Blogparade: Antiheld – die ‚echten‘ Protagonisten

Sie sind die eigentlichen, interessanten Charaktere eines Films: die nicht immer perfekt handelnden, in diverse Fettnäpfchen tretenden, in Hindernisse reinrennenden, aber dennoch stets um Lösungen bemühten Figuren. Ihnen ist nicht direkt das Heldenemblem auf die Stirn genagelt, sie würden es auch nie akzeptieren, derlei Vergleichen zuzustimmen. Trotzdem wohnt ihnen Heldenmut inne, wenn der auch von Fall zu Fall anders zu interpretieren wäre. Diese Protagonisten sind Antihelden und Miss Booleana sucht nach zehn von ihnen. Da bin ich doch sehr gern behilflich.

The Tramp (Charlie Chaplin) in allen Tramp-Filmen

Der Tramp als Prototyp eines Antihelden will stets das Gute und opfert sich für die Hilfsbedürftigen (nicht das er nicht selbst dazu zählen würde) auf. Für ihn ist der Motor des Antriebs nicht zuletzt die Liebe und das die sehr oft blind und taub macht und somit einen geradlinigen Lösungsweg grundsätzlich verhindert, stell für den Tramp nur noch eine zusätzliche Barriere dar. Denn seine eigene Tollpatschigkeit, gepaart mit schusseligem Vorgehen, bietet schon ausreichend Antiheldenpotential.

Tramp

Will Freeman (Hugh Grant) in „About a Boy“

Will wird sowohl im zugrundeliegenden Buch von Nick Hornby als auch im Film unfreiwillig zum Vorbild und Mentor eines völlig verunsicherten, pubertierenden Jungen, für den er der einzige Freund darstellt. Dabei könnte das dem werten Will egaler nicht sein, lebt er doch nur in den Tag hinein, ohne Ziel oder Ansporn oder irgendeine geartete Motivation. Bis, ja bis Marcus auftaucht.

about_a_boy

Michel Poiccard (Jean-Paul Belmondo) in „À bout de souffle“

Ein Gangster als Identifikationsfigur ist immer grenzwertig. Und Michel Poiccard macht es einem nicht leicht, sich für ihn zu begeistern. Er ist ein Macho durch und durch, ego- wenn nicht sogar narzisstisch veranlagt, überheblich und an der Oberfläche emotional unterbemittelt. Aber der Faktor Liebe (zu einer zugegebenermassen unwiderstehlichen Jean Seeberg) erweicht ihn, macht ihn aber auch angreifbar. Jedoch spätestens das Ende des Films zieht den Zuschauer auf seine Seite.

Belmondo

Charles Foster Kane (Orson Welles) in „Citizen Kane“

In all seinen Tätigkeiten und Entscheidungen steckt immer auch das Kalkül für die eigenen Bedürfnisse zu arbeiten. Natürlich, das ist mehr als logisch. Immerhin ist Charles Foster Kane nicht ohne Grund zu einem unglaublich wohlhabenden Mann geworden. Dabei bleiben viele Menschen psychisch, wie auch physisch auf der Strecke. Auf der anderen Seite hilft er aber auch einer Unmenge von Personen – bewusst und unbewusst -hat Vorbildfunktion und ist Motivator. Aber auch das ist logisch. Wohlhabende, erfolgreiche Menschen bewirken so etwas.

CF Kane

Phillip ‚Lip‘ Gallagher (Jeremy Allen White) in „Shameless US“

Lip ist, wie so ziemlich jeder Protagonist dieser Serie, ständig auf der Schwelle zum totalen Absturz. Viele seiner Aktionen rufen beim Rezipienten ein unbändiges Kopfschütteln, fassungsloses, erstauntes Schweigen oder hilfloses Zuschauen hervor. Man stutzt und fragt sich stets aufs Neue, was verdammt nochmal soll das Ganze? Und dann kommen immer wieder diese emotionalen Momente, diese Hoffnungslosigkeit, sein Wille, das richtige zu tun, sein uneigennütziger Einsatz für Freunde und natürlich auch den ganzen Gallagher-Clan. Antiheld par excellence.

Lip Gallagher

James ‚Jim‘ Stark (James Dean) in „Rebel without a cause“ 

Jung, unbedarft, noch ganz grün hinter den Ohren: Jim Stark steht noch komplett neben sich und der ganzen Welt um sich herum. Man spürt die Verzweiflung, die pubertäre Ahnungslosigkeit, besonders intensiv ist dies in der Polizeiverhör-Szene ersichtlich. Gleichzeitig offenbart sich einem aber auch dieser rebellische Freiheitsdrang, das Ausbrechen aus den familiären und sozial verankerten Strukturen des Jugendlichen. (Btw: Fantastisches Schauspiel eines famosen James Dean!) Jim mutiert zur Identifikationsfigur einer ganzen Generation (und das als ausgewiesener Antiheld).

James Dean

Leon (Jean Reno) in „Leon“

Noch ein Gangster und sogar Profikiller. Im Gegensatz zu Michel Poiccard ist Leon jedoch von Beginn an Sympathiefaktor, trotz seiner Tätigkeit. Natürlich bedingt durch seine Einfältigkeit und tumbe Art, was ihn von vornherein als vor allem emotional hilfsbedürftig erscheinen lässt. Seine finale Entscheidung im Verlauf des Films lässt Leon schlussendlich von einem waschechten Antihelden zu einem lupenreinen Helden werden – wenn auch nur für Mathilda.

Leon

Han Solo (Harrison Ford) im Star Wars Universe

Er kann im Star Wars Universum nur den Part des Antihelden (mit Wookie Sidekick) verkörpern, denn in diesem klassisch gezeichneten ‚Gut vs. Böse‘-Thema ist die Position des reinen Helden bereits unablösbar durch (vorrangig) Luke Skywalker besetzt. Aber sind wir doch mal ehrlich: die Rolle steht Han Solo sowieso viel besser. Alles andere wäre nur unglaubwürdig.

gif-han-solo-harrison-ford-luke-skywalker-Favim.com-3882954

The Dude (Jeff Bridges) in „The Big Lebowski“

Die Inkarnation des nichtstuenden Antihelden, der dennoch alle um sich herum gerade durch diese Motivationslosigkeit sinnstiftend antreibt und dann notgedrungen und unter ständigem Grummeln und Nörgeln ebenfalls tätig wird. In diesem Sinne ist der Dude auf der Antihelden-Skala von 1 (gleich ‚gar keinen Bock‘) bis 10 (gleich ‚alles müssen, wenn auch nicht wollen‘) eine -1. Darauf einen White Russian.

3-the-big-lebowski-quotes

Philip Marlowe (Humphrey Bogart) in „The Big Sleep“ 

Wenn es ein Filmgenre gibt, in dem einem ständig Antihelden über den Weg laufen, dann der Film Noir. Wenn es einen Prototypen des Antihelden im Film Noir gibt, dann ist es zweifellos Philip Marlowe (der, dessen bin ich mir bewusst, eigentlich eine literarische Figur ist). Wenn jemand jenen Privatdetektiv am innigsten verkörpert, dann wohl definitiv Humphrey Bogart. Marlowe agiert in einer korrupten, gewaltvollen Welt mit seinen eigenen geschaffenen Grundsätzen, die moralisch grenzwertig sind, die er selbst aber im Endeffekt konsequent durchexerziert, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen (und ganz nebenbei der obligatorischen Femme Fatale näher zu kommen).

PM-Bogart

Das waren sie. Meine zehn Antihelden. Auffällig ist, das ich keine einzige weibliche Figur benannt habe. Als Romantiker, der ich bin, gibt es für mich keine weiblichen Antihelden, nur die reine, schöne Unschuld. Der Realist in mir weiß jedoch, das sich in der fiktiven medialen Welt durchaus viele Damen mit unglaublichem Antihelden-Potential tummeln. Der Gentleman in mir klammerte dieses Wissen bei der Auswahl allerdings spontan aus… 🙂

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter und Ich abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

12 Antworten zu Blogparade: Antiheld – die ‚echten‘ Protagonisten

  1. Wortman schreibt:

    Leon ist eine gute Wahl 🙂

  2. singendelehrerin schreibt:

    Eine tolle Mischung aus klassischen Antihelden und moderneren Versionen! Ich hatte mich ja nicht für einen Protagonisten aus „Shameless“ entscheiden können – Lip ist auf jeden Fall eine gute Wahl! Er ist ja mit ein Hauptgrund, warum mir die amerikanische Version tatsächlich besser gefällt als die britische.

    Und ja, Jean Reno ist für mich ein Schauspieler, der wunderbar für die Rolle des Antihelden geschaffen ist!

    Dass mir der Tramp von Charlie Chaplin nicht eingefallen ist! Shame on me…

    • Stepnwolf schreibt:

      Der Tramp war tatsächlich der erste, der mir in den Sinn kam.
      Bei Lip ist mir jetzt, wo ich beide hier nacheinander genannt habe, erst so richtig aufgefallen, das er auch ne Art moderner James Dean ist. In seiner ganzen rebellischen Art. Ich hab die britische Version nie angefangen und jetzt will ich es auch nicht mehr, da mir die amerikanischen Gallaghers zu sehr ans Herz gewachsen sind. 🙂

      • singendelehrerin schreibt:

        Naja, ich „musste“ halt die ersten zwei Staffeln der britischen Version schaun, weil da James McAvoy mitspielte. 😉 Weiterzuschauen ohne ihn hat mich dann irgendwie nicht gereizt. Trotzdem konnte ich mir lange nicht vorstellen, dass die amerikanische Version tatsächlich besser sei. I was wrong! 🙂

        • Stepnwolf schreibt:

          Ist halt immer dieser Zwang, wenn man da so ein klitzekleines Faible für gewisse Schauspieler hat. 😉 Ich wußte gar nicht, das McAvoy da mitgespielt hat. Die ersten zwei Staffeln? Hat er den Part des Freundes von Fiona (heißt sie in der britischen Version eigentlich anders?) gemimt?

  3. bullion schreibt:

    Léon ist ein waschechter Antiheld. Einer meiner liebsten Filmfiguren. Weil er eben das Herz am richtigen Fleck trägt trotz seines Berufs. Antiheld eben. Sehr gute Wahl! 🙂

  4. friedlvongrimm schreibt:

    Bah, jedes Mal wenn ich den Belmondo irgendwo sehe, komme ich um das Augenrollen nicht herum.
    Tolle Liste, aber wo ist der Quotenthewlis?^^

  5. Miss Booleana schreibt:

    Tolle Liste! Danke fürs mitmachen. Besonders habe ich mich über die Nennung von ‚Citizen‘ Kane, Léon und Charlie Chaplins Tramp gefreut. V.A. Léon hätte ich auch gern auf meine Liste gesetzt, aber ich habe ihn schändlicherweise übergangen …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s