#52FilmsByWomen: Suffragette von Sarah Gavron

Historische Ereignisse im Film zu verarbeiten kann zumeist auf zweierlei Art erfolgen. Zum einen in Form einer Erzählung der wichtigsten Stationen des geschichtsträchtigen Umbruchs aus der Sicht der entscheidenen Akteure an den Hebeln der Macht. Zum anderen durch die Augen eines beteiligten, aber nicht führenden Repräsentanten dieses in die Annalen eingegangenen historischen Ereignisses. Suffragette geht den zweiten Weg und das war – um es vorweg zu nehmen – eine kluge Entscheidung der Regisseurin Sarah Gavron.

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Jeder Mensch hat eine Wahl.

Die Geschichte der Suffragetten-Bewegung in Großbritannien Anfang des 20. Jahrhunderts, dessen Kernpunkt die Erlangung des Wahlrechts für Frauen beinhaltete, ist eines diesen kleinen, abseitigen Umbrüche, die sich nicht sehr großer Bekanntheit erfreuen, sofern man nicht zwingend in jenem Land geboren ist (und im besten Fall auch noch dem weiblichen Geschlecht angehört) – doch wahrscheinlich selbst dort nur marginal. Aber gerade diese Geschichten sind es, die filmisch immer wieder zu interessanten Genrevertretern führen. Dabei erzählt Suffragette klassisch und chronologisch, konzentriert sich aber auf nur eine kurze Periode der Gesamtbewegung, ohne dabei wichtige Eckpunkte zu vergessen. So lernt unsere Protagonistin Maud Watts (die oben erwähnte Repräsentantin) nicht nur die Führerin der Bewegung kennen, sondern ist passiv oder sogar aktiv an einigen der geplanten (und beileibe nicht ungefährlichen) Aktionen beteiligt, deren Konsequenzen sie ebenso mitzutragen hat. Konsequenzen, die Maud nicht nur physisch an die Grenzen gehen, sondern vor allem auch psychisch mit herben Verlusten kämpfen lässt. Carey Mulligan ringt der Figur Maud Watts alle Facetten ab. Von der zu Beginn unterwürfigen Ehefrau, Arbeiterin und Mutter bis zur Wandlung zur rebellischen, aufmüpfigen Revolutionärin. Das ist solide gespielt ohne jedoch überragend hervorzustechen, man ist geneigt zu sagen: Wie es sich für einen Mitläufer in der Bewegung geziemt.

Denn in Suffragette glänzen die Nebendarsteller mit bravourösen Leistungen. Insbesondere  Natalie Press als Freundin Emily Davison liefert eine emotionale Achterbahnfahrt ab und bannt den Zuschauer an den Bildschirm. Aber auch Brendan Gleeson als Inspector Steed überzeugt, wenn auch vorrangig mimisch und gestisch. Selbst der kurze, aber umso intensivere Auftritt von Meryl Streep als die Führerin der Bewegung Emmeline Pankhurst versprüht Feuer. Neben der Schauspielerriege gelingt es Sarah Gavron die erzählte Zeit in wunderbar passenden Szenerien einzufangen. Die Bilder sind meist sehr dunkel in Braun- und Grautönen gehalten, liefern dreckige Schauplätze, die nur selten durch helle, farbintensive Kulissen gestört werden. Dafür ist die Geschichte und die Umstände in denen sich alle Akteure bewegen auch zu schwierig und zu gefährlich. Suffragette schafft es durch eine ausbalancierte Geschichte, deren Mittelpunkt die Menschen bilden (und genau um die geht es ja!), eine eigentlich nur historische Randnotiz in den Blickpunkt zu verlagern und den werten Zuschauer zum Nachdenken und über den Film Hinausdenken zu animieren. Stilistisch hält sich Sarah Gavron eng an konservativen Erzählstrukturen, was bei Suffragette aber nicht negativ ins Gewicht fällt. Der Regisseurin ist ein stringentes Werk gelungen, dessen Sichtung für jeden (der die Möglichkeit dazu hat) eine gute Wahl sein wird.

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

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2 Antworten zu #52FilmsByWomen: Suffragette von Sarah Gavron

  1. Miss Booleana schreibt:

    Habe ich vor kurzem erst gesehen und der Film hat mich sehr berührt. Immer wieder erstaunlich wie die Welt einmal getickt hat und wie sie in vielen Orten der Welt wahrscheinlich immer noch tickt. Frauen, die kein Mitspracherecht haben, wenn ihr KInd adoptiert werden soll etc. Tz.

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