Kurz und knackig: Die Flimmerkiste Januar Teil 1

The Unforgiven (1960)

John Hustons Werk über Schuld und Sühne, Familie und Ehre, sowie ethnischer Diskriminierung. Wobei gerade letzteres bei The Unforgiven leider nicht den erhofften Stellenwert einnimmt, da die auftretenden Indianer erstens nur schemenhaft charakterisiert sind und zweitens dabei den typischen Stempel der brutalen Wilden aufoktroyiert bekommen. Das schmerzt besonders in Bezug auf die zu erzählende Geschichte, die genau diesen Raum mit viel Leben hätte füllen können. Die dafür nötigen Schauspieler hatte Huston immerhin zur Hand, denn sowohl Burt Lancaster als auch Audrey Hepburn dominieren die ohnehin visuell hervorstechenden Bilder. So bleibt nur ein schön anzusehender Film, dessen Handlung das klassische Western-Thema bedient ohne zu Provozieren.

The Danish Girl (2015)

Ein spannendes, wichtiges Thema, historisch verankert, aber aktueller denn je. Aber was macht Tom Hooper daraus? Beeindruckende Bilder, warm und angenehm wohlig. Und so fühlt sich auch der Film an, umgeht dabei aber jedwede Konfrontation, die angesichts des Themas und der Zeit, in der der Film spielt, sicher kontroverser war als hier inszenatorisch umgesetzt. Der innere Konflikt des Protagonisten (Eddie Redmayne kratzt schon wieder nah am overacting) wird gut herausgearbeitet. Ebenso der partnerschaftliche Konflikt (Alicia Vikander macht mal wieder sehr viel richtig). Aber auf dieser Ebene verharrt The Danish Girl und verliert dadurch jedwede, zu erwartende Brisanz.

Zootopia (2016)

Bunt, bunter, Zootopia. Hut ab vor den kreativen Ideen, die der gezeichneten Stadt zugrunde liegen. Diese kleinen Details, die Mannigfaltigkeit der tierischen Bewohner. Ihre Überführung in menschliche Pendants. Das ist wunderbar einfallsreich und visuell durchaus gelungen. Aber: Ich bin mit den beiden Protagonisten einfach nicht warm geworden. Die Interaktion beruht auf dem typischen ‚wir wachsen mit unseren Aufgaben und erkennen uns selbst‘ Schemata. Natürlich ist das kindgerecht und die sind ja in erster Linie angesprochen. Dennoch sind mir die Figuren zu flach, die Handlung zu durchkomponiert. Da helfen auch die bunten Bilder nicht viel.

The Huntsman: Winter’s War (2016)

Ernsthaft? Musste dieser Film tatsächlich sein? Ich wage zu behaupten, das der Grund für die Nichtteilnahme von Kristen Stewart (die Snow White des ersten Teils) an diesem Werk das intelligenteste war, was es zu The Huntsman: Winter’s War zu sagen gibt. Der Titel spricht bereits Bände über den stupiden Inhalt. Das sich hierfür namhafte Darsteller fanden, ist mir echt ein Rätsel. Handlungslogisch ein einziges Wirrwarr, aber immerhin sieht man die eine oder andere gelungene Kampfsequenz. Mehr auch nicht.

Gods of Egypt (2016)

Apropos mehr auch nicht: Man kann es echt übertreiben mit der erzählerischen Dehnung und Verzerrung. Wie hier mit der ägyptischen Mythologie verfahren wird, geht mitunter an die Schmerzgrenze des Ertragbaren. Seltsamerweise ist der Film trotzdem unterhaltsam, was zum einen an der stimmigen Chemie zwischen Gott Horus (Nicolaj ‚Jaime Lannister‘ Coster-Waldau) und Mensch Bek (Brenton Thwaites) liegt. Zum anderen an den locker-leicht-luftigen Kostümen der auftretenden Damen (looking at you Courtney Eaton). 😉 Gods of Egypt ist definitiv testosteron-geschwängertes, kurzweiliges, bierfreudiges Entertainment. Aber bloß nicht anfangen darüber nachzudenken.

Suicide Squad (2016)

Ich möchte an dieser Stelle betonen, das ich damals durchaus gewillt war Suicide Squad im Kino zu konsumieren, es mir aufgrund der Kritiken dann aber doch erspart habe. Und ich möchte an dieser Stelle betonen, das ich nunmehr wohl eine Breche für den Film schlagen muss. Denn mir hat er durchaus gefallen. Ich mag die Exposition mit der treffsicheren Charakterisierung des zukünftigen Suicide Squad. Ich mag die Interaktion zwischen den Akteuren. Ich finde die Auswahl der Schauspieler gelungen (Will Smith ist obercool, Margot Robbie verrückt-sexy, Jared Leto ein angenehm passender Joker, Viola Davis creepy-böse). Ich mag den DC-typischen dreckigen, dunkleren visuellen Stil. Natürlich ist mir die sehr oberflächliche Charakterisierung gerade der Nebenfiguren des Squads nicht entgangen. Aber mal ehrlich, wurde ein Vision oder ein Black Panther in Marvels The First Avenger: Civil War wirklich tiefgründiger vorgestellt? Auch die kritisierte verschnittene Erzählung kann ich nur bedingt nachvollziehen. Der Handlungsablauf ist stimmig, des Jokers Screentime reicht mir auch vollkommen. Gebt ihm halt einfach einen Solofilm (gern mit Harley Quinn an seiner Seite). Suicide Squad trifft meinen Geschmack, so wie Deadshot sein Ziel.

Deadpool (2016)

Damit wechseln wir auch sogleich das Comic-Universum. Rückblickend im Kino so gesehen macht der Film auch im Rewatch noch viel Spaß. Es ist vor allem die Umrahmung der erzählten Origin-Story, die begeistert. Das Einbinden der Zeitebenen. Das Überschreiten der Film- und Zuschauerebene. Und es ist nicht zuletzt der dreckige Humor, die diversen referenziellen Anleihen. Erwähnt werden muss allerdings der Antagonist, der zu blaß und flach gezeichnet daherkommt. Deadpool ist erfrischend anders, darüber müssen wir nicht weiter diskutieren, deshalb: Shut your mouth.

Genug vom kleinen Bildschirm, willkommen im Leinwandkino 2017. Dieses Kinojahr startet mit einem Überbleibsel des alten und etwas erfrischend neuem:

Rogue One (2016)

Dieses Planeten-Hopping zu Beginn ist schon ein wenig nervig. Die Intention der kurzen Einführung einzelner Figuren ist verständlich, aber eigentlich auch überflüssig, denn im weiteren Verlauf lernen wir sie eh nicht mehr sehr viel intensiver kennen. Dafür ist der Film nämlich zu rastlos, ständig vorwärts preschend, mit nur wenigen Verschnaufpausen. Fokussiert auf die gewaltsame Eroberung der lebenswichtigen Todesstern-Pläne (großartig bildgewaltige Schlachtszenen) vernachlässigt Rogue One die eigentlichen Akteure dieses Vorhabens. Und so konsequent wie der Film dies tut, so konsequent lässt er auch einen nach dem anderen das Zeitliche segnen. Menschen sind hier nur zu vernachlässigendes Material, das reihenweise niedergemetzelt wird (besonders exemplarisch in der einzigen Lichtschwert-Szene des ganzen Films). Emotional wirkt Rogue One nur in Bezug auf die liebevoll eingearbeiteten Referenzen an die Ur-Trilogie, jedoch nicht im Hinblick auf die sich durch den Film schlagenden Protagonisten. Die so oft erwähnte Hoffnung stirbt für alle Teilnehmer bereits hier, für die ganz am Ende auftauchende Star Wars Ikone erst ganz zuletzt.

Nocturnal animals (2017)

Ein erinnerungswürdiger, zugleich verstörender Anfang und ein offenes, mehrdeutiges Ende. Dazwischen die gekonnte Verstrickung dreier verschiedener Zeitebenen: Einer prätentiös, durchgestylten, hedonistischen, hochglanzpolierten Scheinwelt. Einer dreckigen, staubigen, extrem gewalttätigen und brutalen Schockwelt. Sowie einer dramatisch und gleichzeitig lieblich angehauchten Beziehungswelt. Tom Fords Werk Nocturnal Animals schafft daraus eine Symbiose, die zu einer einzigen Welt zu Verschmelzen scheint. Oder auch nicht? Wo endet die literarische Fiktion des Buches und beginnt die raue, kalte Realität? Ford spielt mit den zeitlichen Ebenen, überlappt sie visuell und auch in den Dialogen. Betrügt den Zuschauer mit Bildern, die doch eigentlich eindeutig sein sollten. Und er hat dafür ein brilliant agierendes Personal: Amy Adams, die in ihrer puppenhaft-sterilen Erscheinung eine eigenwillige Schönheit ausstrahlt, Jake Gyllenhaal, der den verzweifelt, emotional zerstörten Ehemann und Vater manifestiert, vor allem aber Michael Shannon, in seiner todessehnsucht-umwehten Südstaaten-Coolness und Aaron Taylor-Johnson als kaltblütiger, vorsätzlich handelnder, psychopathischer Mörder. Denkwürdige Bilder, intelligente Story, bravouröse Schauspieler. Was will man mehr?

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9 Antworten zu Kurz und knackig: Die Flimmerkiste Januar Teil 1

  1. bullion schreibt:

    Ah, interessant. „Zootopia“ haben wir ganz ähnlich wahrgenommen. Fand die visuelle Vielfalt auch beeindruckend, doch leider waren mir Charaktere und Botschaft dann doch zu aufgesetzt.

  2. trallala schreibt:

    Nocturnal Animals habe ich auch letztens im Kino gesehen und bin super dankbar diese Entscheidung getroffen zu haben.
    Auch beim Nachdenken über den Film fallen einem immer neue Sachen ein, die einem zwar aufgefallen sind, die man aber nicht sofort beim Gucken interpretiert hat und jetzt im Rahmen des Kontextes direkt mehrere mögliche Interpretationen hat. Ich war wirklich begeistert, als ich aus dem Kino kam und würde den mir auch nochmal ansehen – einfach nur, weil ich mir sicher bin, dass ich dann auch nochmal neues entdecken werde.
    Ich stimme mit dem „was will man mehr?“ auf jeden Fall überein, auch wenn ich gehört habe, dass einige andere den Film zu „strange“ fanden, um ihn zu genießen.

    • Stepnwolf schreibt:

      Ja, ist halt auch kein Wohlfühlfilm, insbesondere die Buchstory kommt extrem brutal rüber. Das zehrt schon an den Nerven.
      Man muss den Film sicher auch mehr als einmal sehen um die kleinen Gimmicks und Details zu sehen, die vielleicht auch eine befriedigendere Meinung zum Ende hervorrufen.

  3. singendelehrerin schreibt:

    Interessant: Erfreulich finde ich, dass du „Suicide Squad“ doch recht positiv siehst – ich fühlte mich da mit meiner Meinung ziemlich allein bisher. Dafür finde ich deine Kritik an „Rogue One“, dass man nicht emotional mit den Protagonisten mitgeht, für mich nicht nachvollziehbar. Ich fand das letzte Drittel des Films SEHR emotional. Noch mehr dann beim zweiten Sehen (nach Carrie Fishers Tod).

    • Stepnwolf schreibt:

      Mich haben die Protagonisten nicht abgeholt. Jyn Erso ist zwar mit Abstand die am tiefsten charakterisierte des ganzen Ensemble (natürlich), aber selbst da hielt sich bei mir das Mitleiden in Grenzen. Aber hey, man muss ja nicht immer emotional extrem involviert sein um einen Film gut zu finden. Und gut ist Rogue One zweifellos…

  4. friedlvongrimm schreibt:

    So, der Herr, jetzt wird abgerechnet. *lach* Nein Quatsch, aber mir ging es bei „Zootopia“ ähnlich. Im Kino war ich noch gut eingelullt durch die Aufmachung, konnte aber von Anfang an auch nicht wirklich eine emotionale Bindung zu den Protagonisten aufbauen. Da will ich lieber, dass alle „Vaiana“ toll finden.

    „Suicide Squad“…
    …….
    Du spinnst doch. Oder bist einer Sekte beigetreten. Ich finde zwar auch, dass Will Smith, Margot Robbie und Viola Davis durchaus das Beste aus ihrer Rolle gemacht haben, aber wirklich ALLES darum ist sowohl auf inhaltlicher als auch technischer Ebene schiefgelaufen. Da gucke ich freiwillig dreimal „Man of Steel“ und „Batman vs Superman“ hinteinander.

    „Rogue One“ hast du sehr getroffen, hast aber eine Sonderlobung von Ben Mendelsohn vergessen. *lach*

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