Kurz und knackig: Die Flimmerkiste Februar Teil 1

The Walk (2015)

Man fühlt sich beim Film ständig in einer Art Planphase eines Banküberfalls, nur das kein Geld geraubt, sondern einfach ’nur‘ ein Seil gespannt wird. The Walk kostet diese Planungsphase eines Hochseilakrobaten, der zwischen den Twin Towers in New York balancieren will ausgiebig und über einen langen Zeitraum aus. Verblüffender Weise ist dies im Endeffekt dann sehr viel spannender als der eigentliche Drahtseilakt in luftiger Höhe. Der wiederum glänzt dann mit beeindruckenden Bildern. Glänzen darf auch Joseph Gordon-Levitt als Protagonist und Erzähler der Geschichte, der eindeutig die Szenerie bestimmt und seine Mitverschwörer und Nebenfiguren zu reine Statisten degradiert. Aber es kann ja auch nur einer zeigen, wo es lang geht – bei The Walk.

The Magnificent Seven (2016)

Denzel Washington mimt den einsamen Cowboy, der auf Rache sinnt. Vincent D’Onofrio stampft bibelzitierend durch den Film. Chris Pratt spielt Starlord, nur in anderen Klamotten. Ethan Hawke sitzt introvertiert in der Ecke rum. Und die restlichen Drei sind Platzhalter für alle Minderheiten. Et voila: The Magnificent Seven reloaded. Klingt komisch, bietet in summa aber immerhin genug kurzweilige Unterhaltung und sehenswerte Actioneinlagen, das man zumindest mit einem Grinsen dem Schauspiel folgt. Leider erreicht der Film nie die emotionale Tiefe wie das Originalremake oder das wirkliche Original. Äußerst schade das Ganze.

Tatort: Der scheidende Schupo (2017)

Erstmal: Elegante Alliteration. Und dann: Wahrscheinlich der erste Tatort, wo der Mord bereits ermittelt wird, ohne das das Opfer überhaupt schon tot ist. Skurril sagt ihr? Wie der ganze Tatort an sich! Aber zur Verteidigung: Es ist ein Dorn/Lessing-Weimar-Fall, was bedeutet, das wir mal wieder wunderbar kurze, aber knackige Dialoge und seltsame Situationen zwischen Nora Tschirner und Christian Ulmen bestaunen dürfen. Was aber auch heißt, das hier wenig Krimi, dafür umso mehr Komödie zu sehen ist. Mir gefällt das. Dem klassischen Tatort-Rezipienten wahrscheinlich weniger.

Auch in den ersten zwei Wochen des Februars habe ich den Weg in eines der nahegelegenen Lichtspielhäuser geschafft und zwei Werke gesehen:

Manchester by the Sea (2016)

Verdammt, ist der gut! Der kleine Affleck! Der Casey! Egal, ob er einfach nur stumm und stupide seinem Job nachgeht, emotional wie ein Kühlschrank seinen Mitmenschen gegenüber auftritt oder spontan schlagfertige Argumente austeilt. Er lebt diesen Lee Chandler, diesen vom Leben gezeichneten Mann. Und er belebt diesen Film. Dieses ruhige, dahinfließende, ständig unterschwellig brodelnde, aber nie explodierende Monstrum an Film. Ihm zur Seite und fast ebenbürtig agierend: Lucas Hedges. Im Doppelpack kann man endlich mal wieder die altbekannte Phrase von der Chemie, die stimmt anbringen. Der restliche Cast ist zu vernachlässigen, Michelle Williams ist sogar verschenkt. Und wenn es Kenneth Lonergan auch noch geschafft hätte einige redundante Szenen zu vermeiden, dann wäre Manchester by the Sea ein rundum gelungenes Sehvergnügen. Wenn man denn bei diesem Werk überhaupt irgendwie von Vergnügen sprechen darf.

فروشنده – The Salesman (2016)

Ein Rape-and-Revenge Film auf iranisch. Sprich weder expliziter Rape noch gewaltvolle Revenge. Dafür sehr viel mehr ein psychologisches Drama, das den Zuschauer auf ethischer und sozialer Ebene anfixt, ständig mit kleinen emotionalen Stichen piesackt und durchgängig aufgrund der Handlungen der Protagonisten gedanklich fordert. Schon bei Asghar Farhadis oscarprämiertem Werk Nader und Simin sezierte der Regisseur die iranische Gesellschaft anhand einer typischen Familie, stichelte im Regelwerk des Staates und schaffte es zwischen den Zeilen kritische Töne durch metaphorische Bilder zu zeichnen. The Salesman schließt an diese Vorgehensweise an und erhielt dafür verdient eine Nominierung für die kommenden Oscars als bester fremdsprachiger Film. (Auch wenn ich selbst in dieser Kategorie Toni Erdmann den Sieg gönnen würde.)

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6 Antworten zu Kurz und knackig: Die Flimmerkiste Februar Teil 1

  1. bullion schreibt:

    Kennst du die Doku „Man on Wire“ zu „The Walk“? Die fand ich ja seeehr faszinierend. Der Spielfilm hat mich danach nicht mehr gereizt. Klingt aber dennoch sehr gut.

  2. gerhard schreibt:

    „Manchester By the Sea“ hab ich gestern gesehen, beeindruckend hinsichtlich Bildern und der toll eingesetzten Musik, schauspielerische Leistung wie Du sagst grandios, Story zutiefst deprimierend und irgendwo auch trostlos. Aber nichtsdestotrotz ein hervorragender Film.

  3. Nummer Neun schreibt:

    Den Tatort habe ich auch gesehen – und mich mal wieder gut unterhalten gefühlt. Fand ihn sogar besser, als den letzten mit diesem Duo (und andere sehe ich fast gar nicht).

    Die glorreichen Sieben stehen auch noch auf meiner Liste, aber der kommt hoffentlich demnächst auch mal bei Sky.

    • Stepnwolf schreibt:

      Ich bin auch kein großer Tatort-Gucker. Aber den Weimarer und ein paar vereinzelte andere (der Kieler wegen Sibel Kekilli zum Beispiel) schaue ich doch ab und an.

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