#52FilmsByWomen: Mängelexemplar von Laura Lackmann

In der Buchbranche und dem Verlagswesen ist ein Mängelexemplar ein erhebliche qualitative äußerliche Mängel aufweisendes Buch, das daher nicht mehr der allgemeinen Buchpreisbindung unterliegt und deshalb günstiger verkauft werden kann. Als ich damals Sarah Kuttners erstes literarisches Werk erwarb, handelte es sich dabei nicht um ein Mängelexemplar. Ihr Buch war nämlich sowohl äußerlich als auch vor allem inhaltlich in einwandfreiem Zustand. Mängelexemplar las sich erfrischend locker runter und trotz der weiblichen Hauptperson vollzog sich die Identifikation mit dieser (für mich als Mann) recht schnell (wenn man über einige rein weibliche Passagen hinwegsieht). Die Protagonistin wiederum konnte man getrost als Mängelexemplar bezeichnen, kämpfte sie doch nicht nur mit ihrem aus dem Ruder geratenen Leben (Job weg, Freund weg), sondern auch mit sich selbst (mentale Stabilität komplett weg). Und doch war da jenes allzu menschliche Bedürfnis dieses physische und psychische Wrack dabei zu beobachten wie es sich aus dieser Lebenslage versucht zu befreien. Heraus zu robben. Wieder Mut und Hoffnung zu schöpfen. Oder dann doch im Endeffekt zu scheitern? Vielleicht.

Maengeleexemplar/UFA FICTION 2014

Volle Kraft voraus – gegen die Wand

Laura Lackmann war wohl ebenso begeistert vom Buch wie meine Wenigkeit und setzte dieses daher in visuelle Bilder um. Ihre Version von Mängelexemplar versucht sich zuvorderst dem hippen, coolen und frechen Schreibstil anzupassen und dies filmisch zu inszenieren. Das führt zu einigen konfusen und etwas chaotischen Szenen, die mehr Wert auf den reinen Effekt als auf die tiefere Etablierung der Figur legt. Der Film wuselt ständig vor sich hin und gönnt sich selbst keine wirklich Atempause. Man wird das Gefühl nicht los, das die Regisseurin unbedingt die prägnantesten Buchpassagen visuell verewigen wollte, einfach nur um diese Szenen sehen zu können. Darunter leidet die Charakterentwicklung unserer depressiven, unter Panikattacken durchs Leben stolpernden Karo. Sie bleibt mir in ihrer filmischen Version zu sehr auf Abstand. Ich bin nicht mittendrin und schon gar nicht dabei. Das ist schade, da Claudia Eisinger in der Rolle der Karo schauspielerisch durchaus überzeugt, ohne mich jedoch emotional mitzunehmen. Das hat die Buchinkarnation sehr viel besser hinbekommen. Laura Lackmann liegt aber anscheinend mehr daran Situationen zu etablieren als Emotionen zu schüren und kratzt somit immer nur an der Oberfläche von Karos eigentlichen Problemen.  Mängelexemplar ist visuell und erzählerisch ständig in Bewegung, verliert dabei aber das zu erreichende Ziel aus den Augen: die Darstellung und den Umgang mit der manisch-depressiven Erkrankung der Hauptfigur zu thematisieren. Denn bei allen humorvollen, zum Schmunzeln animierenden Bildern ist dies die eigentliche Kernaussage des Buches gewesen, darauf fokussierte sich die ganze Handlung. Das war die – neudeutsch – Message des Werkes. Der Film Mängelexemplar umschifft die ernsten Themen und schippert im seichten (unterhaltenden) Fahrwasser voran. Laura Lackmanns Debütfilm plätschert eher vor sich hin anstatt wie ein wilder Fluss den Zuschauer mitzureissen und ist somit äußerlich (visuell) ansprechend, aber inhaltlich zu brav. Eben dann doch ein Mängelexemplar wie es im Buche steht.

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

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4 Antworten zu #52FilmsByWomen: Mängelexemplar von Laura Lackmann

  1. Pingback: Kritik: Mängelexemplar – filmexe

  2. Morgen Luft schreibt:

    Den Titel hätte ich auch nicht weiterempfohlen…

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