#52FilmsByWomen: Elles von Malgoska Szumowska

Ist es falsch zu sagen, dieser Film fühlt sich sehr französisch an? Und das nicht nur aufgrund des Schauplatzes und der Hauptdarstellerin, sondern vor allem auch in der ganzen Art der filmischen Umsetzung? Nein – ist es wohl nicht. Elles kokettiert mit dem französischen Erzählkino vergangener Jahrzehnte und es kommt nicht von ungefähr, das man sich beim Schauen des Films an Werke wie Luis Bunuels Belle de Jour – aufgrund der Hauptfigur und des skizzierten Milieus – oder auch Francois Ozons Jeune et Jolie – aufgrund der Handlung – erinnert fühlt. Malgoska Szumowska versteckt ihre Vorliebe für die Filmkunst Frankreichs in keiner Minute ihres Werkes Elles. Vielmehr versucht sie sich an einer Art Retrospektive und bewundernder Reminiszenz. Mit uneindeutigem Ergebnis.

Elles

Bourgeoise Bedeutungslosigkeit meets frivole Freizügigkeit

Anne, erfolgreiche Journalistin für das Magazin „Elles“, recherchiert über Escortdamen, deren eigentlicher Tätigkeitsbereich nicht das Studieren von Körpern, sondern das Studieren an der Universität darstellt. Ihre zwei Interviewpartnerinnen sind Charlotte (charakterisiert als naives Landei, das in die große Stadt kommt und das studentische Glück sucht) und Alicja (eine Auslandsstudentin aus Polen, die sich durch ihr Studium aus den familiären Zwängen befreien will). Beide geraten aus ökonomischen Gründen in das Milieu und finden gefallen daran. Je mehr sich Anne in diese Welt begibt, desto bewusster wird ihr die eigene, langweilig zu scheinende, bürgerliche Enge und Engstirnigkeit.

Sagen wir es mal so: Die Geschichte bietet wenig involvierende Ansätze, eine gewollt aufgesetzte – jedoch nicht hervorbrechende – rebellische Ader der Protagonistin, ein paar nackte Tatsachen, aber ansonsten nichts Substantielles. Nichts, das uns als Rezipienten einen Mehrwert schenkt oder wenigstens durch unkonventionelles Handeln über das Gesehene nachdenken lässt. Somit beobachten wir Juliette Binoche als Anne dabei, wie sie sich durch Szenerien windet, die allzu offensichtlich die eingangs bereits erwähnten Vorbilder zitiert ohne darüber hinaus- geschweige denn hinweg zu denken. Malgoska Szumowskas Film mangelt es an eigenständiger erzählerischer Kraft und impulsiver, inszenatorischer Inbrunst. Wir erleben keinerlei Ausbruch. Weder filmisch, noch darstellerisch. Letzteres wird uns sogar auf beiden Seiten verwehrt: Sowohl Anne, deren emotionale Instabilität aufgrund der Recherche stets unterschwellig präsent ist, als auch die beiden Studentinnen (immerhin beide engagiert interpretiert von Anais Demoustier als Charlotte und Joanna Kulig als Alicja), die keinerlei Ambitionen zeigen ihren Job zu diffamieren oder zu hinterfragen, machen in Elles eine irgendwie geartete Transformation durch. Daher überrascht auch das Ende nicht zwingend, befinden sich doch alle Figuren wieder dort, wo wir sie zu Beginn der Geschichte antreffen. Was die gesamte Erzählung und somit den Film an sich ad absurdum führt.

Was bleibt ist ein lahmer Versuch bourgeoise Bedeutungslosigkeit und frivole Freizügigkeit zu vereinen, um daraus eine Quintessenz abzuleiten. Die findet der Zuschauer bei Elles von Malgoska Szumowska leider nicht unter dem Wust an Andeutungen ohne konkrete Bedeutungen. So bleibt die Erkenntnis anderthalb Stunden (ohne explizites Vorspiel) einem Schauspiel beigewohnt zu haben, das gänzlich unbefriedigt zurücklässt.

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Aktion #52FilmsByWomen, das sich den Regisseurinnen widmet. Mehr dazu unter http://womeninfilm.org/52-films/.

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2 Antworten zu #52FilmsByWomen: Elles von Malgoska Szumowska

  1. Miss Booleana schreibt:

    Mensch, der Anfang der Rezension klang so vielversprechend – schade, dass der Film zum Ende scheinbar im Nichts verläuft!?

    • Stepnwolf schreibt:

      Im Nichts in dem Sinne, das es tatsächlich keine Entwicklung der handelnden Figuren gibt, Stagnation ist da eher Trumpf. Aus der Sicht ist der Film also wirklich ziemlich mau. Aber immerhin sind die Reminiszenzen an das französische Erzählkino ganz passabel.

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