Liebesspiel mit Kalauern. Und irgendwie ein wenig Die Buddenbrooks in extra light, nur im Bankenmilieu. Ken Follets Romanverfilmung ist doch arg schnulzig geraten. In weichen, warmen Bildern gezeichnet und mit überbordendem Streichereinsatz als musikalischer Hintergrunduntermalung in gefühlt jeder zweiten Szene soll Drama erzeugt werden. Christian Schwochow setzt den Roman bemüht um, aber manchmal ist weniger eben doch mehr. Immerhin: Axel Milberg interpretiert den schwulen Samuel gar köstlich. Und Hauptdarstellerin Laura de Boer als aus der Armut in eine Bankiersfamilie aufsteigende, moderne, selbstbewusste Frau kann durchaus begeistern. Lichtblicke eines ansonsten mittelmäßigen Filmes.

Und auf der großen Flimmerleinwand gab es dieses Werk zu sehen:

Anomalisa (2016)

Kennt man andere Werke des Drehbuchautoren Charlie Kaufman kommt einem dieser Film hier so banal und belanglos vor. Vielleicht aufgrund der im Kern eher banalen und belanglosen Geschichte? Ein Tag im Leben des Michael Stone. Gelangweilt, destruktiv-depressiv, misanthropisch veranlagt, suchend. Dieser Stone ist wahrlich kein Sonnenschein des Lebens. Alles um ihn herum ist grau und eintönig. Inklusive der Menschen, die zusätzlich einTONig sind (ein Sprecher mimt alle auftretenden Personen). Lisa durchbricht den Kreis der MonoTONie. Für Stone ist sie etwas besonderes – eine Anomalie. Kaufmans Film ist Tristesse auf hohem Niveau, mit einem kurzen Augenblick voll Euphorie. Für diesen Film braucht man ein fröhliches Gemüt. Ohne diese Grundvoraussetzung wird es schwer und anstrengend. Ein zähes Werk, mit einer Aussage, die für mich bisher im Verborgenen bleibt. Ich suche weiter.

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20 Antworten zu Kurz und knackig: Die Flimmerkiste Januar Teil 2

  1. Gorana schreibt:

    Hmmm … We need to talk about Kevin will und will ich nicht schon so lange sehen. Ich bin mir nicht sicher wie ich mich danach fühlen werde. Weiß nicht ob ich ihn ertrage. Deine Kritik macht es mir nicht einfacher. 😉

    Auf Anomalisa freue ich mich. Hab das Glück, dass er bei mir gezeigt wird. Was du schreibst trübt die Vorfreude ein bisschen, aber nur ein bisschen. 🙂

    Die Kurzkritiken an sich finde ich ganz wunderbar … mach das gerne weiter.

    • Stepnwolf schreibt:

      Du solltest dir jedenfalls nach der Sichtung von We need to talk about Kevin nichts anderes vornehmen. Da ist man dann erstmal sie sich geerdet.

      Ich bin mir bei Anomalisa komplett im unklaren, was der werte Mr. Kaufman mir damit sagen will. Ich hab die ganze Zeit im Film über immer gedacht, das irgendwann jetzt die absurd-surreale Ebene beginnt, aber die kam nicht.

      • Gorana schreibt:

        In naher Zukunft wird eh nix aus der We need to talk about Kevin Sichtung. Ich habe mir wieder mal ein Kaufverbot, bzw. für Filme zu bezahlen (außer im Kino) erteilt, bis ich das liegengebliebene ein Stück weit abgearbeitet habe. Da wartet schliesslich auch Großartiges auf mich.

        • Stepnwolf schreibt:

          Der ist (oder war?) bei Amazon Prime einsehbar. Falls du das nutzt. Und das mit dem Abarbeiten der Filmliste kenne ich. Das werde ich wohl auch irgendwie nie schaffen…

  2. Nummer Neun schreibt:

    We Need To Talk About Kevin ist so großartig! Hatte den damals im Kino gesehen und der ganze Saal war am Ende mucksmäuschenstill. Der blieb auch danach noch so lange im Kopf und wurde immer besser.

  3. Soundso schreibt:

    Ich liebe diesen Blog. Wenn jetzt noch Originaltitel in Klammern wären, damit ich nicht googlen müsste, ob ich an den richtigen Film denke, wäre das awesome.
    🙂

  4. friedlvongrimm schreibt:

    „We need to talk about Kevin“ und „Anomalisa“ wären echt ein hartes Double Feature. *lach*

  5. Cathrin Rubin schreibt:

    Zu „Heiter bis Wolkig“ fällt mir immer nur ein: Was für ein bescheuerter Titel! Das können auch nur die Deutschen… Aber ja, irgendwie wusste ich auch nie so ganz worauf der Film eigentlich hinaus will: Liebesgeschichte oder doch Drama? Und die Mischung machts irgendwie sehr undefiniert. Gute Unterhaltung ist es schon, aber so ganz triffts halt einfach nicht ins Schwarze.

    Bei „Pfeiler der Macht“ dachte ich, dass es eigentlich ganz amüsant inszeniert worden ist. Aber am Ende habe ich mich doch eher wie in einem Rosamunde Pilcher gefühlt. Und dieser angedeutete Vergleich am Ende mit Ana Karenina und Fräulein Bovary… also nein… allein vom Film habe ich ehrlich gesagt auch gar nicht verstanden, warum sie ihr Kind zurückgelassen hat und so komplett aus dessen Leben gegangen ist. Da hätte es doch echt eine Zwischenlösung gegeben, dass man sich noch ab und an sieht, denn die Eltern haben sich ja irgendwie noch alle miteinander verstanden. Aber ich kenne das Buch auch nicht. Velleicht wird es da deutlicher…

    • Stepnwolf schreibt:

      Ich kenne Follets Buch auch nicht, kann daher ebenfalls keine genaue Aussage machen, wie es dort erzählt wird. Diesen Rosamunde Pilcher Effekt hatte ich übrigens auch stellenweise und das hat diesem Film wahrlich nicht gut getan.

  6. Miss Booleana schreibt:

    Anomalisa hat mich auch nicht so recht begeistert, muss ich sagen. Bisher habe ich Reviews gemieden, aber hier und da sehr große lobende Worte aufgeschnappt. Und ich fand die Idee mit der Stimme und Gleichförmigkeit sehr interessant, aber unangenehm umgesetzt. Außerdem fand ich es verwirrend, dass der Trailer das Bild vermittelt, der Film sei extrem positiv und menschlich, wo ich es doch eher pessimistisch und kalt empfunden habe.
    Außerdem waren die Stop-Motion-Puppen nicht mein Ding.

    • Stepnwolf schreibt:

      Du zählst so ziemlich alle Dinge auf, die auch mir aufgefallen sind. Die Stop-Motion-Puppen haben mich übrigens an Community erinnert. Da gab es mal ne Folge mit ähnlichen Puppen.

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