(R) Das hier ist jetzt Wolfsland!

Zu Beginn wird es ausdrücklich geklärt: ‚Sicario‘ bedeutet in mexikanischen Gefilden schlicht und einfach Auftragsmörder. Gesetzlose oder auch gern als über dem Gesetz stehend bezeichnete, die Pflicht des Tötens erfüllende Gehilfen der machthabenden oder machthungrigen (Schein-)Gesellschaft. Der Ton ist vorgegeben. Was macht die Musik daraus?

Das Dilemma von Gut gegen Böse

Die alt-ehrwürdigen, aber halt doch zu einfach reflektierenden Zeiten der zwei Parteien von auf der einen Seite moralisch einwandfreien, dem Gesetz treu ergebenen guten Helden des Films und den auf der anderen Seite brutal, amoralisch, rücksichtslos agierenden bösen Widersachern sind ja bereits seit vielen Jahren nur mehr nostalgische Erinnerung. Selbst das letzte Relikt dieser Schwarz-Weiß Zeichnung von Protagonist und Antagonist – der smarte 007 – begab sich in seinen letzten Abenteuern in einige undurchsichtige Grauzonen. In dieser Grauzone befinden sich auch unsere ‚Helden‘ in Sicario. Wer ist gut? Wer ist böse? Wo beginnt die schwammige Grenze zwischen legalem Vorgehen und illegitimer, ja sogar illegaler Aktion von Seiten der rechtlich als Gesetzeshüter zu titulierenden Charaktere? Wann endet die moralische Verantwortung und öffnet sich der Weg zu erbarmungslosem, verlustreichen Tatendrang? Sicario wirft diese Fragen auf.

Allerdings, und damit sind wir an dem Punkt, der mir an Denis Villeneuves ‚Drogenkriegs-Film‘ nicht gefällt, ist die Geschichte zu platt, zu oberflächlich, zu banal. Nicht das Thema an sich (wenngleich dies in diversen Varianten bereits filmische Geschichte geschrieben hat), sondern die erzählte Handlung und deren Figuren. Harter, undurchsichtiger, geheimnisvoller CIA (aka sonstige übergeordnete US-amerikanische Exekutivgewalt)-Agent (gemimt von Josh Brolin)? Nicht wirklich neu! Zwischen den Stühlen agierender, rachegetriebener Assassine, nach außen unnahbar und innen (aufgrund vergangener familiärer Umstände) hochemotional? Benicio del Toro hat dafür das markante Gesicht, aber solch eine Figur gab es ebenfalls schon. Junge, naive, ehrgeizige, an das Gute glaubende und stets das Richtige wollende Hauptfigur (Emily Blunt überzeugt ohne Zweifel und zeigt nach Edge of Tomorrow erneut, das sie durchaus die toughe, waffenschwingende Person mimen kann.)? In derlei Filmen immer dabei. Sicario bietet uns alle drei Charaktere als Gesamtpaket und strickt darum eine geradlinig, chronologisch erzählte Geschichte, ohne Schnörkel oder Überraschungen. Aber eben auch ohne emotional mitreissende Figuren. Ein mexikanischer Klischee-Polizist, der mit seinem Sohn fußball-spielend familiäre Einigkeit suggeriert und dennoch für das Wohl seiner Familie der Drogenkartell-Korruption anheim fällt, muss natürlich sterben. Wozu baut Villeneuve eine derartige Figur ein? Nur um die andere Seite zu thematisieren? Überflüssig. Irrelevant. Und auf der Gefühlsebene eh wirkungslos. Diese stereotype Handlungs- und Figurenzeichnung ist das Dilemma von Sicario und kann einem das Schauen ein Stück weit vermiesen. Aber…

Das Kunststück von Bild und Ton

… da gibt es noch die filmtechnische Ebene. Und hier kann Sicario punkten. Denis Villeneuve hat ein feines Auge für famose Bilder. Der Wechsel zwischen warmen, hellen goldgelb-rötlichen Farbtönen und dunklen, kühlen Blautönen ist bemerkenswert intensiv und überaus gelungen. Den Zwiespalt der handelnden Hauptperson auf die Bildebene zu übertragen ist somit zumindest visuell von Erfolg gekrönt. Auch der Wechsel in die Nachtsichtgerät-Ego-Perspektive kann gefallen. Sicario weckt insbesondere mit diesen bildgewaltigen Szenen dann doch nachhaltiges Interesse und lässt die erzählerischen Schwächen ein Stück weit in den Hintergrund verschwinden. Hinzu kommt eine dezent ins Ohr kriechende, seltsam dissonant erscheinende Musik, die einen bedrohlich ruhigen Unterton erzeugt, der sich durch den gesamten Film zieht. Kompliment. Das holt einen ab und nimmt einen gleichzeitig mit (eindeutig zweideutig lesbar). Die eigentlich uninspiriert erzählte Geschichte kann dadurch tatsächlich gekonnt eine unterschwellig wabernde (der Musik angepasste) Stimmung und, ja, sogar Spannung aufbauen. Villeneuve gelingt der Spagat einer lahmen Story ein visuelles und auditives Gewitter entgegen zu setzen und rettet dadurch den gesamten Film. Chapeau der Herr!

Sicario hat, trotz einer begeisternden Hauptdarstellerin, offensichtliche erzählerische Schwächen, die er auch nur sehr bedingt kaschieren kann. Wer darüber hinwegsehen kann, wird sich an wunderbar eingefangenen Bildern und einer zwar unaufdringlichen, aber dennoch präsenten musikalischen Untermalung erfreuen können. Und das ist im Endeffekt vielleicht auch der einzige Anspruch, den man an dieses Werk stellen sollte, um sich den Filmgenuss nicht vollends zu vermiesen.

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17 Antworten zu (R) Das hier ist jetzt Wolfsland!

  1. Cathrin Rubin schreibt:

    Okay…. ich dachte, den Film muss ich mal sehen. Jetzt denke ich das irgendwie nicht mehr 😉

  2. friedlvongrimm schreibt:

    Kann ich total nachvollziehen. Für mich hat das ganze auf der großen Leinwand hervorragend funktioniert, aber ist ja auch mit Benicio.^^

  3. bullion schreibt:

    Das ist wohl so ziemlich die negativste Kritik, die ich zu dem Film gelesen habe. Ich werde mir wohl irgendwann meine eigene Meinung bilden… mal sehen. 🙂

    • Stepnwolf schreibt:

      Nimm dir ruhig die Zeit. Der Film ist ja nicht wirklich schlecht. Wenn man sich mit den klischeehaften Stereotypen arrangiert, macht der sicher auch richtig Spaß. Irgendwie.

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