Kurz und knackig: Die Flimmerkiste Februar Teil 1

Stealing Beauty (1996)

Toskana und Tyler. Die zwei Dinge prägen den Film. „Du musst mir ein wenig Frivolität gestatten.“ Sagt Jeremy Irons‚ Filmcharakter und Regisseur Bertolucci scheint sich dies selbst ebenfalls zu gestatten. Das Objekt seiner Begierde ist Lucy alias Liv Tyler. Jede Szene wird von ihr bestimmt. Sie steht im Mittelpunkt. Bertoluccis Kameraauge zieht sie an und nicht selten genug förmlich aus. Aber die Figuren bleiben oberflächlich und nichtssagend, ihnen wird einfach kein Leben eingehaucht. Genauso wie der erzählten Geschichte. Was bleibt ist eine noch junge und frisch aufspielende Ms. Tyler und ein durchaus gelungener Soundtrack, die diesen Film aber auch nur bedingt retten können.

Akte X – Der Film (1998)

Ein Film für alle Fans der Serie. Natürlich ließe er sich auch ohne Kenntnis selbiger anschauen, aber man wird viele der Figuren, Dialoge und Szenen nicht ausreichend verarbeiten können und das ist dem Spaß abträglich. Mulder und Scully sind in Bestform. Alle relevanten Gegenspieler sind dabei und es geht natürlich um das über fünf Staffeln sorgsam aufgebaute Thema der geheimen Verschwörung einer Gruppe und deren Zusammenhang mit Aliens. Dieser Film macht ungemein Laune und ich verfluche noch heute diese eine Biene, die das eigentlich Unvermeidliche dann doch verhindert.

Post Grad (2009)

Fühlt sich an wie die Fortsetzung der Gilmore Girls, denn die Protagonistin Ryden wird nicht nur von Alexis Bledel gespielt, sondern ist auch charakterlich genau wie in ihrer Paraderolle als Rory Gilmore. Womit das Genre wohl schon vordefiniert ist: eine waschechte RomCom inklusive Happy End. Die Story folgt einem leicht erkennbaren roten Faden. Ein Wohlfühlfilm ohne den Wunsch höheren Ansprüchen zu genügen. Lässt sich aber gut schauen, sofern man Ms. Bledel etwas abgewinnen kann. Und wenn man gern Michael Keaton als schrulligen Vater erleben möchte.

Sucker Punch (2011)

Ein Film mit Gameplayanleihen auf drei Ebenen spielend: die Nervenheilanstalt, das Bordell und die Kampfarenen. Letztere erinnern stark an die blutigen Kampfszenen aus 300, ebenfalls von Zack Snyder umgesetzt. Im Levelmodus müssen verschiedene Gegenstände gefunden werden, die für das eigentliche Ziel benötigt werden. Die einzelnen Bildebenen sind phänomenal fotografiert. Der häufige Gebrauch von Zeitlupen und Freezing in Kombination mit einer rasanten Schnittechnik und vor allem der perfekt abgestimmten musikalischen Untermalung erzeugt ständige Bewegung. Und Babydoll hat schon ein bisschen was von Gogo aus Kill Bill – sexy, aber verdammt tödlich. Sucker Punch haut volle Breitseite auf meinen Amüsementnerv, egal wie hohl die Story auch sein mag. Bin bleibend begeistert.

Ich reise allein – Jeg reiser alene (2011)

Filme mit Kindern als Protagonisten sind immer eine Herausforderung. Insbesondere dann, wenn sie eine tragende Rolle spielen. So wie hier. Alina Eleonora Bergrem meistert die Herausforderung mit Bravour. Sie changiert mühelos zwischen unbeschwertem Kind sein und schwermütigem traurig sein. In einem Film, der in seiner leichtfüßig erzählten Art so viel tragische Elemente einfügt, dabei aber nie aufgesetzt oder unwirklich erscheint. An ihrer Seite glänzt Rolf Kristian Larsen als unverhofft zu Vaterglück gekommenem Studenten, dessen unbeschwertes Leben sich abrupt wendet. Als Vater und Tochter bestimmen sie die Szenerie. Die Chemie passt. Die eingesetzte Musik tut ihr übriges zum Gelingen des Werkes. Jeg reiser alene ist ein liebevoll gefilmtes Kleinod aus Norwegen, das man ohne Umschweife empfehlen kann und darf und sollte. Was hiermit geschehen ist.

Midnight in Paris (2011)

Wilson mimt Woody: Ablästern über Pseudointellektuelle, insbesondere den schmalzig-pedantischen (um ein Filmzitat zu nutzen) Paul alias Michael Sheen. Die Dialoge sind typisch Woody Allen. Macht man die Augen zu, hört man ihn und nicht den eigentlichen Protagonisten Owen Wilson sprechen. Dann die Nebenrollen, die wunderbar besetzt sind: Adrian Brody als Salvador Dali ist köstlich und amüsant, Kathy Bates als Gertrude Stein ist rigoros wie immer. Magisch-zauberhaft auch die Ode an die Stadt Paris. Allen malt sie in bezaubernd schöne Bilder. Musikalisch ein Hörgenuss und passend zur erzählten Zeit sehr jazzlastig. Aber weil sich Midnight in Paris in Reminiszenzen an Kunst und Kultur der Goldenen Zwanziger suhlt, fehlt etwas Wichtiges: eine sinnvolle Handlung. Sieht zwar alles schick aus und klingt auch harmonisch, allein der Inhalt bietet keinen (Mehr)Wert.

Die Lebenden (2012)

Klassisches deutsches Filmthema: Die dritte Generation nach dem letzten großen Krieg begibt sich auf Wahrheitssuche. Der Großvater entpuppt sich als SS-Mitglied, der Vater ist die typische Verdrängungsgeneration, die Protagonistin die neugierige Aufdeckerin. Die Reise in die Vergangenheit der eigenen Familie ist gleichzeitig die Reise zu sich selbst. Wer die Wahrheit findet, muss in Konsequenz auch damit umgehen können. Die Lebenden ist beeindruckend gut fotografiert und wartet mit einigen bedrückend-intensiven Szenen auf. Es schwingt ständig ein melancholischer Grundton (auch auf musikalischer Ebene) mit. Anna Fischer bildet den Mittelpunkt der Geschichte. Ihre Präsenz, ihre rigorose Vorgehensweise, ihr Hunger nach immer mehr Hintergrundwissen trägt den Film. Und dennoch vermittelt das Werk eher eine Coming of Age Atmosphäre, als ein historisch-politisches Statement zu setzen. Ist man sich dessen bewusst, kann Die Lebenden durchaus gefallen.

Drinking Buddies (2013)

Erfrischend wie ein kühles Blondes. Regisseur Joe Swanberg erzählt die Geschichte locker, leicht und fluffig. Ohne klischeehaftes Ende, aber dennoch mit einigen erkenntnisreichen Wendungen. Ich mochte allerdings die Chemie zwischen den beiden Protagonisten nur bedingt. Olivia Wilde passt so gar nicht in die abfeiernde Rolle der Saufkumpanin (und spielt dies auch dementsprechend). JakeNew Girl – Nick‘ Johnson ist eigentlich und offensichtlich von Anfang an der perfekte Partner für Anna Kendrick. Apropos Ms. Kendrick: Bezaubernd süss, die Kleine. Wer kann da schon widerstehen? Darauf ein Bier. Prost.

Tusk (2014)

Ein – wie soll ich es sagen? – seltsam verschroben skurriler Kevin Smith Film ist das. Seine vergangenen Werke waren amüsant-abseitige Komödien oder mit zwinkerndem Auge erzählte Dramen. Tusk ist anders. Dunkel, düster, mitunter abstoßend eklig und in gewisser Weise absurd. Ein Serienmörder, der sich aus einem Menschen ein Walross erschafft. Wie viele Drogen muss man konsumieren, um darauf zu kommen? Dennoch: die Monologe des Howard Howe sind spannend. Michael Parks fängt den Zuschauer mit seiner sonoren Stimme regelrecht ein. Man lauscht ihm und seiner Geschichte. Und dann die Figur des Guy Lapointe. Wie verdammt großartig und gleichzeitig seltsam ist der denn? Tusk ist ein harter, schwer zugänglicher Brocken von einem Film. Aber diese Absurdität konnte mich trotzdem fesseln. Auf eine absonderliche Art.

Und auf der großen Flimmerleinwand gab es dieses Werk zu sehen:

The Hateful 8 (2016)

Yes. He can. Nachdem sein letztes Werk tatsächliche Längen hatte, sind die hier gänzlich unbemerkt geblieben. Was für ein wunderbar kurzweiliges Kammerspiel liefert uns der werte Mr. Tarantino in diesem unbarmherzigen Schneesturm! Deliziöse Dialoge mit schmunzelnd-angehauchten Passagen. Dazu dieser filigrane Wechsel zwischen schon fast slapstickmäßigen (Wort)Einlagen (Thema Tür vernageln und so) und martialisch-blutiger Tötungsritualisierung. Dieses Teil rockt! Die Figuren gar köstlich in ihren auferlegten oder angeborenen Marotten, besonders delikat im Schauspiel vor allem Walton Goggins, der in seiner Mimik und Gestik famos zu beobachten ist und die häßlich-entstellt kaum wiederzuerkennende Jennifer Jason Leigh, deren Charakter ungemein hinterlistig-bösartig daherkommt. Die visuelle Inszenierung ist ein Genuss. Den Film in Ultra Panavision 70 zu drehen, war eine weise Entscheidung. Nie erschien eine so kleine Hütte so groß in den Ausmaßen. The Hateful 8 erobert in meiner persönlichen Rangliste nach Pulp Fiction und Kill Bill auf Anhieb Platz 3 der besten Werke des Meisters.

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6 Antworten zu Kurz und knackig: Die Flimmerkiste Februar Teil 1

  1. bullion schreibt:

    Deine fast schon enthusiastische Besprechung von „The Hateful Eight“ macht nach all den Verrissen wirklich Mut. Schön! 🙂

    • Stepnwolf schreibt:

      Ich hatte auch ziemlich viel Respekt vor der Sichtung aufgrund der vielen Verrisse oder doch zumindest kritischen Punkte. Man könnte fast glauben, das Tarantino ironisch den Film so genannt hat, weil er wusste, das die Kritiker den schlecht finden. Dann macht nämlich die 8 einen ganz anderen Sinn: der hassenswerte 8. Film! 😉

      Aber ich war wirklich begeistert. Es ist mit Abstand der dialoglastigste Film von ihm, aber jeder Satz hat hier seine Berechtigung und unterhält ungemein. Und visuell ist der Film die wahre Pracht. So viele kleine Gimmicks and Gadgets in Minnies Laden. Ich werd den Film wohl noch sehr häufig sehen müssen, um die alle ausreichend zu würdigen…

  2. Nummer Neun schreibt:

    Oh das Abfeiern von The Hateful 8 wundert mich, besonders der Seitenhieb auf den grandiosen Django. Ich fand ihn viel zu lang. Aber der gute Walton Goggins rockt das Ding ziemlich! Abra-Haim Lincoln!

    • Stepnwolf schreibt:

      Django ist gut, keine Frage. Aber hier habe ich tatsächlich die Filmlänge bemerkt. Bei The Hateful 8 war das Gelabere so einnehmend, das ich die 2,5 Stunden gar nicht verfliegen hab sehen. Ich muss jetzt den Film unbedingt noch mal in englisch sehen, da wirkt Goggins bestimmt noch besser. (Ich hatte eh das Gefühl, das es nicht seine Synchro aus Justified oder SoA war oder ich hab sie nicht erkannt.)

  3. donpozuelo schreibt:

    Mit „Tusk“ konnte ich wirklich nichts anfangen. Dafür stimme ich dir aber bei „Sucker Punch“ zu, herrlich hohl, aber sehr unterhaltsam. Und „Hateful Eight“ fand ich auch echt gut. Halt Tarantino als Theater-Stück 😀

    • Stepnwolf schreibt:

      Tarantino als Theaterstück trifft es so ziemlich. Ich hab mir mit „Tusk“ auch schwer getan. Aber irgendwie hat er mich dann doch gekriegt. Wahrscheinlich aufgrund der Skurrilität der ganzen Handlung (und aufgrund von Depps Figur im Film).

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