Kurz und knackig: Die Flimmerkiste März Teil 2

The Front Page (1974)

Billy Wilders Adaption wartet mit dem harmonischen Duo Matthau und Lemmon auf, die in Kombination immer sehenswert sind. Die Geschichte wird klassisch erzählt, bietet fernab des starren Handlungsortes (dem Journalistenbüro im Kommissariat) auch einige ‚actionreiche‘ Aussenaufnahmen. Darin zeigt sich The Front Page zumindest moderner als die Howard Hawks Version 34 Jahre zuvor, die wiederum sehr viel emanzipierter erscheint aufgrund der weiblichen Figur Hildy. Und genau dieser Umstand (und in der Konsequenz daraus diese Eleganz screwballscher Dialoge) macht The Front Page für mich ein Stück weit uninteressant, da überraschungsarm. Zwar schon sehenswert. Aber das hawksche Niveau und die Brillianz wird hier nicht erreicht.

Idioterne – Idioten (1998)

Wo hört Kunstfilm auf und fängt Experimentalfilm an? Lars von Triers Werk richtet sich nach den – u.a. von ihm selbst initiierten – Dogma95 Kriterien. Die filmästhetischen Komponenten sind also ein Stück weit vordefiniert. Damit muss man klar kommen oder das Schauen gleich sein lassen. Die Handlung erscheint zunächst banal: Die Protagonisten suchen ihren inneren Idioten. Öffentlich und ungeniert. Und halten damit der ’normalen‘ Gesellschaft den Spiegel vors Gesicht. Interessant, wo Abneigung offen zutage tritt und wer im Gegensatz dazu hilfsbereit einen Arm zum Geleit anbietet. Mitunter makaber. Oft offen provokant. Aber immer nur ein Spiel. Idioterne ist kein Sehvergnügen im herkömmlichen Sinne, sondern eher schwer verdaulich. Aber eine wunderbare Parabel auf menschliche Abgründe.

Lone Ranger (2013)

Okay, spätestens der finale Kampf zwischen den Prota- und Antagonisten riecht dann irgendwie mehr nach salziger Meerluft als nach staubiger Zugfahrt. Es gibt einige unverhohlene Parallelen zwischen Pirates of the Caribbean und diesem Werk. Nicht nur den Regisseur und einen der Hauptdarsteller.  Auch die ganze Storyline bietet dafür Ansätze. Apropos Handlung: Die ist definitiv zu lang geraten. Viel zu oft entkommt der böse Schurke dem sicheren Tod. Viel zu oft muss noch ein ‚Quest‘ mehr erfüllt werden vor dem Showdown. Dennoch: Die Kombi aus verrücktem Johnny ‚Tonto‘ Depp und smartem Armie ‚Lone Ranger‘ Hammer kann durchaus gefallen. Wäre der Film nicht so lang geraten, könnte man sagen: Schöne, typisch disney-like, kurzweilige Unterhaltung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

American Ultra (2015)

Als eine Art Satire auf die gängigen Geheimagenten-Filme der voran gegangenen Generationen funktioniert Nima Nourizadehs Werk sicher sehr gut. Aber soll es das auch sein? Falls nicht, ist die Story zu einfach und vorhersehbar und die Aktionen der Akteure zu geradlinig durchschaubar. Immerhin gibt es schauspielerische Lichtblicke: Jesse Eisenberg mimt den keinesfalls prototypischen, klischeehaften Agent respektabel, Walton Goggins darf wieder eine extrem freakige Rolle verkörpern und auch Ms. Stewart kann durchaus gefallen. Ich glaub, ich sehe den Film als Satire. Dann macht er Spaß.

Tatort: Fünf Minuten Himmel (2016)

Der Osterspezial Tatort ist zuvorderst eins: Eine einmalige Sache. Und nach der Performance sollte er das auch bleiben. Getreu des Handlungsortes Freiburg im beschaulichen Breisgau wird sehr bedächtig, langsam und gemächlich erzählt. Noch dazu keine besonders innovative oder den Zuschauer irgendwie fesselnde Geschichte. Und dann die Protagonistin – Ellen Berlinger – die wortkarg, introvertiert und immer ein bisschen mürrisch ständig allein durchs Bild klettert, läuft, stolpert. Wohlgemerkt im schwangeren Zustand. Ist dieser Umstand bei den Spezial-Tatort-Folgen eigentlich Usus? (Siehe Weimar.) Heike Makatsch ist wie ein Fremdkörper in dieser mit badischem Dialekt durchzogenen, nichtssagenden und zu keiner Minute (geschweige denn fünf Minuten) spannenden Inszenierung.

Und dann war da noch…

Eric RohmerContes des quatre saisons:

Conte de printemps – Frühlingserzählung (1990)

Das philosophische Quartett. Von Schumann zu Machiavelli, Kant und Platon. Rohmer schwelgt in einer bourgeoisen Symphonie.  Der Film schwimmt in Dialogen. Worte dominieren das Geschehen. Taten verschwinden im Wust der Buchstaben. Das kann stellenweise anstrengend und extrem fordernd sein. Und dennoch wird eine im Grunde simple Geschichte erzählt. Aus Kratzern im Pariser Bürgertum werden nach und nach Risse, bis das ganze, sorgsam aufgebaute Konstrukt in sich zusammen fällt. Ebenso wie die Gefühlswelt der Protagonisten. Dekonstruktion par excellence.

Conte d’hiver – Wintermärchen (1992)

Eric Rohmer baut in Teil 2 seines Jahreszeiten-Zyklus die finale Theaterszene des shakespearischen Wintermärchen ein und liefert damit eine Zusammenfassung seines Werkes. Im Kern ist es die Hoffnung auf die Rückkehr der einzig wahren Liebe in die Arme der (unglücklich) verbandelten Protagonistin. Entsprechend des Titels gelingt dieses Unterfangen auch. Die Szenerie schwankt zwischen dem Arbeitermilieu von Felice (Charlotte Véry nuanciert ihren Charakter zwischen einer jugendlichen Naivität und philosophisch angehauchter Tiefe) und der bourgeoisen Gesellschaft ihres Freundes Loic – dem bibliophilen, intelligenten Gegenpart – sowie ihrem Chef (etwas plump und machohaft skizziert von Michel Voletti). Conte d’hiver ist im rohmerschen Sinne wohlfühliger als der Auftakt Conte de Printemps und somit zugänglicher für das Publikum.

Conte d’été – Sommer (1996)

Konstellation: Ein Mann – zu Beginn introvertiert und ein wenig naiv auftretend. Drei Frauen – der beste Kumpel Typ, die vermeintlich große Liebe, die Ersatz-Befriedigung. Thema: Über die Liebe, das Verliebtsein und das konfuse, verwirrende Gefühlschaos ringsum. Eric Rohmer ist Theoretiker. Darüber reden? Ständig. Die Emotionen bildlich zeigen? Sehr selten. Aber dennoch fesselt einen der Film, denn es ist das Kopfkino, das den Zuschauer involviert, ihn verzweifeln lässt, angesichts der Entscheidungen des Protagonisten. Im Jahreszeiten-Zyklus ist Conte d’été der bisher eingängigste Film, weil er trotz Dialoglastigkeit jede Menge Gefühl erzeugt – wenn auch nur imaginär.

Conte d’automne – Herbstgeschichte (1998)

Verkupplungsversuche a la carte. Rohmer nimmt sich im letzten Teil seines Jahreszeiten-Zyklus mit den philosophierenden Dialogen zurück und begibt sich auf Natur- und natürlicheres Terrain. Das macht den gesamten Film fluffiger, aber irgendwie auch austauschbarer, weil die erzählte Geschichte in dieser Form von den Amerikanern sehr viel eleganter zelebriert wird. Denn im Endeffekt ist Conte d’automne eine einfache Liebeskomödie. Auf französisch-rohmersche Art. Aber das reicht mir dann doch nicht aus, wenn man bedenkt, wo wir acht Jahre zuvor begannen.

Fazit: Der Sommer hat gewonnen! Da die Filme jeweils eine in sich geschlossene Handlung bieten, darf man sich demnach auch einfach das beste herauspicken und sich darin sonnen. Im wahrsten und im übertragenen Sinne.

Und auf der großen Flimmerleinwand noch einmal (!) zu Gemüte geführt:

Hail, Cesar! (2016)

Doppelt hält halt besser. Nach der Synchroversion nun im englischen Original. Und der Film macht immer noch riesig Spaß. Insbesondere die gegen den Strich besetzten Rollen (Channing Tatum und Scarlett Johansson) können begeistern und ich mag die liebevollen Reminiszenzen an diverse Filmgenre der 1950er. Die Coens könnens!

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Erde, Mensch, und Ich abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Kurz und knackig: Die Flimmerkiste März Teil 2

  1. Schlopsi schreibt:

    Hachja, „Lone Ranger“ hat mir abgesehen von der Metaebene auch eine gesunde Portion Spaß beschert.

  2. bullion schreibt:

    Da kenne ich ja mal gar nichts von. Und spare mir jeden weiteren Kommentar.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s