(R) Wild – Von Wölfen und Menschen

Da ist dieser eine Moment im Film, der zum einen die brachiale Kraft animalischer Gewalt und zum anderen die sanfte Seite zärtlicher Annäherung symbolisiert: Ania steht in ihrem Schlafzimmer und lauscht den wummernden Geräuschen des Wolfes aus dem Nachbarzimmer. Ängstlich, aber doch fasziniert. Gespannt, ob der Dinge, die da gleich kommen mögen. Und dann fällt die Wand und Mensch und Wolf stehen sich gegenüber. Wehrlos und nackt. Beide.

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Die Monotonie des Alltags

Wild strahlt eine unbändige, dreckige Atmosphäre aus. Lilith Stangenberg als Ania agiert mit einer ungefilterten, extrem intensiven Nähe, die widersinnigerweise gleichzeitig auch eine gewisse Distanz schafft. Sie wird zum Sinnbild und zur Blaupause menschlicher Alltagsmonotonie: Schlafen, Essen, Arbeiten. Ihr Schauspiel begeistert. Diese emotionale Wucht. Diese Verletzlichkeit. Diese – ja, man muss es so sagen – spontanen Ausraster exzessiver Wildheit. Lilith Stangenberg meistert jede Sekunde des Films. Sie ist der Film! Ein Film, der die stupide, automatisierte Gesellschaft und ihre einsamen Protagonisten in bruchstückhaften Bildern und rohen, ungeschliffenen Schnitten visualisiert. Man spürt in jeder Sekunde die Langeweile, das Gefühl des Verlorenseins. Die trostlose Szenerie wird durch die Umgebung – eine von Hochhäusern dominierte Trabantenstadt, in grauen, dunklen Bildern gehalten – noch um ein Vielfaches potenziert. Der Ausbruch ist zu spüren. Auch wenn einem zuerst ein anderer Ausbruch, ein endgültiger Ausbruch aus dem Käfig des Lebens in den Sinn kommt.

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Die Dekonstruktion des Menschsein

Regisseurin Nicolette Krebitz konzentriert sich voll und ganz auf ihre Hauptdarstellerin. Zoomt nah ran, kriecht stellenweise unter die Haut und schafft damit beim Zuschauer ein beklemmendes Unbehagen. Die Konfrontation mit dem Wolf schafft zusätzliches Konfliktpotential. Die von gegenseitigem Respekt getragene Annäherungsphase geht langsam in eine beziehungsähnliche Symbiose über. Die Abhängigkeit voneinander wächst, die räumliche Nähe wird spürbar und erfahrbar geringer. Die Grenze zwischen animalischer Wildheit und menschlicher Überlegenheit verschwimmt, wird dekonstruiert und schafft eine neue Form des Daseins. An diesem Punkt ist die sorgsam aufgebaute Geschichte an ihrem Höhepunkt angelangt – erzählerisch und visuell. Der Ausbruch ist die letzte, endgültige Konsequenz. Mensch und Wolf werden eins.

Ania

Ein existenzialistischer Film!?

Wild manifestiert das Bild des postpostmodernen Menschen und dessen Funktionalität in einer Maschinerie alltäglicher, subtiler Abläufe. Gleichzeitig prangert er die urbane Einsamkeit der Stadt voller Menschen, die sich jedoch alle zumeist nur flüchtig kennen, unmittelbar an. Ebenso zeigt der Film das Verlorensein in einer menschlichen Welt und die ständige Präsenz existenzieller Ängste (nicht einmal zuvorderst ökonomischer, sondern viel mehr psychischer und sozialer Art) einzelner Individuen auf. Das filmische Experiment eines Ausbruchs aus diesem Käfig hin zur unbegrenzten, wilden, von allen Zwängen losgelösten Form des Lebens gelingt Nicolette Krebitz in beeindruckenden Bildern: Dreckig, rau, ungeschliffen, manchmal neblig verhangen und kalt, aber in kleinen kurzen Momenten auch sehr warm und nah, fast magisch verträumt anmutend.

Wild fordert den Zuschauer vor allem auf der metaphorischen Ebene. Wild ist ein Gedankenspiel. Ein an die Grenzen gehendes Ungetüm von Film, der aber gerade aufgrund dieser Prämisse so wichtig für die deutsche Filmlandschaft ist. Wild ist gekommen um zu bleiben. Um den Menschen mit der Nase auf die wunden Punkte der postpostmodernen Gesellschaft zu stoßen. Deshalb muss Wild auch diese radikale Bildsprache und das extrem intensive Acting seiner Protagonistin verwenden. Um aufzurütteln. Um zum Nachdenken zu animieren. Um zu verstören. Um anzuecken. Das schafft der Film! Voll und ganz!

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

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9 Antworten zu (R) Wild – Von Wölfen und Menschen

  1. bullion schreibt:

    Ich hatte neulich einen Podcast über den Film gehört und musste dabei tatsächlich an dich denken. Insofern überhaupt kein Wunder, dass dich „Wild“ so beeindruckt hat… 🙂

  2. Stepnwolf schreibt:

    😀 Ja, der Wolf (eigentlich sind es ja zwei) ist natürlich auch ganz gut in diesem Film. Und meine Stadt als Kulisse ebenfalls. Letzteres und der Umstand, das Frau Krebitz Regie führt, waren aber eigentliches Interesse am Schauen. 🙂

  3. Pingback: Kurz und knackig: Die Flimmerkiste Mai Teil 2 | Weltall. Erde. Mensch…und Ich.

  4. Aktion Morgenluft schreibt:

    Eine sehr beeindruckende Rezension!

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