Kurz und knackig: Die Flimmerkiste Juli Teil 2

Den brysomme mannen – Anderland (2006)

Wo befinden wir uns? Im Vorhof zur Hölle? In einem Paralleluniversum? Anderland spielt mit dem Zuschauer und zeichnet uns eine Welt ohne Liebe, zumindest keiner echten, wahren, reinen. Der Mensch muss hier einfach nur funktionieren. Zuwiderhandlung wird negiert und durch die Putztruppe unter den Teppich gekehrt. Rebellen werden verwiesen in ein unbestimmtes Irgendwo, aus dem man nicht zu entkommen scheint. Anderland versinkt in langsamer, gemächlicher Erzählweise und lässt den verwirrten Zuschauer am Ende mit einer Menge Interpretationsspielraum und mutterseelenallein zurück.

Wir sind die Neuen (2014)

Ein deutscher Fernsehfilm, der aber ungemein Spaß macht. Kurzweilig, amüsant, schön mit den klischeehaften Bildern zweier so unterschiedlicher akademischer Generationen spielend. Alt-Hippies treffen auf streng fokussierte, studentische Arbeitstiere der Neuzeit. Es entspinnen sich einige feine Dialoge zwischen der jungen und alten Garde. Insbesondere Heiner Lauterbach gefällt sich und mir in seiner machoattüdenhaften Darstellung eines niemals alternden Charmeurs. Es gibt fürwahr sehr viel schlechteres deutsches Fernsehen als Wir sind die Neuen.

The Homesman (2014)

Wieder ein Western. Und wieder sehr emanzipiert daherkommend. Hilary Swank mimt die alleinstehende, intelligente Ostküstendame, die es in den wilden Westen verschlagen hat. Dort kümmert sie sich aufopferungsvoll und kompetent um ihren Besitz. Aber die Szenerie ist trostlos, schmutzig, ohne Hoffnung. Alle Figuren dümpeln so vor sich hin, ziellos, motivationslos. Da will man eigentlich nicht leben. Tommy Lee Jones – männlicher Protagonist und Regisseur in Personalunion – fängt das schwere Leben dieser Epoche visuell gut ein. An der Geschichte hapert es aber doch ein wenig, da die Charaktere zu oft zu eindeutig handeln. Dennoch ein passabler Western ohne Schnörkel.

Ex Machina (2015)

Wer spielt hier mit wem? Wer hintergeht wen? Und wieso merkt keiner was davon? Ex Machina ist eine Art Kammerspiel mit technischer Komponente. Und alle drei Protagonisten (ein creepy-gelackter Oscar Isaac, ein naiv-netter Domhnall Gleeson und eine mysteriös-magisch agierende Alicia Vikander) verheddern sich darin. Darf man zumindest erst annehmen. Doch am Ende kommt es anders als gedacht: Turing Test bestanden – Menschheit am Arsch…

Le dernier loup – Der letzte Wolf (2015)

Jean-Jacques Annauds Naturfilm in wunderschönen Bildern zeigt das Aufeinanderprallen verschiedener Welten. Zum einen die Welt des modernen, kulturrevolutionären Menschen und des demgegenüber stehenden, tief in der natürlichen Umgebung verwurzelten mongolischen Nomaden. Zum anderen die Welt jener Menschen und die um sie herum agierende Tierwelt. Der letzte Wolf gemahnt an die zerstörerische Kraft des Homo Sapiens, der sich seiner Überlegenheit bewusst ist, doch nie der Schönheit und Intelligenz der erhabenen tierischen Helden des Films – den Wölfen – gewahr wird. Bis auf Chen Zhen, der in diesem ganzen erzählten Kosmos stets die Stimme der Vernunft darstellt.

Everest (2015)

Der Film krankt an einem Aspekt: Die Figuren werden nicht gut eingeführt, weshalb sich keine Ebene aufbaut, die mich dazu veranlasst, im weiteren tragischen Verlauf der Geschichte emotionale Anteilnahme zu nehmen. Aber genau das braucht es im Genre Katastrophenfilm im Dramagewand. Hier sind fast alle Schauspieler verschenkt. Keine Ahnung, warum es eines Jake Gyllenhaal oder einer Keira Knightley bedarf. Regisseur Baltasar Kormákur hat eh nur einen relevanten Protagonisten am Start: den Berg! Immerhin fängt er den in ein paar schönen Bildern wunderbar ein. Das reicht aber höchstens für einen Naturfilm, nicht für einen Spielfilm.

San Andreas (2015)

Und noch ein Katastrophenfilm. Da aber der werte Dwayne Johnson die Hauptrolle spielt, dürfte klar sein, wohin das ganze Drama hier tendiert. Nämlich zu einem Actionblockbuster in Emmerich-Manier (jedoch von Adam Peyton in Szene gesetzt). Mit allen Ingredienzen, die es dafür braucht: tragisches Ereignis in der Vergangenheit, das aufgrund neuer Vorkommnisse wiederaufflammt; das Retten der Familie unter Einsatz aller erdenklichen (Un)Möglichkeiten; eine neue und erneuerte Liebe; vor allem aber viele Dinge, die komplett in Schutt und Asche gelegt werden – San Francisco zum Beispiel. Aber hey, solange am Ende die amerikanische Flagge gehisst wird und der gute Dwayne den Film mit einem ‚Wir bauen wieder etwas Neues auf.‘ beendet, ist ja alles gut.

Auf der großen Flimmerleinwand flanierte dieser Film vorbei:

The Neon Demon (2016)

Mich hat das alte NWR (wie ich den Regisseur jetzt nur noch nenne, nachdem er das so dezent in seinem Film verarbeitet hat) Problem auch hier wieder eingeholt. Der Film ist ohne Frage ästhetisch und wunderbar fotografiert, aber diese übertriebene Langsamkeit, dieser überbordende, pompöse Rhythmus. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Bei ihm sind selbst so schmutzige Kaschemmen wie das Motel (und sein schmieriger Besitzer) in Hochglanz abgefilmt. Da hilft mir auch das (eigentlich ziemliche coole) Ende und die sehenswerte Performance von Elle Fanning nicht wirklich weiter. Mr. NWR und ich? Das wird wohl nix mehr.

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5 Antworten zu Kurz und knackig: Die Flimmerkiste Juli Teil 2

  1. Nummer Neun schreibt:

    Ex Machina war mein Lieblingsfilm aus dem vergangenen Jahr. Sollte ich auch mal wieder schauen, hoffentlich verliert er beim zweiten Mal nichts. Wie fandest du die Tanzszene?

    Hmm was alle immer mit Everst haben? Ich fand ihn ja ganz spannend anzuschauen im Kino. Und die vielen Stars brauchte man wahrscheinlich, um die Figuren überhaupt erst mal zu etablieren. Wären das unbekannte Gesichter gewesen, hätte man in den dicken Mänteln ja niemanden wieder erkannt.

    • Stepnwolf schreibt:

      Auch ein Argument für die bekannten Gesichter. Kann man so sehen… 😉 Die Faszination Berg ist ja schon spannend, aber wenn man mehr als eine Doku fabrizieren will, sollte man die Figuren doch etwas genauer zeichnen.

  2. Aktion Morgenluft schreibt:

    Schade, dass The Neon Demon nichts für dich war, auch wenn ich es nachvollziehen kann. „Turing Test bestanden – Menschheit am Arsch…“ ist eine ziemlich treffende Zusammenfassung. Fand den auch richtig toll

  3. bullion schreibt:

    „Ex Machina“ fand ich ja gar großartig. Einer der Filme, die mich zuletzt am meisten beeindruckt hatten. Schade, dass „Everest“ anscheinend nicht so gelungen ist. Ich mag so Bergfilme sehr gerne…

    • Stepnwolf schreibt:

      Der Berg ist schon beeindruckend in Szene gesetzt. Von dem her kannst du dir den Film gern anschauen. Nur die Charaktere sind halt reine Staffage…

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